StartseiteMagazinKulturSechs furiose Monologe zu Wagners «Ring»

Sechs furiose Monologe zu Wagners «Ring»

Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in gut vier Stunden – kann das gut gehen? Ja, es kann! Regisseur Christopher Rüping und Autor Necati Öziri präsentieren am Schauspielhaus Zürich eine zeitgemässe Ring-Version, in der es nur am Rande um Richard Wagner und seinen Weltbeherrschungsring geht.

«Heute Abend geht es darum, sich einzulassen auf die Menschen der Bühne, auf die Klänge und Texte und Sie können getrost vergessen, was Sie über Wagner wissen bzw. müssen nicht vorab schnell noch googeln, was es mit ihm auf sich hat. Denn Richard Wagner ist Vergangenheit und wir allesamt Menschen von heute sind es nicht.» Diese Einleitung zum Stück im Programmheft gilt es zu beherzigen. Regisseur Rüping und Autor Öziri verstehen ihre Inszenierung als «Korrektur», indem Wagners düsteres Weltbild in sein Gegenteil verkehrt wird. Und das gelingt ihnen in hohem Masse und auf eindrückliche Art und Weise.

Kerzen giessen für die Zuschauer: im Bild Maja Beckmann und Niels Kahnwald.

Gespielt wird auf einer mit schwarzen Stoffbahnen ausstaffierten Bühne. Die Einrichtung im Hintergrund verrät eine Kerzengiesserei mit grossem Trichter, in der die Schauspieler während des ganzen Abends Kerzen giessen, die am Schluss zeremonienhaft an die Besucherinnen und Besucher verteilt werden. Gewichtig in dieser Inszenierung ist der Musiker und Rapper Black Cracker, der von einem Soundpult aus die einzelnen Auftritte mit eigens von einer Berliner Musikergruppe für die Aufführung kreierten Sounds unterlegt und auch schauspielerisch mitwirkt.

Den Text am Telefon abgerungen

Autor Öziri im Jogging-Outfit erzählt zum Auftakt am Bühnenrand auf sehr originelle Art, wie ihm Regisseur Rüping den Text am Telefon und per SMS abgerungen hat, dass er ein Wir-Träumer sei und mit Wagners Mammutoper nicht viel anfangen könne, dass er jenen Figuren Wagners Gehör verschafft, die sonst nichts zu sagen haben. Es sind dies Zwerg Alberich, die Riesen Fafner und Fasolt, Brünnhilde, Fricka, Erda. Sie sind es, die einzeln und als Duo an die Rampe treten und in langen Monologen klagend, schimpfend und schwärmend von einer besseren Welt träumen, in der der Einzelne respektiert und geachtet wird. Es sind Monologe, die Wagners Mythenwelt voller Gier, Grausamkeit, Unterdrückung, Vergewaltigung und Rassismus als alten Zopf entlarven und dieser eine freiheitliche Welt der Gemeinsamkeit und Gleichberechtigung entgegenzusetzen versuchen.

Matthias Neukirch (links) als Pseudo-Wotan beklagt seine verlorene Macht. Ganz rechts: Autor Necati Öziri.

Die acht Schauspielerinnen und Schauspieler liefern allesamt grossartige Auftritte. Wiebke Mollenhauer spielt Wotans Lieblings-Walküren-Tochter Brünnhilde herzergreifend, mal wütend und tobend, mal tief verletzt ab der Last, der Willkür des Vaters ausgesetzt zu sein. Köstlich sind Benjamin Lillie und Steven Sowah als die Riesen Fafner und Fasolt, die synchron im Duett ihre betrogene Jugend beklagen und diese zurückfordern. Niels Kahnwald gibt einen nachdenklichen Zwerg Alberich, der über die Attraktivität in unserer Welt sinniert, von Menschen, die nicht dazu gehören und ins eiskalte Wasser steigen. Maja Beckmann als Wotans Gattin Fricka besticht durch ein ambivalentes Spiel, beklagt die Missachtung durch ihren Gatten, gleichzeitig beschwört sie zusammen mit dem Musiker Black Cracker singend ein selbstbestimmtes Leben. Grossartig der Videoeinschub mit Fricka in jungen Jahren, in dem sie im Bett liegend ihre Liebe zu Wotan in ein Aufnahmegerät stammelt.

Matthias Neukirchs glanzvoller Auftritt

Spezielle Erwähnung verdient Matthias Neukirch als zürnender Pseudo-Wotan. Anfänglich im Publikum sitzend verteidigt er wortgewaltig und selbstgefällig sein Lebenswerk, steigt in römischer Kampfmontur auf der Bühne auf eine Hebebühne und lamentiert mit Drohgebärden über seine verlorene Macht und die heutige Arroganz. Eine Glanznummer von Neukirch, der sehr energiegeladen und temporeich ein letztes Aufbäumen zelebriert. Bleibt noch Yodit Tarikwa als Erda, die gegen heutige Zeiterscheinungen («Eure Demokratie ist nur noch Kampf um Likes») poltert und Untergangsstimmung heraufbeschwört.

Die junge Fricka (Maja Beckmann) im Video, daneben die alternde Königsgattin.

Am Schluss erstellen die Spielenden einen Steg ins Publikum, auf dem die Besucherinnen und Besucher eine frisch gegossene Kerze als gemeinschaftsbildendes Symbol abholen können. Der vierstündige Abend bietet eine eigenwillige Performance mit süffigen Sounds und schrulligen Texten, die sowohl auf wütende als auch blödelnde Art Wagners geniales Weltverständnis auf die Schippe nehmen und kunstvoll mit heutigen Anspielungen hinterfragen. Einmal mehr präsentiert Rüping eine gelungene Inszenierung, die zwar einige Längen aufweist, aber gesamthaft eine amüsante und denkwürdige Korrektur von Wagners Erbe verspricht. Dafür gabs am Premierenabend tosenden Beifall und Standing Ovations.

Titelbild: Maja Beckmann und Black Cracker besingen ein selbstbestimmtes Leben. Fotos: Sabina Bösch

Weitere Spieldaten: 9., 10., 15., 20., 25., 26. Februar, 7., 16., 19., 24., 29. März  

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