FrontKolumnenVon Nonkonformisten zu Pflichtgenossen

Von Nonkonformisten zu Pflichtgenossen

Die Corona-Pandemie und kein Ende. Nach der Delta- nun die Omikron-Variante. An einer feierlichen Altleute-Veranstaltung, an der nur dreimal Geimpfte willkommen waren, deckelten alle den Bundesrat. Zu zaudernd, zu zögerlich, schlicht zu inaktiv sei er, er stehe wohl zu sehr unter dem Einfluss der Bürgerlichen und sei zu sehr beeindruckt vom Widerstand aus den Kantonen. Besonders verdächtigt wurde Ueli Maurer, der sich nicht in die Konkordanz eingliedern wolle, der sich im Trychler-Shirt präsentiert und damit den Widerstand gegen zu strengen Corona-Massnahmen deutlich zum Ausdruck gebracht, sich zumindest der Gegnerschaft anzubiedern versucht habe.

Unter den Gästen waren nicht wenige ehemalige Nonkonformisten, Alt-68iger, Menschen, die damals zu neuen Ufern aufbrechen wollten, die Autoritäten, insbesondere die des Staates, der Kirchen und der Lehre in Frage stellten, die eine neue Sexualmoral propagierten und lebten. Die mehr Demokratie (Willi Brandt), mehr Freiheit insbesondere für sich, aber auch für die Gesellschaft forderten, die Pflichten relativierten, die den gesellschaftlichen Anpassungsdruck negierten, die individualistische Werte in den Vordergrund rückten. Dazu passt, wie der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz in der «Zeit» schreibt, «der Aufstieg einer sozialliberalen Politik, deren wichtigstes Credo die Selbstbestimmung lautet und deren wichtigstes Ziel die Stärkung der Persönlichkeitsrechte ist.»

Die Bewahrer, die Verteidiger des damaligen konservativen, autoritären Weltbildes leisteten erbitterten Widerstand. Sie sahen die traditionellen Werte in Gefahr, die staatlichen Instanzen bedroht, die familiären Strukturen vor der Auflösung begriffen. Die Frontstellung war klar: hier Status Quo, da eine offenere, demokratischere Gesellschaft.

Und heute? Auf der Strasse demonstrieren nicht die Aufmüpfigen von damals, die mit dem autoritären Staat hadern. Es sind Traditionelle, Wertkonservative, durchsetzt von Rechtsradikalen, die dem Staat zutiefst misstrauen, die in Anlehnung an einen Slogan aus der Umbruchzeit in der DDR aus «dem Staat» – am liebsten – «einen Gurkensalat machen würden».

Woher kommt dieser fundamentale Wandel, diese so seltsame Umkehr? Hier die Rechte, die eine grenzenlose Freiheit und einen Staat auf Abstand fordert, und da sozialliberale und linke Kräfte, die nach Pflichten, gar nach einer Impfpflicht rufen, die einen starken, einen aktiven Bundesrat geradezu herbeiwünschen, die von Nonkonformisten, von Alt-68igern zu Pflichtgenossen, in Anlehnung an Eidgenossen mutierten.

Regelverstösse gehörten zu unserer Generation, wie schon bei unseren Müttern und Vätern. Wir besuchten das Kino, obwohl wir noch nicht alt genug waren. Wir rauchten heimlich erste Zigaretten, obwohl es uns verboten war. Wir probierten Bier, Wein, gar Schnaps, obwohl uns die Getränke gar nicht schmeckten. Unter den Schulbänken zirkulierten abgegriffene Heftchen der Nudisten, in denen nackte Frauen zu bestaunen waren. Wir wollten eines: Verbote austricksen, erwachsen werden, frei sein von Zwängen. Einfach: frei sein. Das Leben kennen lernen, dem anderen Geschlecht näherkommen. Aber immer wieder holten uns Zwänge ein. Für das Autofahren mussten wir teure Fahrstunden nehmen, eine nervige Fahrprüfung bestehen. Vor dem Einrücken in die RS, dem Erfüllen der hehren Dienstpflicht am Vaterland, setzten wir uns mit der Frage auseinander: verweigern oder einrücken? Beim Impfen wurden wir nicht einmal gefragt. Im Gegenteil. Wir hatten zum Starkrampfimpfen kommandiert in Einerkolonne anzutreten.

Nicht viel anders ging es in den Schulen, in der Aus-und Weiterbildung. Prüfungen an Prüfungen, Herausforderungen an Herausforderungen während des ganzen Lebens. Nicht viel anders haben es unsere Nachkommen. Der Leistungsdruck nimmt ungebrochen zu. Die Zeit der Pandemie macht es zudem nicht einfacher. Im Gegenteil. Wir müssen aus diesem Teufelskreis heraus. Wenn die grenzenlose Freiheit ins Verderben führt, sei an den ungeschriebenen Generationenvertrag erinnert, der uns verpflichtet, eine intakte Welt den Nachkommenden zu übergeben. Und das gelingt nur dann, wenn wir immer wieder die Balance zwischen der individuellen Freiheit und der Rücksichtnahme auf die Gemeinschaft austarieren.

Am letzten Freitag folgte dann der Donnerschlag, zu dem der Tagesanzeiger die Schlagzeile setzte: «Warum der Bundesrat genau jetzt den Corona-Hammer auspackt?» und gab die Antwort gleich selbst: Er will uns vor der Omikron-Variante präventiv schützen. Er hat verstanden.

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3 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Schaller,
    Ihre Stellungsnahmen lese ich immer mit grossem Vergnügen und Interesse.
    Vielen Dank dafür und die besten Wünsche zu Weihnachten und zum Jahreswechsel.
    Und… bleiben Sie gesund und schreiben Sie weiter !

  2. Sehr geehrter Herr Schaller

    Habe immer Freude an den Themen im Seniorweb.
    Doch am meisten freue ich mich über Ihre Artikel die immer zeitgemäss und sehr interessant sind. Dafür möchte ich mich❤️ bedanken.
    Sie sind mir auch in guter Erinnerung als Nachrichtensprecher, Chefredakteur etc.

    Wünsche ihnen und ihren Lieben
    Frohe Festtage und einen gesunden , glücklichen Start ins neue Jahr

    Freundliche Grüsse
    Susy Koller

  3. Sehr geehrter Herr Schaller
    Vielen Dank für ihre Beiträge im Seniorweb, ich finde sie immer sehr spannend,
    bereichernd und gegenwartsnah. Als Politiker der LDU habe ich Sie immer gerne
    gewählt. Ich hoffe, sie schreiben noch lange Beiträge für das Seniorweb.

    Ich wünsche ihnen und ihren Angehörigen schöne Festtage und für die Zukunft allerbeste Gesundheit. Herzliche Grüsse V. Wild

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