FrontKolumnenHoffen auf die Jugend Russlands

Hoffen auf die Jugend Russlands

Szenen einer obskuren Welt. Bilder, die mehr auszusagen vermögen, mächtiger sind als viele Worte. Da sitzt Wladimir Putin, der Kreml-Chef, an einem weissen, ovalen, 6 Meter langen Tisch und lässt sich hofieren vom französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, vom deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. Zwei Tage später lässt sich der schmächtige Putin herzen von seinem Vasallen, dem selbsternannten grossen, korpulenten belarussischen Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko, der «seinen Chef» in die breiten Arme schliesst.

Und wir? Im Spagat zwischen einer nach wie vor unverbrüchlichen Hoffnung auf einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine auf der einen Seite und dem Entsetzen, was ein Krieg im Osten Europas für ungeahnte Konsequenzen bringen wird, sicher für ganz schreckliche Bilder uns vor Augen führen könnte, auf der anderen Seite, verfolgen wir die Nachrichten, am Fernsehen, im Radio, am Handy, wo wir gerade sind. Wird sich heute, morgen, in einer Woche bewahrheiten, was US-Präsident Joe Biden verkündet: «Putin hat sich zum Einmarsch entschlossen»? Oder ist es schlicht ein genialer Zug des Demokraten im Weissen Haus, gerade mit dieser offensiven Erklärung, mit dieser Informationspolitik, mit dieser gezielten Provokation, Putin vom entscheidenden Schritt abzuhalten? Wie wissen es nicht. Und die Hoffnung stirbt tatsächlich zuletzt.

Auch wenn der Herr im Kreml verkünden lässt, dass er die Truppen nach und nach zurückziehen will, in die weite Welt TV-Bilder versenden lässt, die als Belege dazu dienen sollen, steht eine russischen Angriffsarmee mit gegen 150’000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine. Genauer: Sie befindet sich unmittelbar an der Grenze zu den selbsternannten und von Russland unterstützten «Volksrepubliken» Donezk und Luhansk. Und, wie auch der US-amerikanische Aussenminister Antony Blinken an der Sicherheitskonferenz in München unterstrich, jetzt nur darauf warten, von Putin den Einmarschbefehl zu erhalten. Und Putin setzt darauf, dass sich der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski provozieren lässt und seiner These folgt, die beiden Provinzen gewaltsam, militärisch wieder vollständig in die Ukraine zurückzuholen. Und wenn er das nicht tut, werden wohl die beiden Anführer der beiden selbstproklamierten «Volksrepubliken» Donezk und Luhansk, Denis Puschilin und Leonid Pasetschnik, sich im Interesse Putins als Agent Provokateure einsetzen lassen und das nötige veranlassen, dass es danach aussieht. Und Putin Grund genug hat einzumarschieren. Und nicht nur das: Am Samstag sah er sich von seinem Kommandoraum im Kreml über Video die Manöver an, die Raketenversuche, vergewisserte sich, dass seine Truppen vor der Ostukraine auch kampfbereit sind. An seiner Seite Alexander Lukaschenko, der Diktator von Belarus.

Und wir bangen wieder: Was zieht er für Konsequenzen aus dem Gesehenen, lässt er zum Start einer Offensive gar Mittelstreckenraketen gegen Kiew abfeuern? Testen liess er sie am Samstag, gezeigt der Weltöffentlichkeit über TV-Bilder.

Er wird stolz darauf sein, welchen Vorbereitungsstand seine Armee in der Zwischenzeit erreicht hat; sie ist in der Bereitstellung, kann unmittelbar losmarschieren. Davon berichten US-Geheimdienste. Man muss sich das mal vorstellen. Da sind 150’000 Mann, die tagtäglich mit drei Mahlzeiten versorgt werden müssen, sie müssen schlafen, duschen, Toiletten aufsuchen können, präziser: im 8-Stunden-Rhythmus militärisch üben, erkunden, sich fit halten, ruhen, schlafen. Dahinter steht eine ausgeklügelte Logistik. Mindestens 40 % der Soldaten sind mit der Logistik befasst; sie haben die Voraussetzungen für einen Angriff sicher zu stellen. Derweil werden im Hauptquartier der russischen Armee in Moskau alle Angriffsvarianten evaluiert, die Stäbe vor Ort mit Aufträgen versehen, die ihrerseits ihre Stäbe auf allen Stufen in vorbehaltene Entschlüsse integrieren.

