FrontKolumnen«Für die nach uns»

«Für die nach uns»

Zwei grosse, globale Herausforderungen bedrängen uns: die aktuelle Covid-19-Krise und der Klimawandel. Die Konsequenzen, die sich aus ihnen ergeben, sind riesig, wenn nicht gigantisch: Es geht letztlich um Leben und Tod. Ja, müssen wir uns mit dem Virus Covid-19 arrangieren, mit ihm leben lernen? Oder können wir mit diesem superaktiven Virus zu Rande kommen, das sich laufend verändert, mutiert, den infizierten Menschen schwer belastet, sofern er sich nicht durch eine vollständige Impfung schützt, sich wohl immer wieder impfen lässt? Ist der rasante Klimawandel zu stoppen, oder wird das Leben auf unserem Planeten gar endlich? Grausam. Sind wir dieser Entwicklung schlicht ausgeliefert, gibt es kein Entrinnen?

Oder können wir diesen Phänomenen Paroli bieten? Zweifel sind angesagt. Das Schweizer Stimmvolk votierte im Juni beispielsweise gegen das CO2-Gesetz. Ganz nach «Present Bias», wie das Psychologen beschreiben: Dass nämlich bei der Entscheidungsfindung über das Gesetz eine zu starke Gewichtung auf die Gegenwart statt auf die Zukunft und die Gesundheit gelegt wurde. Also: lieber aktuell möglichst tiefe Benzin-Preise als eine Welt, in der in 30 Jahren auch unsere Nachkommen noch fröhlich leben können.

Für Roberto Simanowski, den deutschen Kultur-und Medienphilosophen, führt diese Gegenwartsbezogenheit zu einem Generationsegoismus. Er folgert: «Die eigene Freiheit ist einem wichtiger als die Zukunft unserer Nachkommen.»

Es war nach einer Fernsehsendung über die neue Verfassung im Fürstentum Liechtenstein. Wir sassen noch zusammen, der Fürst, sein Sohn, der heute die Geschicke des kleinen Landes lenkt, die Fernsehcrew, der ich als Moderator angehörte. Zuerst ging es um ein Transportproblem. Den Fürstensohn trieb die Sorge um, wie er wieder aufs Schloss hoch über Vaduz kommen würde; er müsse seine Frau ablösen, die Kinder betreuen, ins Bett bringen. Fürst und Sohn waren nur in einem Auto gekommen. Der Fürst war aufgeräumt, wollte noch bleiben. Die Fernseh-Produzentin bemerkte das Dilemma und löste das Problem. Hans Adam II. begann über seine Familie zu sprechen, über das Hausgesetz derer von und zu Liechtenstein. Mir ist ein Satz in Erinnerung geblieben, der sich bei mit fest verankert hat: «Wissen Sie, ich bin nur ein Glied in der Kette der Geschichte meiner Familie.» In den rund 30 Jahren seiner Regentschaft habe er mal, ganz wichtig, das Erbe seines Vaters anzutreten gehabt, jetzt hätte er es zu mehren und dafür zu sorgen, dass die nächste Generation es ihm gleichtun könne. Das gleiche gelte auch für sein Land, das Fürstentum.

Sind nicht auch wir alle nur ein Glied in der Kette der Geschichte unserer Erde, in der unseres Landes, der Stadt, dem Quartier, dem Dorf, wo wir leben und wohnen und letztlich in der Familie?

Welche Verantwortung haben wir in dieser Rolle zu übernehmen, jetzt in der aktuellen Corona-Krise, jetzt beim uns bedrohenden Klimawandel? Wir haben uns so gut wie möglich vor dem Covid19-Virus solidarisch zu schützen, wir haben uns vollständig zu impfen, alle die bekannten Vorsichtsmassnahmen einzuhalten. Dem steten Klimawandel wird die Weltgemeinschaft nur einheitlich begegnen können. Die UNO-Weltklimakonferenz in Glasgow machte deutlich, dass wir weit davon entfernt sind. Indien und China trotzten in letzter Minute; sie wollen vorerst nichts von einem Kohleausstieg wissen, lediglich von «einem Abbau». Das wird nicht genügen. Natürlich bemühen wir uns alle, auch die Politik, die Regierungen in dieser Welt, zumindest vordergründig. Selbst Brasilien gibt Versprechen ab, während grosse Waldflächen im Amazonas ungeniert mehr denn je abgefackelt werden.

