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Jeannot und Seppi

Josef «Seppi» Imhof hat zwanzig Jahre lang mit Jean Tinguely grossartige Kunstwerke gemacht und später als Restaurator im Tinguelymuseum dafür gesorgt, dass sie wie neu und in Bewegung bleiben. Nun schenkt der Assistent und Freund dem Museum seinen Nachlass aus der Zusammenarbeit: über 400 Briefe, Skizzen, Grafiken, Plakate.

Jean Tinguely – das sind nicht nur riesige kinetische Skulpturen aus Schrott, Federn, Knochen und anderen Wegwerfobjekten, Tinguely war auch ein begnadeter Zeichner, Grafiker und Gestalter auf Papier und seine Briefe und Postkarten sind gesuchte Objekte. Hunderte davon, viele mit Widmung, hat Seppi Imhof in den zwei Jahrzehnten gesammelt.

Vor der Plakatwand im Museum: Seppi Imhof kennt zu jedem Plakat die Geschichte. Foto: © E. Caflisch

Keiner, ausgenommen der Namensgeber, habe es je zu drei Ausstellungen im Tinguely-Museum gebracht, nur der Seppi, sagt Kurator Andres Pardey beim Rundgang durch die Räume wo die Papierarbeiten der Präsentation Merci, Seppi. Die grosse Schenkung Wände und Vitrinen beleben. 1999 hiess eine Ausstellung mit Briefen Sali Sepi, 2008 bei der Pensionierung des Assistenten, der nun Restaurator war, Tschau Sepp, und nun, viele Jahre später sagt das Museum Merci, Seppi. Ohne Imhof wäre es wohl sehr schwierig wenn nicht unmöglich gewesen, das Museum überhaupt zu eröffnen, denn niemand kannte die grossen und doch so fragilen Maschinen und deren heimliche Macken so gut wie er. So reiste er ständig zwischen Solothurn und Basel hin und her, bis er sich wiederum hauptberuflich dem Werk von Tinguely widmete, nun mit geregelten Arbeitszeiten.

Jean Tinguely: Charlotte OK. 1990, Kartoncollage als Kartengruss.

Imhof, von Beruf Schlosser, arbeitete bei der Von Roll. Die Geschichte, wie er zu Tinguely kam, ist bekannt und oft zitiert: Per Inserat suchte der Künstler einen schwindelfreien Mitarbeiter, der schweissen und jassen konnte. Beim Treffen wurden die beiden schnell einig. Wie der Arbeitsvertrag lautet, ist in einem Brief Tinguelys an «Herrn Imhof» vom März 1971 nachzulesen. Das anstehende Projekt war der Cyclop in Milly-la-Forêt, ein gigantisches Gemeinschaftswerk von Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, Rico Weber, Bernhard Luginbühl, Daniel Spoerri, und des neu eingestellten Assistent. An dem «Monster» habe man nur sommers arbeiten können, im Winter waren Ausstellungen irgendwo auf der Welt angesagt. Nach dem Aufbau und der Vernissage blieb Seppi Imhof meist allein zurück – die grossen Maschinen verlangten ständige Pflege.

Jean Tinguely: Cyclop, Werkskizze. «Für Sepi = Alles Klar». 1974-88. 

Regelmässig hat Jeannot seinem Assistenten in den zwanzig Jahren geschrieben, Glückwünsche, Anfragen, Aufträge und einfach Lebenszeichen – meist im typischen Stil – bunt, auch mal mit Federn oder Papierengeln beklebt. Erstaunlich, dass die Post den Adressaten auch gefunden hat. Ebenso üppig hat Tinguely dem «Sepi» Grafik aller Art gewidmet, die wie jedes Werk schnell entstanden ist. Tinguely hielt sich weder mit Entwürfen auf, noch mit Planung, Vorzeichnung, Reinzeichnung, was bei ihm zeitraubend war, war eher die Suche nach dem passenden Material, das er haben wollte. Das Zusammenbauen sollte dann schnell gehen, fürs Zeitraubende war ja der Assistent da. Imhof erinnert sich, dass man unterwegs Richtung Bern in Mötschwil bei Luginbühls Kaffee trinken ging. Während die Künstler Bärni und Jeannot sich unterhielten, suchte er das, was er noch brauchte und was Bernhard Luginbühl in Fülle besass: Neue Schrauben beispielsweise, was ihm den Übernamen «Schlüsseldieb» eintrug.

