FrontKolumnenWas zum Krieg führt

Was zum Krieg führt

Bei einem Spaziergang brach es aus ihm heraus: «Es ist ein Skandal, dass wir so schlecht, so einseitig über die Ereignisse in der Ukraine informiert werden». Ich werde hellwach. Mein Begleiter auf dem Spaziergang am See legt nach, etwas lauter gar: «Es wird doch immer offensichtlicher, durchschaubarer, wie die ganze Informationslawine von den USA losgetreten, weltweit über alle verfügbaren Kanäle verbreitet wird. Die USA wollen die Herrschaft über Europa nicht nur verteidigen, sondern auch noch ausdehnen». Ich bin einen Moment sprachlos. Versuche dennoch zu argumentieren, dass Putin einen souveränen Staat überfallen habe, ein Volk in die Knie zwingen, das Land in sein imperiales Reich eingliedern, gar unterjochen wolle. Dabei nehme er in Kauf, dass tausende zivile Menschen in diesem unsäglichen Krieg umkämen. Ich erntete nur ein müdes Lächeln. Will sagen: Das verstehst Du nicht, bist geblendet von der gesteuerten Mediengewalt, auch von der in der Schweiz. Bei einem Nachtessen, ein jüngerer Mann, ebenso gebildet, ebenso aufgeschlossen, argumentiert ähnlich. Ich erschrecke, das habe ich nun wirklich nicht erwartet, bin leicht gekränkt.

Dennoch: Ich bin aufmerksamer geworden, schaue und höre genauer hin, wenn ich die elektronischen Medien verfolge, lese sorgfältiger, wenn ich am Handy die neusten Nachrichten abrufe, verweile weit länger beim Zeitungslesen, wenn ich die langen Aufsätze, die seitenlangen Interviews, die Gespräche lese und zu verstehen versuche. Geschrieben von klugen Zeitgenossen, meist Männern, leider.

Immerhin fällt immer wieder ein Satz in den Nachrichtensendungen: «Die Informationen lassen sich nicht überprüfen.» Klar wird damit aber auch, dass es über den wahren Krieg, über die Gefechte schlicht und einfach keine von unabhängigen Journalisten selbst erlebte Aktionen, keine selbst festgestellte Fakten, die sie in sorgfältig aufbereitete Berichte verarbeiten können, gibt, dass Korrespondentinnen-Berichte, sogenannte Aufsager, meist weit ab vom Geschehen aufgenommen werden oder live in die Sendungen geschaltet werden. Sogenannt «eingebettete Journalisten», die sich mit den Truppen mitbewegen, gibt es nur auf russischer Seite. Und die dürfen nicht über den Krieg, sondern nur über die militärische Operation zur «Befreiung der Ukraine von Nazis» berichten. Und noch gibt es keine verlässlichen Zahlen über tote und verwundete Soldaten auf beiden Seiten.

Verheerend und keinesfalls zu leugnen sind aber die Bilder der leidenden Menschen, die Bilder über ihre zerstörten Häuser, bald Städte, die Toten, die riesigen Flüchtlingsströme, obwohl sie Putin angeblich nicht angreifen lässt. Putin wird diese Bilder, die Belege seines Krieges, nicht aufhalten können; sie werden seine Russinnen und Russen erreichen und ihn als Kriegsverbrecher demaskieren.

Immer klarer wird auch, dass die unzähligen Talk-Sendungen bei den Fernseh-Anstalten alles andere als vertiefende Erkenntnisse zu vermitteln vermögen. Die Moderatorinnen und Moderatoren haben noch nicht zu einem angemessenen Stil gefunden. Sie versuchen wie eh und je, Kontroversen unter den Gästen zu entfachen, sie versuchen, Schuldige zu finden, Gäste an den Pranger zu stellen, zumindest in die Ecke zu drängen. Stattdessen hätten sie bei den Gästen zu ermitteln und so Informationen zu vermitteln, den Zuschauern Orientierung zu bieten.