Über den Vorbereitungsstand, die Aufmarschräume, selbst über die möglichen Pläne ist die Nato über ihre Aufklärung in der Luft und auch am Boden bestens informiert. Es wäre für das westliche Bündnis ein Leichtes, diese Vorbereitungen mit Mittelstrecken-Raketen zu stören. Jede Armee ist in dieser Zeit der Vorbereitung sehr verletzlich, auch die russische. Das wird die Nato nicht tun. Denn damit würde sie eine Antwort Putins provozieren, die unausweichlich zu einem Krieg weit über das Grenzgebiet im Osten der Ukraine führen würde. Aber was kann die Nato einem konventionellen Angriff Russlands entgegensetzen? Wird die ukrainische Armee Stand halten, wird sie einen Marsch nach Kiew verhindern, verzögern können? Wohl kaum.

Dem Ansinnen Putins, ein Eurasien unter seiner Herrschaft zu schaffen und als ersten Schritt die Ukraine in sein Hoheitsgebiet zu integrieren, kann der Westen vor allem mit massiven wirtschaftlichen Sanktionen entgegenwirken, die er vor dem Angriff ergreifen müsste, wenigstens zum Teil. Er muss auf die Attraktivität der westlichen Errungenschaften setzen. Die Lebenserwartung in Russland beispielsweise beträgt lediglich 67 Jahre, in Sibirien ist sie sogar unter 60 Jahre. In Europa werden Männer im Durchschnitt 80 Jahre, die Frauen 84 Jahre alt.

Es muss Putin klar gemacht werden, dass er mit Gewalt sein Land ins Abseits führt. Er muss an seine Rede erinnert werden, die er am 25. September 2001 im deutschen Bundestag hielt: «Jetzt ist es an der Zeit, daran zu denken, was zu tun ist, damit das einheitliche und sichere Europa zum Vorboten einer einheitlichen und sicheren Welt wird.» Ja. Denn, Putin weiter: «Was die europäische Integration betrifft, so unterstützen wir nicht einfach nur diese Prozesse, sondern sehen sie mit Hoffnung. Wir tun das als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg und aus der verderblichen Okkupationsideologie gezogen hat.»

Jetzt hätte er die Lehren zu ziehen. Jetzt kommt es drauf an. Ist er so sicher, dass seine Soldaten vorbehaltlos für ein Land in den Krieg ziehen, das Oppositionelle in Straflager steckt, wie Alexej Nawalny, für ein Land, das die Freiheit unterdrückt, die Demokratie missachtet? Erwartet er, dass junge Russen für ihn in einem Krieg ihr Leben riskieren, der sein Volk trotz gigantischen Ressourcen darben lässt, der es nicht schafft, die Voraussetzung zu schaffen, dass sein Volk zu Wohlstand und zu einem sicheren, auch längeren Leben in Würde kommt? Tatsächlich: Die Hoffnung auf die junge Generation in Russland stirbt zuletzt.

6 Kommentare

  1. Guete Tag
    Was Russland tut ist schlimm und sehr gefährlich, es schadet u.U. sich selbst am meisten!

    Aber wenn Nachbarn grauenhafte Verbrechen begangen haben (Invasionen in Russland),
    wenn diese Nachbarn nach dramatischen Veränderungen (friedlicher Rückzug Russlands aus den Ostgebieten)
    mündlich versprechen (und diesem Versprechen naiv vertraut wurde!) sich nicht an die Grenzen Russlands auszudehnen (Nato und EU) und diese Nachbarn es trotzdem tun,
    wenn ein sanfter Hinweis auf das Versprechen von 1990 (Rede Putins 2001) nichts nützt,
    wenn die deutlichere Warnung (Rede Putins 2007) auch folgenlos bleibt,
    wenn im, geschichtlich besonderen, unmittelbaren Nachbarland, Ukraine, Milliarden für Militär und anderes ausgegeben werden, um das Land für Nato und EU zu «konditionieren»,
    wenn unter den Nachbarn ein Staat ist wie die USA, der seit Jahrzehnten derart viele kriegerische Verbrechen auf der Welt begangen hat, wenn ein Land nicht handelte, wie sie sich das wünschten (und Kuba immer noch boykottieren!)
    ist es da nicht nachvollziehbar, wenn Russland nach all den Enttäuschungen jetzt derart riskant droht? Stellt nicht Russland konkrete und verständliche Forderungen, um die Lage zu entspannen?
    Der Westen ist nach meiner Wahrnehmung der Geschichte verantwortlich für das, was hier geschieht!

    Die Situation ist heute gleich wie bei der «Kubakrise» im «kalten Krieg», als Russland mit gefährlichen Handlungen den Westen an den Verhandlungstisch zwang und erreichte, dass die in Europa auf Russland gerichteten Raketen abgebaut wurden. Es ist ein dramatisches Armutszeugnis für den Westen, dass Russland wieder so riskant agieren muss, um zu versuchen zu erreichen, was ihm eigentlich zusteht. Ich hoffe auf ein friedlichen Ausgang der dramatischen Situation!

