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Hier irrte Goethe …

Das mit den Blümchen und den Bienchen, das ist doch eine längst veraltete Aufklärungsmethode. Da ist ja der Storch noch besser. Meinte ich. Bis ich vom Dichterfürsten Goethe las, der sich – gut 200 Jahre ist das her – ganz entschieden gegen den Gedanken wehrte, eine blühende, von Insekten umschwärmte Blumenwiese als floralen Paarungsorgie einzustufen.

«Ein Blumenglöckchen vom Boden hervor/ War fröhlich gesprossen in lieblichem Flor. / Da kam ein Bienchen und naschte fein – / Die müssen wohl beide füreinander sein.» Das dichtete Johann Wolfgang von Goethe 1814. Er war da schon ein etwas älterer Herr. Und sehr interessiert an Naturwissenschaften. Davon zeugt auch sein naturkundliches Werk «Die Metamorphose der Pflanzen».

Und genau in dieser Schrift wettert er, der Weiblichkeit und der Sinnenfreude durchaus nicht abgeneigt – gut, vielleicht eher in jüngeren Jahren – gegen die neumodische «Verstäubungslehre». Da behauptete nämlich ein einfacher Lehrer und Freizeitforscher, Konrad Sprengel, dass Blumen nicht zum Zwecke blühten, Menschen und Insekten zu erfreuen, sondern um sich fortzupflanzen. Was das sittliche Empfinden des Dichters ebenso verletzte wie das der christlichen Kirche. Denn auch die sahen in den Blumen eine Art zur Erde gefallene keusche Engel, die sich natürlich nur asexuell vermehren. Es dauerte noch rund 50 Jahre, bis der britische Naturforscher Charles Darwin mit diesen poetischen Theorien aufräumte.

Das Veilchen, das im Verborgenen blüht, soll ein sexuelles Wesen sein? Sicher nicht!, sagt Herr Goethe da ganz entschieden.

Ja, das war ziemlich dicke Post für den Herrn Geheimrat, der sich engagiert gegen diese unangebrachte Vermenschlichung der reinen Natur wehrte. Ein niedliches Veilchen, eine stolze Rose, eine mollige Butterblume sollen mit Sexualorganen ausgestattet sein? Was uns heute, da die Begriffe Staubblätter, Pollen männlicherseits und Narbe, Griffel, Stempel, Fruchtknoten als weibliche Attribute, geläufig sind, doch erstaunt: Die Blümchen-Bienchen-Geschichte ist noch gar nicht so alt. Nur etwas mehr als 200 Jahren.

Es geht auch halbwegs «anständig»

Da müssen dem Dichter ja die Haselsträucher eher «anständig» vorgekommen sein. Sie besitzen zwar auch weibliche Blüten und – schon von ihrer Erscheinung her sehr maskuline – Pollenreservoire. Aber die Befruchtung der weiblichen, meist sehr unscheinbaren Blüten erfolgt durch den Wind. Wie das auch bei vielen anderen Laubgehölzen, bei Nadelbäumen, Gräsern, Mais und Getreidearten der Fall ist. Und die, gerade wegen dieser Bestäubungsart, bei viele Menschen Allergien auslösen.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.– Bei der Befruchtung des Hasels stimmt das (fast).

Wechseln wir deshalb lieber zu den Pflanzen, die nicht auf den Wind, sondern, mit Hilfe aus der Welt der Insekten, auf triviale, direkte Kontakte von männlichen Pollen auf weibliche Fruchtknoten setzen. Etwa 80 Prozent der Blütenarten bei uns werden mit externer Unterstützung bestäubt. Was nicht ganz selbstlos geschieht.

Ein Geben und ein Nehmen

Die Pflanzen müssen den Insekten und anderem Gekrabbel dafür auch etwas bieten: Das kann Nektar sein, den sie aus Drüsen tief im Blütenkelch ausscheiden. Nektar besteht zu einem grossen Teil aus verschiedenen Zuckerarten. Pollen hingegen sind reich an Nährstoffen wie Proteine, Mineralien und Vitaminen. Diese Kraftbomben tragen die Bienen und Co. in ihre Nester, zu ihrer Brut. Und bestäuben dabei ganz nebenbei – weil die Pollen an ihnen hängen bleiben – die Pflanzen, die sie auch noch besuchen.

