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Faszination des Widersprüchlichen

«Schwarzes Licht» heisst die gegenwärtige grosse Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn. Ihr Untertitel «Positionen des Erhabenen in der zeitgenössischen Kunst» weist darauf hin, dass unsere Betrachtung zwischen ehrfürchtigem Staunen und wohligem Schauer wechseln kann.

Die Ausstellung empfängt uns in einem lichten Saal. An weissen Wänden sind die Gemälde in grossen Abständen gehängt, sie erhalten viel Raum, so dass wir uns auf jedes einzeln einlassen können. Schwarzes Licht, dieser Widerspruch in sich, den Kurator Robin Byland bewusst als Titel seiner Ausstellung setzt, ist hier nicht zu entdecken. Es geht ihm vielleicht weniger um den Kontrast der beiden Extreme, sondern um die Ambivalenz, um den Raum zwischen Schwarz und Weiss. Und, wie er selbst sagt, es geht um unsere Wahrnehmungen, insbesondere, wie nehmen wir die Natur wahr: Fühlen wir uns geborgen oder empfinden wir die Natur als Bedrohung.

Hier ein besonders schönes Beispiel für die Spannung zwischen Licht und Dunkelheit:
Hiroshi Sugimoto, Cinema Odeon, Firenze, 2013, Gelatin Silver Print, 67,5 x 83,3 cm, Privatbesitz

Diese Ambivalenz erkennen wir in einem Gemälde von Ferdinand Hodler, einem Meister in der Darstellung von Alpenlandschaften – auch von Bergkatastrophen. Sein Gemälde Die Lawine, entstanden 1887, zeigt im Hintergrund eine mächtige Bergflanke, im Vordergrund ein beinahe idyllisches Bergbächlein, wenn da nicht dazwischen die Lawine wäre, eine Bedrohung für alle im Tal. So sollen wir auch Das Erhabene in der Kunst verstehen: als ambivalentes Gefühl zwischen Wohlsein und Schauder. Über das Erhabene, einen heute fast vergessenen Begriff, wurde in der Ästhetik im 20. Jahrhundert erneut nachgedacht. Neben der Kategorie des Schönen drückt das Erhabene aus, was sich der sinnlichen Wahrnehmung entzieht, sich nicht in Worte fassen lässt und doch als überwältigender Eindruck Ehrfurcht, Bewunderung oder Furcht weckt.

Gegenüber dem Hodler-Gemälde erblicken wir Gewittersturm von François Diday, einem wichtigen Genfer Maler, ein äusserst expressives Bild, 1858 entstanden. Wir sehen, wie der Sturm die Bäume zerzaust, Wolken bedrohlich aufziehen und der einzige Mensch sich vor dem Unwetter zu retten sucht. Eine präzise, bewegende Darstellung. Sie rührt an die Widersprüchlichkeit unserer Gefühle. Im sicheren Haus erleben wir das Gewitter als Spektakel. Wer dem Gewittersturm ohne Schutz ausgeliefert ist, dem graust’s wohl.

Das älteste Werk dieser Ausstellung, Caspar Wolfs Das Innere der Bärenhöhle bei Welschenrohr aus dem Jahr 1778 hat Faszination und Schrecken schon im Titel. Für Menschen des 18. Jahrhunderts muss der Gang in eine Bärenhöhle einen grösseren Nervenkitzel ausgelöst haben als heute ein Bungee-Sprung von einer hohen Brücke. Den Schauder angesichts der Angst vor dem Bären drückt der Maler durch starke Kontraste aus, die dunklen, düsteren Farben überwiegen bis auf zwei Lichtflecken im Hintergrund. Dieses Bild hängt – leider etwas versteckt – zwischen dem hellen Saal und dem zweiten Raum, den der Kunststoffbau von Sara Masügers Grotte ausfüllt. Die Künstlerin bezieht sich explizit auf Caspar Wolfs Gemälde, ohne es zu imitieren.