Es gibt aber auch bemerkenswerte Beispiele. Über die übliche Talk-Norm hinaus geht jeweils Markus Lanz im ZDF. Er geht auf die einzelnen Gäste ein, hinterfragt ihre Positionen, lässt nicht locker, will Klarheit schaffen. Aufgefallen ist mir die bemerkenswerte Dokumentation »Boom und Crash; wie Spekulation ins Chaos führt», ausgestrahlt am letzten Donnerstag auf Arte. Sie zeigt auf, welche verheerende Auswirkungen der Ukraine-Krieg auf die Ärmsten dieser Welt haben wird: Der überlebensnotwendige Weizen aus der Ukraine, der wegen des Krieges wohl nicht angebaut werden kann, wird ihnen fehlen, sie werden hungern. Und das Beste, das informativste Interview zur Ukraine las ich in der NZZ, in der Wochenend-Ausgabe. Prof. Richard Ned Lebow, der in London lehrt, wollte immer wissen, warum Kriege geführt werden, weil er im Zweiten Weltkrieg zur Welt kam, seine Eltern verlor, als Waise aus Frankreich nach New York geschmuggelt wurde. Seine Kernbotschaft ist so knapp wie wahr: «Kriege sind das Resultat von Kränkungen. Nationen sind wie einzelne Menschen vom Streben nach Anerkennung motiviert.» Das gilt für Russland als Land wie für Putin als Mensch. Und letztlich auch für meinen Begleiter beim Spaziergang und für den jüngeren Man beim Nachtessen. Zum Dialog kommt es nur, wenn beide die Kränkungen hinter sich lassen können. Auch ich.

1 Kommentar

  1. Die erwähnte Aussage: «Kriege sind das Resultat von Kränkungen», kann ich gut nachvollziehen. Jede Art von Gewalt hinterlässt auch tiefe Verletzungen in den Seelen der betroffenen Menschen und prägen oft das Denken, Fühlen und Handeln ganzer Generationen. Die Menschen in Russland haben durch die erlittene Gewalt in ihrer Geschichte, noch vieles bewusst zu machen und aufzuarbeiten. Ich habe Verständnis, dass die russische Bevölkerung dadurch teilweise eine andere Sicht auf die aktuellen Vorkommnisse hat als der Westen.

    Ich habe mich oft gefragt, wieso die Menschen sich und anderen Gewalt antun im Wissen darum, dass Gewalt nur wieder Gewalt und Verletzungen erzeugt. Die Kriege der vergangenen Jahrhunderte und aktuell der Krieg Russland gegen die Ukraine zeigt, dass wenn sich alle Macht nur auf einen Herrscher oder nur auf eine politische Partei konzentriert und das Volk in den wichtigen Entscheidungen keine Mitsprache hat, Kriege und Menschenrechtsverletzungen nie auszuschliessen sind.
    Daraus könnten wir lernen, dass vor allem in den Frieden investiert werden muss und wir nicht in alte Muster zurückfallen sollten und nur in die Armeen investieren. Noch mehr Waffen erzeugen noch mehr Gewalt und schliesslich immer wieder Krieg, Tod und Zerstörung und geben dem Frieden keine Chance.

    Europa und, da zähle ich die Schweiz gänzlich dazu, hat in den letzten Jahrzehnten schon einiges erreicht, um mit Kooperation, guten Gesetzen und Respekt für Andersdenkende, den Frieden zu erhalten und demokratisches Wirtschaften zu ermöglichen. Wir sind auf einem guten und gangbaren Weg und ein Betritt zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR war und ist für mich ein logischer Schritt, die Schweiz mit Klarheit und demokratischen Mitteln in Europa zu positionieren und gemeinsam an der Zukunft mitzuwirken.

    Dass ein Despot wie Putin, aus Eigennutz und falscher Ideologie, ausschert und versucht in alter Kriegsmanier, überholte Zustände in Russland wieder herzustellen und seine Allmachtsgelüste zu verwirklichen, zeigt aber auch, dass die freien Staaten noch viel zu wenig für den Erhalt des Friedens tun. Das angstvolle Gejammer in Teilen des Westens um die Folgen der Sanktionen gegen Putin und Russland (erhöhte Benzinpreise etc.) und die geschürte Angst vor anstehenden Aufgaben in der Flüchtlingsthematik etc., ist zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv und finde ich beschämend.

    Die Schweiz sollte klare Prioritäten setzen und solidarisch mit der EU, alle zur Verfügung stehenden und gewaltfreien Mittel, jetzt und in Zukunft, einsetzen, um Männer wie Putin + Co. einen Riegel zu schieben und von weiteren Übergriffen in andere Länder und Völker abzuschrecken. Indem wir die Konsequenzen dieses Krieges mittragen, zeigen wir Stärke und eine klare Haltung. Einen atomaren Angriff auf unser Land würden wir wohl mit oder ohne Armee nicht überleben.

    Die Sendung auf SRF1, „Sternstunden Philosophie“ von gestern Sonntag, mit dem Thema «Give peace a chance – Aber wie?» war äusserst spannend und kann ich nur empfehlen.
    https://www.srf.ch/audio/sternstunde-philosophie/philosophischer-stammtisch-give-peace-a-chance-aber-wie?id=12161837

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