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Treppenwitz

Ich überlasse es der geneigten Leserschaft, im Duden oder in Wikipedia nachzulesen, was ein «Treppenwitz» im eigentlichen Sinne des Wortes ist. Für mich bedeutet der Begriff das Erlebnis einer verspäteten Erkenntnis einer witzigen Pointe. Konkret: Unten an der Treppe erzählt mir mein Gegenüber eine lustige Begebenheit. Aber mein Humorempfänger reagiert nicht. Ich steige die Stufen hinauf. Plötzlich «geht mir ein Licht auf» und ich muss lachen.

Das ist mir früher gar nicht so selten passiert. Plötzlich überkam mich ein Lachen. Ich wusste schon, wo sein Ursprung lag. Aber meine Umwelt wusste es nicht. Was mir gelegentlich verwunderte Blicke eintrug. Zufällig las ich dann in einem Lehrbuch für Psychiatrie, dass es ein sogenanntes «unmotiviertes Lachen» gebe. Ich vertiefte mich nicht in dieses Kapitel. Aber ich beschloss, meine Gefühle etwas besser unter Kontrolle zu halten. Ich konnte ja nicht allen erzählen, dass mein Lachen nicht die Manifestation eines seelischen Leidens, wohl aber die Folge eines Treppenwitzes war.

Es gibt tagtäglich immer wieder Situationen, die eine Pointe enthalten. Aber bitte, nicht einfach darüber lachen! Nicht alle finden dieselben Situationen in derselben Art lustig! Da kann man Menschen vor den Kopf stossen, beleidigen oder sich selbst als Depp präsentieren! Und das wollen wir ja alles nicht.

Einen kleinen Vorfall werde ich nie vergessen. Es war in der Zeit, in der aus dem Norden die Druckerzeugnisse mit immer offenherzigeren Darstellungen von Menschen auf den Titelblättern unsere Kioskaushänge überschwemmten. Ein renommiertes Blatt präsentierte auf dem Titelblatt Adam und Eva in der freien Natur, so wie Gott sie geschaffen hat. Nur die einschlägigen Körperstellen waren mit grünen Pflanzenblättern bedeckt. Ein Meisterstück war die Darstellung nicht.

Vor mir rannten zwei Kindergärtler die Strasse hinunter. Der eine stoppte vor dem Aushang, rief dem anderen nach, zurückzukommen und das Bild zu betrachten. Und dann schütteten sich die beiden Knirpse aus vor Lachen. Was sie so belustigte, konnte ich nicht nachvollziehen. Aber, es war klar: dieses Bild enthielt für die beiden eine ganz besondere «Pointe»!

Vom Treppenwitz zur Hintertreppengeschichte. Für mich war es wie eine Erleuchtung, als ich plötzlich verstand, woher dieses Wort stammte. Als Studentin hütete ich während der Sommerferien bei einer Familie in Paris einen zweijährigen Jungen. Mein einfaches Zimmer hatte ich im obersten Stock des vornehmen Hauses. Diesen Raum erreichte ich aber nicht über das offizielle, feudale Treppenhaus. Nein, von der Küche aus betrat ich eine einfach konstruierte Stiege, die in die Höhe führte. Oben befanden sich die Räume für die Angestellten. Hier traf ich gelegentlich eine deutsche Studentin, die einen ähnlichen Job hatte wie ich. Natürlich kamen wir ins Gespräch miteinander und tauschten unsere Erfahrungen aus.

Da können fachkundige Lexika noch so ausführliche Erklärungen für den Begriff «Hintertreppengeschichten» liefern. Ich weiss es aus eigener, also authentischer Erfahrung, was es heisst, auf der Hintertreppe eines vornehmen Hauses zu stehen und «Geschichten» auszutauschen.

Ich habe gelesen und war ganz beglückt, dass die Übersetzung von Treppenwitz ins Französische «esprit d`escalier» heisst. Was für eine elegante Formulierung! Was für eine passende Formulierung! Den «esprit d`escalier» erlebe ich jeden Tag. Bei meinen Kaffeetreffen mit Gleichaltrigen. Da beginnt eine Kollegin mit einer Erzählung. Über eine wunderbare Symphonie, die sie kürzlich gehört habe. Wir fragen nach dem Komponisten, aber sie stockt. «Lass es», sagen wir, «es wird Dir wieder in den Sinn kommen». Und wir wechseln das Thema. Plötzlich tönt es, gleichsam aus dem Nichts heraus: «Mahler». Der Komponist hatte sich bei der Kollegin gemeldet!

Es gibt Menschen, die sich über diese «Verspätung» der Gedanken ärgern. Das nützt nichts. Wirklich nicht. Das verbraucht nur Energie. Und davon haben wir ja nicht mehr so viel wie früher. Das Zauberwort heisst jetzt: «esprit d`escalier». Einige Schritte weiter im Gespräch, und das gesuchte Wort stellt sich von selbst ein.

Ja, wir sind zwar etwas langsamer geworden in Denken. Aber clever sind wir immer noch!

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5 Kommentare

  1. Liebe Judith Stamm, wunderschön, der «esprit d’escalier»! Ich denke nächstes Mal daran, wenn ich mich ärgere, dass mir ein Name oder ein Begriff nicht mehr einfällt – oder erst, nachdem ich die Treppe hochgegangen bin …

  2. Ich finde den Artikel auch sehr passend und hoffe mit dem herrlichen Ausdruck: Esprit d’escalier mich schneller abzuregen bis mir das gesuchte Wort einfällt!
    Ursula Feigel

  3. Liebe Judith Stamm
    danke für den wunderbaren Artikel. Esprit d’escalier ist ein genialer Ausdruck für meine kurzfristigen Gedächtnislücken. Ich habe mich köstlich amüsiert. Also einfach nicht aufregen und weiterhin Treppensteigen.
    Alles Gute und liebe Grüsse
    Brigitte Walker

  4. Einfach genial wieder, dieser Beitrag von Judith Stamm. Ich werde mir den Ausdruck «Esprit d’escalier» merken und lachen, wenn er sich bei mir dereinst wieder meldet.

  5. Liebe Judith Stamm,
    ihr abschliessender Satz: «Ja, wir sind etwas langsamer geworden im Denken. Aber clever sind wir immer noch.» kann ich voll und ganz unterstreichen, unterschreiben – einfach so aussagekräftig!
    Danke!
    Rosmarie Liechti

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