Jean Tinguely an Josef Imhof: Wie goht’s em CHAOS No. 1? (6. Juni 1979)

Tinguely der von Ideen sprühende Macher und Erfinder von absurden Maschinen brauchte jemanden, der diese Verrücktheiten umsetzen konnte – mit Schraubenzieher, Doppelmeter, Schweissgerät undsoweiter. Einer, der nie die Nerven verliert, sondern die passende Lösung findet, selbst wenn sie sehr ungewöhnlich ist. Etwa dann, wenn eine Maschine für die vorhandenen Türen zu gross ist, wie die Utopia im Palazzo Grassi in Venedig: «Das war nicht voraus bedacht worden,» erinnert sich Imhof und erzählt vom Bahnwagen, der heute zuoberst auf dem Cyclop-Monster steht: «Nur um den zuoberst hinzubringen, brauchten wir ein einziges Mal einen Kran. Dann kam die Frage, wer löst in zwanzig Meter Höhe die Ketten?» Klare Antwort das musste der schwindelfreie Seppi tun.

Vor Leonardo Bezzolas Diorama-Modell: Vier Männer im Wald beim Heftigdenken. 2001. Die Fotos entstanden beim Bau des Cyclops. Foto: © E.Caflisch

Imhof steckt voller Geschichten, denn die zwanzig Jahre mit Jeannot und dessen Künstlerkreis waren sein Leben, manchmal fast im 24-Stunden-Rhythmus. Nicht dass der Handwerker die Kunst gesucht hätte – von Tinguely kannte er nur die Heureka, weil er sie an der Expo 64 gesehen hatte – eher war es umgekehrt: Ohne den vielseitig begabten Fleissarbeiter wäre wohl manches Werk von Tinguely nicht so nachhaltig gelungen, dass die Musik noch heute spielt, wenn die Museen wollen. Diese Geschichten finden interessierte Besucher in den wohlgeordneten Zetteln, Plakaten und Zeichnungen wieder – es braucht nur etwas Lust und Zeit zum suchen.

 

 

 

Jean Tinguely: Der Altar des westlichen Überflusses und des totalitären Merkantilismus. Neujahrskarte für Josef Imhof 1990.

Da gibt es Skizzen und Entwürfe für die grossen Maschinen, Werkzeichnungen mit Arbeitsanweisungen, die in einem Konstruktionsbüro wohl niemals auch nur hätten gelesen werden können. Seppi Imhof dagegen kam damit zurecht – natürlich im engen Dialog mit Jeannot: «Der Tinguely sagte, was er wollte, der Imhof machte es.» Ausserdem ist diese Ausstellung das Dokument einer Freundschaft und eines tiefen gegenseitigen Vertrauens. Als Tinguely die Chaos-Plastik in Columbus, Indiana, aufbauen sollte, liess er Imhof bald allein zurück, rüstete ihn aber mit einem Spickzettel für englisch aus, der ebenfalls in der Ausstellung hängt: «Schweissapparat futsch» ist der erste Begriff, «Strom weg» kommt auch vor. Imhof ist heute noch stolz, dass Chaos I in Columbus überlebt hat.

 

Niki de Saint Phalle: Brief mit einer Skizze der kinetischen Hommage-Skulptur für Jean Tinguely, deren Konstruktion nicht erfolgreich gelang. Oktober 1991.

Ob er denn nie dran gedacht habe, seine Sammlung zu verkaufen, wird er gefragt: «Die Idee, Geld daraus zu machen, hatte ich nie. Ich hab ja alles geschenkt bekommen,» sagt’s und lüftet das Geheimrezept der kongenialen Zusammenarbeit, die mit Tinguelys Tod 1991 zu früh endete: «Mit Tinguely habe ich nie über Kunst gesprochen. Wir waren zusammen, haben gearbeitet und Spass gehabt.»

Titelbild: Josef Imhof und Jean Tinguely beim Schweissen von Chaos I in Columbus, Indiana. Foto: © Nachlass Leonardo Bezzola

Bilder: Museum Tinguely. Donation Josef Imhof. © 2021 ProLitteris Zürich; Museum Tinguely, Basel

bis 13. März 2022
Mehr Informationen auf der Homepage des Museum Tinguely.

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