FrontKolumnen«Zäme gahts nur mitenand»

«Zäme gahts nur mitenand»

Oft sind es alte, weisse Männer, die als weise gelten oder sich als solche aufspielen, die uns mit ihren altklugen Ratschlägen meinen, in die Zukunft führen zu müssen. Auch wenn nun in den Gender-Debatten der Ausdruck der «bösen weissen Feministinnen» auftaucht, sind es eben immer noch alte, weisse Männer, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. Heissen sie Trump (75), Biden (79), Putin (69), nicht zu vergessen Ueli Maurer (71) oder gar Berlusconi, der sich anschickt, mit 85 Jahren, zwar oft etwas unpässlich, aber neu mit einer jungen Frau, mit Marta Fascina (30) liiert, italienischer Staatspräsident zu werden.

Berlusconi verhindern kann an sich nur einer zweifelsfrei: Mario Draghi – mit 75 ebenfalls ein Senior -, der seit dem 13. Februar 2021 italienischer Ministerpräsident ist, der Italien innert einem knappen Jahr in weit ruhigere Gewässer, gar in eine weit bessere Zukunft führt. Um nicht missverstanden zu werden: Das Alter allein ist also noch kein Kriterium, um nicht doch einen Staat lenken zu können. Draghi ist der Beweis dafür, ist aber immerhin zehn Jahre jünger als Berlusconi.

Es ist aber sehr wohltuend, wenn es nicht nur weisse Männer sind, die uns etwas zu sagen haben, sondern auch junge, engagierte Menschen. Spannend fand ich beispielsweise das Interview, das der Tagesanzeiger mit der deutschen Publizistin, Politikwissenschaftlerin und CDU-Mitglied Diana Kinnert (31) führte. Diana Kinnert unterstützte die britische Regierung bei der Einrichtung eines Ministeriums für den Kampf gegen die Einsamkeit, von der ja insbesondere viele ältere Menschen betroffen sind. Im Interview wies Diana Kinnert darauf hin, dass das Ministerium jetzt nach der Einrichtung dafür zu sorgen habe, der «älteren Generation die soziale Teilhabe auch tatsächlich zu ermöglichen».

An sich eine Binsenwahrheit, aber von zentraler Bedeutung. In den Gutachten, das sie und ihr Team für die Regierung erstellten, sei sie und das Team immer von einer Prämisse ausgegangen: Vom Prinzip der Subsidiarität. Das heisse, es seien immer und überall «bestehende Beziehungen und Strukturen zu stärken, statt neue zu schaffen». Auch dies ist an sich banal, aber von übergeordnetem Stellenwert. Sofort erinnerte mich das an Lehren, die aktuell bei uns aus der Pandemie gezogen werden sollen. So müsse der schweizerische Föderalismus dringend überprüft werden, meinte Bundesrat Guy Parmelin. Die Zahl der Bundesräte müsse von sieben auf neu erhöht werden, meinte der Nationalrat und überwies einen parlamentarischen Vorstoss.

Sofort will man Strukturen verändern, den Föderalismus neu denken, den Bundesrat erweitern. Statt zuerst die Frage zu stellen: Wird der Föderalismus auch richtig gelebt, sind die Regierungsräte in den Kantonen in der Lage, ihren föderativen Aufgaben nachzukommen, die Verpflichtungen gegenüber dem Bund angemessen wahrzunehmen? Können sie ihre Kantone im Rahmen der Eidgenossenschaft kompetent regieren? Wäre ein neunköpfiger Bundesrat tatsächlich aktionsfähiger oder nicht gar instabiler, weniger konsensfähig? Liegt es nicht vielmehr an den Personen, an ihrer Regierungsfähigkeit, an ihrer Integrität, am Willen, auch unangenehme Botschaften zu vermitteln, wenn es notwendig ist, wie gerade jetzt in der Zeit der Pandemie?

Die Frage zu stellen heisst auch, sie zu beantworten. Ja, ich bin der Meinung, es hängt weit mehr von Personen ab als von den Strukturen. Es hängt aber ganz entscheidend davon ab, ob ein Gremium zusammenarbeiten kann. Dazu ist mir ein Satz des 50jährigen innovativen und daher sehr erfolgreichen Zürcher Gastronomen Marc Blickenstorfer im Tagesanzeiger aufgefallen: «Zäme gahts nur mitenand». Das gilt tatsächlich weit über die Regierungen hinaus, für die Gesellschaft, die Wirtschaft, selbst für Seniorenorganisationen.

1 Kommentar

  1. Was «alte weise, weisse Männer an den Schalthebeln der Macht» anbelangt, dann hat grad Italien damit sehr gute Erfahrungen gemacht, was das Amt des Staatspräsidenten der Republik anbelangt. Erinnern wir uns daran, dass die fünf letzten Staatspräsidenten von hoher Integrität waren und sich einer hohen Beliebtheit im Volk erfreuten. Die meisten gegen 80 bei Amtsantritt und bis über 90 beim Rücktritt und alle von einer erstaunlichen Langlebigkeit gesegnet. Pertini (93), Scalfaro (93), Ciampi (95), Napolitano nun im 97 Jahr, Mattarella Rücktritt mit 81. Berlusconi würde diese Reihe von Persönlichkeiten, die mit ihrer Integrität dem Amt Würde und Kraft verliehen, brechen und es ist zu hoffen, dass er nicht gewählt wird. Und wenn ich mir die Arroganz und Masslosigkeit der Juso SP Schweiz Doppelführung ansehe, dann ist das ein Beweis, dass Jugendlichkeit ganz sicher kein Garant ist für ein vernünftiges, zukunftsträchtiges Miteinander zum Wohl dieses Landes. Genau das gleiche beim Sesselkleber Maurer (71), der trotz fortgeschrittenen Alters sich immer noch nicht wie ein Bundesrat zu benehmen weiss und mit Taten und Sprüchen regelmässig provoziert und sich blamiert. Alter und Herkunft sind in der Politik sekundär. Charakter, Charisma, Intelligenz und Integrität sind entscheidend. Und für Weisheit braucht es halt Lebenserfahrung und Alter. s. italienische Staatspräsidenten.

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