FrontKulturSechs Frauenporträts

Sechs Frauenporträts

Wie ist heute die Lebensrealität der Frauen in der Schweiz? Dieser Frage widmet sich ein Kollektiv von Regisseurinnen, indem sie sechs Protagonistinnen in ihrem Alltag begleiten. Entstanden ist «Les Nouvelles Èves» mit unterhaltsamen Momentaufnahmen, die zum Weiterdenken einladen. 

Juni 2020 mitten in der Corona-Pandemie und ein Jahr nach dem nationalen Frauenstreik: Ein Frauenteam taucht in den Alltag von sechs Frauen ein und erforscht, was es heisst, heute in der Schweiz Frau zu sein. In «Les Nouvelles Èves. Heldinnen des Alltags» werden ihre Kämpfe und Träume mit interessanten Beobachtungen zu ihren Rollenzuschreibungen gezeigt. Es sind das die pensionierte Valeria Kepner in Lugano (64), die sich mit ihrer knappen Pension durchs Leben schlängelt und sich neu verliebt; die Baslerin Naima Cuica (44), ursprünglich aus Venezuela, die sich von der Kantinenmitarbeiterin zur Pflegefachfrau durchkämpft; Sophie Swaton (42), Professorin in Lausanne, die ihre Karriere und die Erziehung ihrer drei Kinder jongliert; die Opernsängerin Sela Bieri in Zürich, die in ihrer Berufswelt mit stereotypen Genderrollen konfrontiert ist, während ihr Partner den Haushalt der 4-köpfigen Familie führt; mit Delphine Rozmuski (18), Studentin, die in Genf ihrer Sexualität nachspürt, und Cosima Scheck (9) aus Bolligen, die in ihrem kindlichen Alltag stereotypen Bildern begegnet, die sie spielerisch hinterfragt.


Naima Cuica, auf der Suche nach einem Beruf

Leicht, fast schwerelos, doch nicht ohne Hintergrund werden die sechs Porträts zu einem Film verwoben. Gut spürbar sind die verschiedenen Fäden, welche die einzelnen Geschichten zusammenhalten. Formal im Vordergrund steht das Gehen oder Fahren, also das Auf-dem-Weg-Sein der Frauen, von dem der Film erzählt. Rollenspiele drücken die Befindlichkeit der Mädchen und jungen Frauen aus. Zusätzliche Informationen über das Frau-Sein kommen aus den Statements, die einem Gegenüber oder ins Off gesprochen werden. In meinen Augen am eindrücklichsten übermittelt uns die Sängerin Sela Bieri Aussagen über das Selbstverständnis der Frauen. Während sie klassische Arien probt, beginnt sie sich mit den Frauenbildern der traditionellen Opern auseinanderzusetzen. Am Schluss gibt sie als Rock-Lady Antworten auf die offenen Fragen zur heutigen Rolle der Frau.

Einige Dutzend Frauen haben bei diesem Projekt mitgearbeitet und ein abgerundetes schönes, heiteres, unterhaltsames Bild des Frauenlebens in der heutigen Schweiz geschaffen, das still und leise dafür sorgt, dass wir weiter am Thema bleiben. Und bei dieser Fülle weiblicher Interpretation überlasse ich es gerne den Filmfrauen, nachfolgend über die Vorgeschichte und die Hintergründe zu berichten:

Valeria Kepner, die Älteste im Film

Worte der Regie

Der historische Frauenstreik vom 14. Juni 2019, der in der ganzen Schweiz stattfand, war der Ausgangspunkt für unseren Film «Les Nouvelles Èves». Die Produzentinnen Judith Lichtneckert und Liliane Ott brachten im Vorfeld des Streiks eine Gruppe von sechs Schweizer Filmemacherinnen zusammen, um folgende Frage zu diskutieren: Warum sollten wir auch 2019 noch für die grundlegendsten Gleichberechtigungen zwischen Männern und Frauen demonstrieren? Sehr schnell kristallisierte sich die Idee eines Dokumentarfilmprojekts heraus, bei dem jede Regisseurin eine Frau treffen würde.