    Freundlich grüsst
    Hans Sommer

    • Der erste Satz (ohne u.U.) ist vollkommen genug!! Der Rest sind copy paste putinsche Propaganda-Lügen und revisionistische Verdrehungen und eine Zumutung für eine informierte Leserschaft. Widerlich!

  2. Leider übertrifft der heutige Tag meine früher geäusserten Einschätzungen und Befürchtungen. Das Lügengeschwätz von Putin über Nato und eine angebliche Bedrohung war immer nur ein Coverup. Es ging immer um westliche Freiheit, die grösste Bedrohung für das autoritäre Putin Regime. Der NZZ Artikel bringt es auf den Punkt:

    «Also sah sich der Kremlherr zu einem fundamentalen Durchgreifen gezwungen, um seine Ziele zu erreichen. Eine demokratische, nach Westen ausgerichtete Ukraine ist für sein Regime eine existenzielle Gefahr – wenn die Ukrainer den Duft der Freiheit geniessen können, werden dies früher oder später auch ihre nahen «Verwandten» in Russland fordern. Der Volksaufstand in Weissrussland vor anderthalb Jahren, der nur mit grösster Brutalität niedergeschlagen werden konnte, hatte dies eindrücklich gezeigt.
    Eine Verhinderung dieses Szenarios ist für Putin höchstwahrscheinlich das wichtigste Motiv.»

    https://www.nzz.ch/meinung/putins-angriff-auf-ukraine-nun-muss-russland-isoliert-werden-ld.1671493

  3. Der Beitrag ist einseitig, parteiisch und teils respektlos. Letzteres fängt schon in der vierten, fünften Zeile an, wo der SCHMÄCHTIGE Putin von seinem korpulenten Vasallen Lukaschenko in die Arme geschlossen wird. Ich habe sie nicht nachgewogen und gemessen. Aber Herr Macron scheint mir noch der grössere Sprenzel als Putin zu sein.
    Und wieso wird in der aktuellen Situation nie der Vergleich mit der Kuba-Krise von 1962 gezogen? War man auch bestürzt, als Kennedy sich den Sowjets resolut entgegenstellte, als sich diese erdreisteten, sich in Kuba militärisch zu installieren? Es ist mehr als legitim, dass sich Putin den NATO-freundlichen Avancen der Ukraine entgegenstellt. Gesagt, dass er das nicht will – wie die USA die Sowjets nicht auf Kuba wollte – hat er ja lange.
    Und wie reagierte man, als die Albaner in Serbien einen eigenen Staat ausriefen (Kosovo) und dadurch das souveräne Land Serbien «beschädigten»? Es gab Applaus und wurde akzeptiert. Es war ja auch nur das «russlandfreundliche» Serbien, das Federn lassen musste, und nicht, wie jetzt mit Donezk und Luhansk, der willfährige Erfüllungsgehilfe Ukraine bei der Verwirklichung der westlichen Macht- und Hegemonieansprüche des Westens in Osteuropa.

  4. Mit allem Respekt Hr. Schaller, Bei Atom-Unfall alle redeten von Russische Nuklear Katastrophe, nicht von Ukraine-Katastrophe! Warum? Hr. Sommer hat der Krieg Parteilos angesehen, fällt Onkel Sam schwer zu zugeben dass er nicht mehr der Grösste Ist? Putins Armee war im Inland wenn US rings-um in Ausland belagerten! Und Sie wissen es genau dass der Boxer nur eine Puppe von West ist! Glauben Sie mir, EU werde nicht darin mischen, Deutschland schon gar nicht, 65% Gas kommt immer noch vom Russland! smile..

  5. Jetzt machen diese Putin Bot-Trollen nicht mal mehr Halt vor einem Senioren-Forum:

    Das sagt VBS Chefin Amherd (endlich) zum Cyberwar auf Social Media im NZZ Interview:

    Die VBS-Website wohl eher nicht. Ich denke zum Beispiel an Informationsbeschaffung oder Beeinflussungsaktionen auf Social Media. Man sieht auf Twitter, Facebook und in den Kommentarspalten der Onlinezeitungen derzeit sehr viele prorussische Kommentare. Nicht alle stammen aus der Feder von normalen Bürgerinnen und Bürgern, sondern sie wurden wahrscheinlich gesteuert. Solche Beeinflussungsaktionen haben in den letzten Wochen zugenommen. Das ist eine Gefahr für die Meinungsbildung.

    Die Frage bleibt offen, ob die Verantwortlichen dieses Forums, solche gesteuerte Propagandalügen weiterhin zulassen wollen und auch dieses Forum der Putin Propaganda überlassen wollen, bis die LeserInnen sich angewidert abwenden.

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