Robert Zandvliet, Ijsberg, Ijszee (2018) Gesso und Eitempera auf Baumwolle. 270 x 333 cm (Foto mp)

Auf Caspar Wolf bezieht sich auch Robert Zandvliet. Sein Bild, im ersten, lichten Sall, dem Eingang gegenüber, trägt den gleichen Titel wie Wolfs Bild. Der niederländische Maler (geb. 1970) nimmt es sich «Vorlage» und vergrössert das Zentrum wie mit einer starken Lupe. Sein Werk steht zwischen Abstraktion und Naturdarstellung, es ist schwer zu deuten, wenn man den Titel nicht kennt, es könnte ein verschmutzter Kristall sein oder ein Totenschädel.

Im kleinsten und schwärzesten Raum der Ausstellung werden wir nicht mit Naturerscheinungen konfrontiert, sondern mit uns selbst, unserem Selbstbild, unseren Wünschen und Illusionen: Eine Installation von Fischli / Weiss. Auf die schwarze Wand werden permanent Sätze projiziert, insgesamt etwas mehr als 400, die im bekannten Büchlein von Fischli / Weiss Findet mich das Glück? gedruckt wurden. Überrascht war die Besucherin von der Aktualität dieser kurzen Sentenzen, als hätten Fischli / Weiss die Selfie- und Social-Media-Kultur vorausgeahnt, ihr Werk entstand zwischen 1981 und 2003.

Um die Wahrnehmung geht es auch in den folgenden Sälen: Die Aquarell-Bilder von Michel Grillet (geb. 1956) drücken das schon im Titel an Perception cosmique oder Perception Montagne oder Perception Paysage. Seine Arbeiten in vielen Blautönen faszinieren, besonders Eau Ciel und die Collagen winziger Bilder Mémoire de Paysage, die eine unerwartete Tiefe besitzen.

Francisco Sierra, O Sole Mio #2, 2016, Öl auf Leinwand, 30 x 40 cm

Komplementär dazu wirken die Bilder von Francisco Sierra (geb. 1977) in grellen Orange- und Gelbtönen, dazu ebenfalls in Blau: Die Serie O Sole Mio hat der Künstler nach einer Postkarte gemalt. Welch explosive Kraft verkörpert diese Sonne! Da ist er wieder, der ehrfürchtige Schauer und das Gefühl der Ohnmacht angesichts dieser Urgewalt. Den Kitsch hat Sierra vollständig beiseite gelassen.

Zandvliet begegnet uns noch einmal mit einem ebenfalls eindrucksvollen Gemälde Ijsberg, Ijszee (Eisberg im Eismeer, entstanden 2018, s.o.). Der Betrachtenden bleibt es überlassen, welche Gefühle solche Eisberge auslösen, wenn man weiss, dass sich neun Zehntel eines Eisbergs unter Wasser befinden. In seiner Komposition wirkt dieses Gemälde sehr reizvoll, Himmel und Meer korrespondieren miteinander, ohne sich zu spiegeln.

Victorine Müller, Mouvements végétatifs Nr. 1, 2 und 3 (2018) je 200 x 150 x 100 cm. Hochfrequenzschweisstechnik, transparente PVC- und PU-Folie. (Foto mp) – Beachten Sie die Schatten an der Decke, die sich durch die Beleuchtung ergeben.

Jedes der Werke verdient genaue Betrachtung. Es gilt herauszufinden, welche Wahrnehmung am deutlichsten auftaucht, nicht nur Furcht oder Ehrfurcht, die Erkenntnis, was wir auf unserem Planeten angerichtet haben. Doch der moralische Zeigefinger erhebt sich nicht, Ironie und Witz kommen auch ins Bild.

Im letzten Saal kehren wir zurück zur Beziehung zwischen Mensch und Natur. Victorine Müller (geb. 1961) hängt riesige durchsichtige Blasen in den Raum: Mouvement végétatif. (s.o.) Darin schweben amorphe Organismen, Symbol des Urzustands des Lebens. Das ist – trotz der Grösse – pure Leichtigkeit.

«Schwarzes Licht» im Kunstmuseum Solothurn kann noch bis 2. Januar 2022 besucht werden.
Zur Ausstellung erscheint im Verlag für moderne Kunst ein umfangreiches Buch mit zwei Texten; 128 Seiten

Titelbild: Ausstellungsansicht mit Robert Zandvliet: Ijsberg, Ijszee; und Simone Holliger: Form eines möglichen Schattens(Foto mp)
Alle Fotos (ausser Kennzeichnung mp):
© Kunstmuseum Solothurn

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