Das «Bienensterben» kommt leider fast alljährlich in die Schlagzeilen. Und deshalb wird heute in vielen Gärten, auf Balkonen und sogar an Strassenrändern und auf Verkehrsinseln bienenfreundlicher Sommerflor gepflanzt. Bienen sind da auch relativ anspruchslos. Ist es warm genug, so um 14 Grad herum, beginnen sie fleissig zu sammeln. Nur bei hochgezüchteten, gefüllten Blüten, wie sie bei Rosen, Tulpen, Dahlien und neuerdings sogar bei Schneeglöckchen und Sonnenblumen vorkommen, stehen sie quasi vor verschlossenen Türen.

Einfache Rosen sind bei Insekten beliebt, gefüllte, hochgezüchtete Sorten aber sind keine Futterpflanzen für Bienen.

Nicht vergessen werden dürfen nebst den Honigsammlerinnen aber all die Wildbienen und weiteren Insekten, die manchmal sogar auf einzelne Pflanzen angewiesen sind, um sich via Raupe und Puppe entwickeln zu können. Auf naturnahen bunten Sommerwiesen und blühenden Hecken fänden sie ein optimales Umfeld – wenn es solche denn in grösserer Zahl noch gäbe. Dabei sind die Wildbienen wichtig, denn sie starten im Frühling früher als die Honigbienen. Die Gehörnte Mauerbiene zum Beispiel bereits bei vier Grad. Ganz schön unverfroren sind die dicken Hummeln, die bereits bei zwei, drei Grad ausschwärmen. Kein Wunder, sie tragen ja auch ein warmes Pelzchen.

Der Duftschneeball blüht sehr früh im Jahr und ist für die Frühaufsteher unter den Insekten eine der ersten Nahrungsquellen.

Nicht nur bei Christrosen, Winter-Schneeball und Jasmin sind die «Wilden» sehr willkommen, auch bei den frühen Blühern wie Schneeglöckchen oder Buschwindröschen.  Denn sie sorgen im Tausch gegen Pollen und etwas Nektar für Nachwuchs. Viele dieser Frühaufsteher unter den Blumen verschwinden schon bald wieder, nachdem sie die ersten warmen Sonnenstrahlen zum Blühen und Fruchten ausgenutzt haben.

Abwechslung und Kontinuität bis zum Herbst ist wichtig

Abwechslung im Garten und auf dem Balkon ist für die Insekten wichtig. Erstens, damit Bienen, Käfer, Schwebfliegen und Hummeln immer genügend Nahrung finden. Und zweitens, weil sich viele Insekten auf einige wenige Pflanzenarten «spezialisiert» haben. Honigbienen zum Beispiel, die eigentlich nicht sehr wählerisch sind, können Blüten, deren Kelche tiefer als vier Zentimeter sind, nicht nutzen. Um die meisten Glockenblumen machen sie also einen Bogen, sie sind halt keine Taucher.

Dass die Scherenbiene gern mal in einer Glockenblume übernachtet, ist doch ein schönes Bild. Und kommt dem Blümchen-Bienchen-Wunschdenken von Goethe ziemlich nahe. (Alle Bilder pixabay)

Dafür sind Glockenblumen für viele Schmetterlinge, Hummeln und Wespenarten begehrte Nektarspenderinnen und sollten deshalb in keinem naturnahen Garten fehlen. Die Scherenbienen, so wurde beobachtet, schlafen auch mal in einer dieser Blüten. Womit wir doch wieder ziemlich nahe an der Bienchen-Blümchen-Geschichte sind.

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1 Kommentar

  1. Ein wunderbarer Artikel von Bernadette Reichlin zum Thema «Aufklärung». Humorvoll, liebenswürdig und dennoch ziemlich «wissenschaftlich»! Gelungen, herzliche Gratulation!

    Auch wir stellen den Wildbienen in unserem BeeHome geeignete «Futterpflanzen» bereit; die ersten blühen schon und die Wildbienen sind schon fleissig am summen.

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