FrontKolumnenOtto Normalsenior, der Alleskönner

Otto Normalsenior, der Alleskönner

Als ich kürzlich in einem Stellenportal rumsurfte stiess ich auf einen Senior Brand Manager. Das ist wohl ein Feuerwehrmann, dachte ich, vielleicht ein älterer, der Einsatzpläne macht. Als ich wenig später einen Senior Plant Manager entdeckte, vermutete ich einen Gärtner, der statt im Treibhaus im Büro arbeitet. Nachdem ich mich schlau gemacht hatte, erkannte ich, dass meine Ahnungen falsch waren. Ein Brand Manager ist einer, der sich ums Firmen- und Markenimage kümmert. Ein Plant Manager ist ein Betriebsleiter.

Falsch: Brand Manager sind keine Feuerwehrleute.

Jetzt zu uns. Wir lesen zwar die Stellenanzeigen nicht mehr so sehnsüchtig wie früher. Aber die meisten wissen, was das vorangestellte Senior bedeutet: Gesucht werden Männer oder Frauen mit Berufserfahrung. Senior in unserem Sinn sind diese Leute nur selten.

Stellenausschreibungen verlangen von den Bewerbern beinahe überirdische Qualitäten. Und umgekehrt versprechen die Inserate das berufliche Paradies auf Erden. Wir Bio-Seniorinnen und -Senioren wissen aus Erfahrung, dass auf beiden Seiten Abstriche zu machen sind.

Übertragen wir die Fantasiewelt der Stellenangebote auf uns reale Ältere. Welche Qualitäten haben wir für den anspruchsvollen Job des Vollzeit-Rentners mitzubringen?

Als erstes müssen wir mit unseren ständig schwindenden (und nicht erneuerbaren) Ressourcen haushälterisch umgehen. Es gelingt uns, diese Verluste (Augenlicht, Gehör, Gedächtnis, Fitness) so gekonnt zu kaschieren, dass es fast niemand merkt.

Zweitens haben wir ein sicheres Auge für Mode, die unserem Alter entspricht. Deshalb wissen wir, dass im Sommer öffentlich getragene Unterleibchen für Ü65-Herren unmöglich sind. Gleiches gilt bei den Damen für Textilien mit Spaghetti-Trägern. Sollte sich jetzt gerade Frau Tina Turner unter den Leserinnen befinden: „Please call us.“ Wir sind gerne bereit, mit der 82-Jährigen über Ausnahmen zu diskutieren.

Falsch: Plant Manager sind keine Gärtner.

Drittens müssen wir den Markt analysieren. Vulgär: Schnäppchen jagen. Als Seniorin günstiger zum ÖV-Abo, billiger ins Museum oder zum Coiffeur. Wir Älteren sind in der Schweiz zwar die finanziell am besten gestellte Altersgruppe. Aber was solls? Rabatte helfen zwar nicht gegen hohen Blutdruck, aber ein wenig gegen hohe Lebenshaltungskosten.

Jetzt noch einige weitere Qualifikationen. Sie betreffen Teilzeitjobs, sind aber deswegen nicht minder wichtig. Schauspielerisch und pädagogisch begabte Männer, viel seltener Frauen, bewähren sich in den nächsten Wochen als Samichläuse. Weiter sind wir Chauffeusen und Chauffeure. Wir bringen den Enkel Thomas ins Ballett und die Enkelin Monika zum Boxunterricht. Thomas zum Tanzen, Monika zum Fighten? Das sind keine Verschreiber, sondern gendergerechte Zuordnungen.

Wir haben eingangs berichtet, dass Plant Manager keine Gärtner und Brand Manager keine Feuerwehrleute sind. Nachzutragen ist: Als eine Betonröhrenfirma einen Plant Manager suchte, meldete sich tatsächlich ein Gärtner. Er bekam den Job nicht.

So was kann uns nicht passieren. Wir haben unsere Jobs auf sicher.


Nach entsprechenden Erfahrungen weise ich wieder mal darauf hin, dass dieser Text ironisch übertreibt. Ich hoffe, dass sich Kranke, Gebrechliche oder sonstwie eingeschränkte Menschen nicht betroffen fühlen.

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