FrontKulturAnklage gegen machthungrige Populisten

Anklage gegen machthungrige Populisten

Shakespeares «Macbeth» als Vorlage: Die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy thematisiert mit ihrer Inszenierung «Before the Sky falls» am Zürcher Schauspielhaus die Willkürherrschaft im eigenen Land.

«Macbeth» von William Shakespeare ist eine zeitlose Urfabel über Machtgier, Mord und die sich fortsetzende Gewalt. Der anfangs zögerliche Königsmörder Macbeth wird, nachdem er mit blutigen Händen den Thron bestiegen hat, zum Tyrannen und Serienmörder. „Macbeth» spielt um das Jahr 1040 in Schottland und England. Shakespeare schrieb die Tragödie um 1606. Bis heute sind die im Klassiker behandelten Themen aktuell und bieten reichlich Stoff für Interpretationen.

Ein Bild von toxischer Männlichkeit

So auch für die brasilianische Autorin, Filmemacherin und Regisseurin Christiane Jatahy, die in «Before the Sky falls» am Beispiel von Brasiliens Machthaber Jair Bolsonaro ein grandioses Bild von toxischer Männlichkeit zeichnet. Es ist Teil 2 einer Trilogie des Horrors, die sie mit «Dogville» nach dem Film von Lars Trier über Mechanismus des Faschismus begann und mit Sklaverei und strukturellem Rassismus in «After the Silence» abschliessen will.

Partystimmung nach geglücktem Deal (von links): Matthias Neukirch, Lukas Vögler, Benjamin Lillie.

Im Zentrum der Aufführung steht die brasilianische Gegenwart im Würgegriff eines Verrückten, der die Corona-Pandemie leugnet, die indigene Bevölkerung sowie Arme, Schwarze und Homosexuelle bekämpft und den Regenwald zerstört. Mit von der Partie eine treue Männerclique, die das finstere Treiben des Führers willfährig unterstützt. Geister in Gestalt von trommelnden Kindern bedrängen den selbst ernannten Messias, treiben ihn wie bei Shakespeare in den Wahnsinn, zitieren Texte des indigenen Aktivsten Davi Kopenawa Yanomami, der an der Premiere persönlich anwesend war. Es sind Opfergeschichten aus der Schreckensherrschaft.

Grandiose Videoprojektionen

Die Pfauenbühne ist als Raucherlounge mit Stühlen und Tischchen ausgestattet, eingefasst von Seitenwänden mit alten Bildern, einem Treppenhaus und einem riesigen Spiegel hinten, in dem sich der Zuschauerraum spiegelt. Bühnenbildner Thomas Walgrave hat das Pfauenraum-Ambiente in die Bühne erweitert, sogar das Tapetenmuster findet sich wieder.  Grandiose Videoprojektionen unterstützen die Geisteratmosphäre, die anklagenden Stimmen, die Damen auf den Bildern treten leibhaftig blutüberströmt aus den Wänden hervor. Zum Schluss quillt der amazonische Regenwald als wütende und mahnende Anklage in den Zuschauerraum, ein fulminantes Schlussbild: Der Wald holt sich die Welt zurück.

Männerclique feiert ihren Führer (von links): Lukas Vögler, Kay Kysela, Matthias Neukirch, Benjamin Lillie. Fotos: Dianna Pfammater

Zu Beginn huschen ein paar Kinder gespensterhaft über die Bühne. Dann purzeln vier Männer die Treppe herunter auf die Bühne und feiern mit reichlich Champagner ihren grossen Deal, ein Drei-Milliarden-Geschäft. Völlig trunken von Macht und stark alkoholisiert zelebrieren sie korrupte und frauenverachtende Machos, küren den einen zum autoritären Herrscher, der Null Toleranz zulässt und aggressiv auf abweichende Meinungen reagiert. Einer fehlt in dieser Horrorclique: Macbeths einstiger Freund und Partner Banquo, der sich nur als schweigender Geist durch die Szenerie bewegt. Die vier Darsteller (Lukas Vögler, Benjamin Lommatzsch, Matthias Neukirch und Kay Kisela) zeigen ein eindrückliches Spiel von machthungrigen Gentlemen, meist exzentrisch lärmend dokumentieren sie kriminelles und menschenverachtendes Gebaren.

Eine gelungene Shakespeare-Adaption

Regisseurin Jatahy lässt es nicht beim in Wahnsinn zerstörten Despoten bewenden, vielmehr kürt die Männerclique einen noch mörderischeren und skrupelloseren Nachfolger. Die gut zweistündige Aufführung bietet eine äusserst gelungene Shakespeare-Adaption. Da wird ein hoch aktueller Shakespeare geboten, eine brillant inszenierte Anklage gegen die finsteren Machenschaften machthungriger Populisten wie Bolsonaro, aber auch gegen die globalisierte Wirtschaft, die Länder wie Brasilien ausplündert und zerstört.

Weitere Spieldaten: 1., 4., 9., 10., 16., 21., 29. November, 4. Dezember

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