FrontKulturDenken aus der Pflanzenperspektive

Denken aus der Pflanzenperspektive

Das Zürcher Museum für Gestaltung präsentiert im Toni Areal eine grüne Doppelausstellung: «Plant Fever» zeigt, wie Kreative auf Pflanzen zugehen und neuartige Lösungen entwickeln. In «Formafantasma: Cambio» wird die globale Holzindustrie bezüglich der Rolle des Designs sowie ökologischer Verantwortung untersucht.

Die Bewegungen der Pflanzen sind so langsam, dass sie uns regungslos erscheinen, und wir sie mitunter lediglich als Material und dekoratives Element verstehen. Ein Blumenstrauss in der Wohnung ist zauberhaft, sobald er verwelkt, schmeissen wir ihn weg. Doch vielerorts findet ein Umdenken statt.

Marcin Rusak Studio, Perishable Vase. Rusak verwendet weggeworfene Blumen, um mithilfe organischer Bindemittel skulpturale Vasen zu erschaffen, die bei Kontakt mit Wasser und Licht verwesen.

Die Menschen haben erkannt, dass nicht nur sie selbst, sondern auch Tiere Gefühle haben. Die jüngsten Forschungen deuten darauf hin, dass Pflanzen ebenso empfindungsfähige und intelligente Wesen sind. Da fragt es sich, wieviel Macht wir über sie ausüben dürfen, und ob Pflanzen nicht potenzielle Verbündete bei der Bewältigung unserer Umweltprobleme sein können. Fragen, die diese Ausstellung begleiten.

Liz Ciokajlo, Hemp Shoes, 2013. Foto: © Stephanie Potter Corwin. Hanf gehört zu den ältesten kultivierten Pflanzen und wird heute für Vieles, von Medikamenten bis Dämmmaterial, verwendet. Liz Ciokailo nutzt die natürlichen atmungsaktiven Eigenschaften von Hanf im Schuhdesign.

In Plant Fever werden rund 50 internationale Projekte von Designerinnen und Designern präsentiert, die sich mit Strukturen und Verhaltensweisen in der Pflanzenwelt auseinandersetzen, um neuartige Lösungen und Materialien zu entwickeln. So werden aus Hanf Schuhe, aus dem stark invasiven Japanischen Knöterich Papier oder aus Baumrinden eine Art Leder. Die Inspirationen der Kreativen bieten die Basis für nachhaltige Weiterentwicklungen.

«Elowan» ist ein von Harpreet Sareen konzipierter Roboter, der einer Flamingopflanze (Anthurium) aufgrund ihrer bioelektrochemisch ausgesendeten Signale hilft, Licht zu finden.

Um mit Pflanzen kreativ arbeiten zu können, muss man sie zuerst einmal kennenlernen. Dafür sind Lupen an einem kleinen Tannenbaum befestigt, durch die man die Nadeln studieren kann. Wer sich mit einer Pflanze eingehend beschäftigt, stellt eine Beziehung zu ihr her, wie zu einem Haustier. Die Ausstellung zeigt, dass die Forschenden nicht nur neuartige pflanzenbasierte Materialien erfinden, sondern auch pflanzengerechte Geräte, Töpfe, Behälter, sogar Roboter zur Unterstützung der Gewächse.

«Pflanzen als Haustiere». Um Pflanzen kennenzulernen, werden sie durch die Lupe betrachtet, ihre Sprache erlernt und so eine Beziehung hergestellt.

Durch die moderne Architektur mit offenen, hellen und warmen Innenräumen sind Pflanzen zu einem dekorativen Element in der Wohn- und Büroumgebung geworden. In jüngster Zeit wächst die Erkenntnis, dass sie auch therapeutisch wirksam sind und als Wohlfühlbegleiter dazu beitragen, sich im städtischen Umfeld weniger zu entfremden. In der Schau ist dazu eine grüne Oase aufgebaut worden mit neuen Gestaltungselementen.

Die Ziele im Design sind bislang noch überwiegend auf den Menschen ausgerichtet, aber ein Ansatz aus der Pflanzenperspektive ist erkennbar. Pflanzen werden in ihren Eigenschaften respektiert und nicht nur für den Nutzen der Menschen instrumentalisiert und ausgebeutet. Das Statement des amerikanischen Ökologen Ian Baldwin «wir sollten versuchen, wie Pflanzen zu denken,» wird ernst genommen.

«The Edwardes Chair». Die englische Gruppe Full Grown ist vom alten Verfahren der Baumformung inspiriert und lässt Weiden zu einem Sessel heranwachsen. Diana Scherer arbeitet in ihrem Projekt «Übungen in der Domestizierung von Wurzelsystemen» mit Pflanzenwurzeln, um Textilien zu erschaffen, die sich selbst weben.  

Die zweite Ausstellung Cambio wird in Zusammenarbeit mit den Serpentine Galleries in London präsentiert. Das italienische Duo Formafantasma aus Mailand untersucht in Zusammenarbeit mit Fachstellen die globale Holzindustrie und hinterfragt die Rolle des Designs in der gegenwärtigen Klimakrise.

Die Gebrauchsgegenstände aus gefährdeten Hölzern an der Wand sind mit einem roten Punkt gekennzeichnet, wie etwa der Schaft von Pinseln oder Spachteln.

Die Holzindustrie gehört zu den grössten Industrien der Welt. Holz wird für die Produktion von Möbeln, Architektur, Papier, Kleidung, Brennmaterial und vielem mehr verwendet. Dafür werden Bäume in empfindlichen Ökosystemen der Erde gefällt. Cambio will mit einem fachübergreifenden Ansatz das Bewusstsein für dieses Thema schärfen und präsentiert Daten und Forschungsergebnisse in Form von Installationen, Interviews und Videos. Eine Geruchsinstallation am Ein- und Ausgang der Ausstellung erinnert an die feuchte Erde eines Waldes und macht deutlich, was auf dem Spiel steht, wenn wir diese natürliche Umgebung verlieren.

Titelbild: Aus der Ausstellung «Cambio», Holzproben mit besonderen Merkmalen, ETH Zürich. Fotos: rv

Museum für Gestaltung Toni-Areal, Zürich:
«Plant Fever – Design aus der Pflanzenperspektive», bis 03.04.2022
«Formafantasma: Cambio – Baum, Holz, Mensch», bis 08.05.2022

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