Der gemeinsame Wunsch war es, die unsichtbare weibliche Landschaft sichtbar zu machen: Frauen wie wir, unsere Mütter, unsere Grossmütter, unsere Töchter, unsere Schwestern. So machte sich jede von uns auf die Suche nach ihrer Protagonistin, vom kleinen Mädchen bis zur reifen Frau, von der arbeitsuchenden Migrantin bis zur alleinstehenden Rentnerin, von der Frau, die eine Karriere und ihre drei Kinder managt, bis zur klassischen Opernsängerin und einer jungen Frau, die ihre Jugend hinter sich lässt.
Delphine Rozmuski, die Studentin

Wir wollten den Film im Stil des «Cinema direct», d. h. diese Frauen inmitten ihres täglichen Lebens filmen, ohne Interview und Kommentar. Es bestand der gemeinsame Wunsch nach Einfachheit, nach einem möglichst genauen Blick, ohne Beschönigung oder Wertung, sondern nach Vertrauen in das, was wir vorfanden. Das war die Herausforderung des Films: Wie kann man so viele «Charaktere» in einem Film zusammenbringen, ohne einer vorgegebenen Erzählung mit einem Anfang und einem Ende zu folgen, einem Szenario, das uns leitet, und nur der Realität vertrauen? Aber wir wollten den Moment festhalten, in dem sich diese Frauen wie in einem Ausnahmezustand befanden und nicht mehr warten konnten.

Während des Schnittprozesses war es faszinierend zu beobachten, dass dieser Chor von Frauen uns unweigerlich zu einer weiblichen Vision der Welt geführt hat, in der jede von ihnen ganz konkrete Werte in sich trägt, die in unserer Gesellschaft wenig anerkannt sind: Fürsorge, Zuhören, Intuition, die Beziehung zu anderen, mit Kraft und Entschlossenheit. Genau darin liegt die stärkste Botschaft des Films: in diesen Werten und in der Tatsache, dass es an der Zeit ist, sie vollständig in unsere Gesellschaft zu integrieren.


Sela Bieri, die Opern- respektive Rock-Sängerin

Interview mit den Produzentinnen

Was ist der Ursprung des Filmes? Was war die grösste Herausforderung?

Das Arbeiten in einem Kollektiv ist herausfordernd, weil man sich zusätzlich zu den Auseinandersetzungen mit den Themen und den kreativen Entscheidungen zum Film auch immer wieder mit dem Arbeitsprozess selber auseinandersetzen muss. Wie finden wir Konsens in einer Gruppe mit sehr verschiedenen Herangehensweisen? Wie treffen wir Entscheidungen? Dieser Prozess wurde durch Corona erschwert. Der erste Drehblock musste im März 2020 nach einem einzigen Drehtag abgebrochen und unser Dreh- und Visionierungskonzept neu überdacht werden. Es war toll, zu sehen, wie wir gemeinsam Wege fanden, diese wichtige und komplexe Kommunikation trotz Corona, Social Distancing und dem konstanten Neudenken des Arbeitskonzepts, aufrecht zu erhalten.


Sophie Swaton, Mutter und Professorin

Wen wollt ihr mit dem Film erreichen?

Wir glauben, dass viele Frauen sich in unseren «Heldinnen des Alltags» wiedererkennen können. Natürlich hoffen wir, neben einem Publikum, das sich schon von Haus aus für feministische Themen interessiert, auch Menschen erreichen zu können, die sich vielleicht nicht als «Feminist*innen» sehen. Der Film folgt den Protagonistinnen auf emphatische Art und Weise durch ihren Alltag. Uns war wichtig, dass die Menschen im Vordergrund stehen und die Kernthemen des Filmes nicht mit erhobenem Zeigefinger ausgebreitet, sondern subtil, humorvoll und mit Optimismus gezeigt werden.

Was wollt ihr mit dieser Geschichte erzählen?

Nach wie vor haben Frauen in ihrem Alltag mit Genderungleichheiten, ob subtil oder offensichtlich, zu kämpfen. Ob systemisch, kulturell verankert oder mentalitätsbedingt – im Tagesablauf einer Frau gibt es zahlreiche Momente, die auf gesellschaftlich betonierte Ungleichheiten hinweisen. Dies gilt es immer noch aufzuzeigen und zu thematisieren, damit sich in den Köpfen und dem Verhalten der Menschen nachhaltig etwas verändert.

Titelbild: Cosima Scheck, die Jüngste im Film

Regie: Camille Budin, Annie Gisler, Jela Hasler, Thais Odermatt, Wendy Pillonel, Anna Thommen; Produktion: 2021, Länge: 80 min, Verleih: Firsthandfilms

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel