FrontKolumnenDer Samichlaus krächzt, das Christkindli blinkt

Der Samichlaus krächzt, das Christkindli blinkt

Ein Lichterbaum mit gefühlten tausend Lampen, eine aufblasbare Christbaumkugel, zwei Meter gross. Wie war das doch früher anders, besser. Ein Kerzlein auf dem Fenstersims, ein Lichtlein im Garten. So romantisch. Ach was. Wir Senioren neigen dazu, die Vergangenheit zur Jö-Idylle zu verklären. Denn: Kitsch gab es schon immer. Doch was in den letzten Jahren im Dezember zum Outdoor-Dekorummel herangewachsen ist, überstrahlt mancherorts jeden vernünftigen Rahmen. Liebe Ironie-Skeptiker: Wir übertreiben. Aber nur ein bisschen.

Früher kam der Samichlaus aus dem tiefen Wald. Heute hat ers mehr mit der Disco.

Samichlaus, singend, tanzend. Exemplarisch zeigen wir, was im fiktiven Einfamilienhausquartier Riedmatte abgeht. Begonnen hat das Wettrüsten vor drei Jahren. Damals stellten Mürners den singenden und tanzenden Samichlaus in den Garten, 1,5 Meter, 149 Franken. Solingers konterten wenig später mit dem Lichtervorhang Eisregen mit acht Modi für 169 Franken.

Die Temperatur fällt, die Stromrechnung steigt. Es ist Advent.

Ahornbaum, Herbstblätter. Im nächsten Jahr überholten Glausers die Nachbarschaft mit einem Ahornbaum, 2 Meter, mit 576 beleuchteten Herbstblättern für 340 Franken. Dies animierte Soltermanns die Konkurrenz ebenfalls mit einem Baum auszustechen: das Ding mass 4 Meter, hatte 750 Lampen und kostete 550 Franken. Auf einem Nebenschauplatz engagierten sich Aromatherapeutin Suana Ramspeck mit dem Steiner-Pädagogen Tremor Nünlist. Sie gruppierten Finnenkerzen mit kosmisch ausgerichteten Gingkozweigen. Von den übrigen Wettbewerbsteilnehmern wurde die Winterwendeskulptur allerdings kaum wahrgenommen.

Schnee hats kaum mehr. Schlitten schon.

Rentierfamilie, fünfteilig mit Kalb. Von Januar bis November des letzten Jahres herrschte Waffenstillstand. Doch anfangs Dezember rollte ein kleiner Pneukran durchs Quartier. Zusammen mit Fachkräften montierten Schindlers den Lichterbaum Variante Standard für 675 Franken, 7 Meter hoch. Nachbar Rolf Äberli verschaffte seinem Ärger Luft, indem er nachts Schindlers Grüncontainer umwarf. Wenig später hielt Äberlis beleuchtete Rentierfamilie Einzug, fünfteilig, mit Kalb, 1400 Franken.

Was haben Füchse, Pinguine und Hühner mit Weihnachten zu tun? Wir warten auf den Advents-Osterhasen. Bilder: Screenshots

Weihnachtskugeln, aufblasbar. Dieses Jahr eröffnete vor ein paar Wochen der alleinstehenden Roger D. Wermelinger den Wettstreit. Seine Waffen: drei aufblasbare Weihnachtskugeln, 2 Meter gross. „Wenn diese Kugeln in Ihren Bäumen hängen, glauben ihre Nachbarn dies kaum,“ warb der Lieferant. Sie kosteten zusammen 1875 Franken. Wenig später hielt ein Laster vor Zinggs Garten, im Truck der vorläufige Sieger der Riedmatte-Ausscheidung: ein fünfteiliges Krippenfiguren-Set, Kunstharz, lebendgross, 2200 Franken. Zurzeit, in der ersten Dezemberhälfte, ist wieder alles offen. Immerhin sah man gestern, wie sich Walter Grüter prüfend umschaute und man bemerkte, dass Lorenz Matter seine Terrasse ausmass.

Easyjet, Pistenbeleuchtung. Alle hier aufgeführten Personennamen haben wir gründlich geändert. Eine Riedmatte gibt es nicht wirklich – sie ist typähnlich überall. Absolut real sind hingegen die erwähnten Produkte. Nicht dermassen gut dokumentiert sind die Geschichten, die sich um die Lichtershows in der Riedmatte und anderswo ranken. Da verwechselte vor einigen Jahren ein Easyjet-Pilot das Adventsspektakel mit der Pistenbeleuchtung von Basel-Mulhouse. Der Tower verhinderte die Katastrophe. Wenig später flog ein Ufo bemerkenswert tief über eine ähnliche Illumination. Die Besatzung taxierte das Lämpchen-Festival als Symptom für den geringen Entwicklungsstand der hiesigen Bevölkerung und flog enttäuscht wieder davon.

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