Ja, die Gegenwartsbezogenheit vernebelt uns die Sicht auf die Zukunft, der Generationsegoismus verleiht uns Scheuklappen. Als Glied in der Kette der Geschichte fehlt uns «Der Blick aufs Mittelmeer» über die Berge hinweg. Roberto Simanowski stellt am Schluss seines Debattenbeitrages im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» die Frage: »Wofür leben wir?» und schliesst: «Die Antwort klingt spärlich und gross zugleich: für die nach uns!»

4 Kommentare

  1. «… für die nach uns!» – So ist es.
    Ob ich mit 77 oder 88 sterbe, ist weniger wichtig, als was ich den Nachkommen für ein System für deren Entfaltung hinterlasse.
    Mitte der 70er Jahre waren in der US-Amerikanischen Business Schule George Orwell’s «1984» und Aldous Huxleys «Brave New World / Schöne neue Welt» meine Pflichtlektüre. Das warnte mich vor einer Welt der immer stärkeren Übewachung, Kontrolle und Regulierung durch den Staat (und auch damals schon durch «Big Pharma»).
    Dem sollten wir nicht Vorschub leisten, sondern der vernünftigen Eigenverantwortung Platz lassen!

    • Es ist nicht «der Staat» oder «Big Pharma» die uns überwachen… Nein, die menschliche Schafherde gibt heute – freiwillig – praktisch alles Private laufend, rund um die Uhr preis! Den Social Media Giganten (Facebook, Instagram und WhatsApp alles in einer Hand!) Google, Apple, Amazon, Microsoft und Co. Die wissen bald alles von uns, wo wir uns aufhalten, wie viele Schritte wir getan haben, was und wo wir einkaufen, unsere Vorlieben, unsere politische Einstellung und unsere privaten Daten und Fotos haben wir in einer «Cloud» abgelegt, die dann von den vorgenannten auch wieder kommerziell missbraucht wird. Und da regt sich ein Drittel im Volk masslos über ein Covid-Zertifikat auf und wie dieses angeblich unsere «Freiheit» masslos einschränken soll…? Heute muss man sich viel mehr Fragen, ob nicht der Verlust der kognitiven Fähigkeiten beim Menschen: Das logische Denken, nicht die wahre Pandemie ist, unter der die Menschheit leidet?

  2. ..»Gegenwartsbezogenheit und Generationenegoismus»… unter dem sollen «wir», die Babyboomer bis zu den Vorgeborenen der Generation Z leiden? Das Narrativ, dass wir in den Augen der «Greta Thunberg Generation» messed up haben sollen und die nur noch «Ok Boomer» als dumme Antwort für uns übrig haben, teile ich überhaupt nicht! Die Thunberg’s sind überhaupt nicht repräsentativ für die «Zoomer» (Generation Z). Greta hat 13 Mio Follower auf Instagram und das Idol der Zoomer: Kylie Jenner, die Fashion Ikone und Influencerin hat 279 Mio Follower. Das sind 20 mal mehr und zeigt typsich den Zeitgeist und die Konsum- und Labelgeilheit der Zoomer und deren gelebter Gegenwarts-Egoismus! Nach einer US Umfrage würden sich 25% der Zoomer lieber einen Finger amputieren lassen, anstatt das Handy für 1 Woche weggeben zu müssen?! Eine derart verzärtelte, verwöhnte Generation, die sich lauthals beklagt, weil sie wegen Rücksichtnahme auf «die Alten» in der Covid-Pandemie für ein paar Monate keine Partys hat feiern können, obschon deren Leben eh praktisch nur noch virtuell stattfindet. Meine beiden Grossmütter haben fast ein Jahrzehnt ihrer Leben sich in zwei Weltkriegen massiv einschränken müssen und haben sich deswegen nie mit einem Wort beklagt.

    Nein ich teile dieses «Mea Culpa», das sich nun auch immer mehr Ältere von der Klimajugend haben aufschwatzen lassen, überhaupt nicht. In meiner Jugend herrschte in den meisten Seen noch Badeverbot wegen verschmutztem Wasser. Heute können wir Seewasser wieder trinken. Die Schweiz hat mit rd. 4t CO2 Emissionen pro Kopf den tiefsten CO2 Ausstoss aller westlichen Industrieländer (mit Schweden, IEA/OECD Zahlen). Weniger als die Hälfte von Deutschland und dem OECD Durchschnitt. Wir haben nie Kohlekraftwerke betrieben und auch den Atomausstieg beschlossen. Wir stehen gut da und können den Umbau in ein postfossiles Umfeld gut bewältigen. Die Industrie ist da der Politik eh schon weit voraus. ABER das wird nur gelingen, wenn genau die grünlinken NGO’s und die Klimajugend, die für deren Ideale marschieren, endlich in die Verantwortung genommen werden und ihre Opposition und Einsprachen zu allen Projekten für erneuerbare Energie endlich aufgeben! s. Erhöhung Grimsel-Staumauer (Einsprache WWF), s. Windparks (Einsprachen Pro Natura, WWF, Vogelschützer…). Eben mal liefern und nicht immer nur lafern und fordern!

    Die «Probleme», die in diesem Land hochstilisiert werden, möchten die allermeisten Länder auf diesem Planet haben. Die sind überwindbar und lösbar. Die Schweizer sind wohlstandsverwöhnt, egoistisch, undankbar und haben die Tendenz das frühere Erfolgsmodell selber, von innen her, zu zerstören. Die Generation Z und folgende stehen auch in der Pflicht es erst mal besser zu machen als ihre Vorfahren. Und da habe ich meine Bedenken, vorallem wenn sie Konsequenz ihrer eigenen Forderungen, nämlich einen massiven Wohlstandsabbau und Verteilungskämpfe am eigenen Leib zu spüren bekommen.

    • Super Analyse.
      Bloss: die Jungen sind meines Erachtens viel solidarischer als eine ganze Menge «Mittelalterlicher». Sie haben zu Beginn der Krise von sich aus Einkaufsdienste für Gefährdete organisiert, sie tragen die Masken im allgemeinen um einiges besser, etc. etc. Das obwohl ihre Laufbahnplanung durch Covid teils gehörig aus dem Ruder geworfen worden ist.
      Wer zettelt Klimajugend-Demos an? Meist die wesentlich älteren Revoluzzer vom Dienst, die grundsätzlich gegen alles sind, aber keine brauchbaren Ideen haben, wie man es besser machen könnte. Z.B. die oben erwähnten Gegner des Ausbaus von Wind- und Wasserkraft, die auch gegen PV-Anlagen an sonnigen Berghängen sind und statt dessen von Solarpanels auf Hausdächern im nebligen Mittelland schwärmen. Leider hat keiner von denen ein brauchbares Konzept, wie man Solarenergie in genügendem Ausmass und ohne unverhältnismässig viel graue Energie vom Tag in die Nacht und insbesondere vom Sommer in den Winter speichern kann. So lange dieses Problem nicht gelöst ist – und die Schweiz wäre aufgrund ihrer Topographie hierfür am ehesten prädestiniert – ist es scheinheilig und dumm vom Ausstieg aus nuklearer und fossiler Energie zu schwärmen. Das haben auch viele Gegner des Co2-Gesetzes gemerkt. Noch lange nicht allen ging es bloss um das eigene Portemonnaie.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel