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Anders aufgewachsen

Wie prägend die ersten Lebensjahre sind, beschreibt ein neues Buch mit Porträts von elf aussergewöhnlichen Menschen. Es sind berührende Einblicke in elf ganz besondere Kindheiten.

Die ersten Lebensjahre prägen uns. Bis heute beschäftigt sich die Forschung mit der Frage: Sind die in der DNA abgespeicherten Erbfaktoren dominant? Oder werden wir primär durch unsere Umwelt, durch die Eltern, Geschwister, die ersten Erfahrungen als Kleinkind geformt? In einem neuen Buch erzählen elf Menschen, geboren zwischen 1944 und 1998, aus ihrer Kindheit, wie sie wurden, wer sie heute sind, wie ihre ersten Lebensjahre sie geprägt haben.

Mit der Auswahl der unterschiedlichen Lebensgeschichten knüpfen die beiden Autorinnen Seraina Sattler und Anna Six an aktuelle gesellschaftliche Debatten an – wie jene über «Young Carers», fürsorgerische Zwangsmassnahmen, Zwangsadoption oder die «inklusive Schule». Wichtige Aspekte des Erzählten werden in einen grösseren Zusammenhang gestellt und zeigen auf, wie sich die gesellschaftlichen, politischen sowie gesetzlichen Rahmenbedingungen für Kinder verändert haben. Über die individuellen Erfahrungen hinaus wird dank dem Buch deutlich: Aufwachsen ist nicht einfach Privatsache.

Die Publikation muss alle jene fesseln, die sich für Lebensgeschichten, für psychologische Fragen interessieren, für das Leben von und mit Kindern sowie für soziale Diversität. Beachtenswert ist die gewählte Sprache: Die Autorinnen haben die Texte in Ich-Form geschrieben und viele typische Dialektausdrücke übernommen. Einfühlsame Aufnahmen des Fotografen Meinrad Schade ergänzen die Bilder aus den Fotoalben der porträtierten Kinder.

Sara wuchs in einem freikirchlichen Umfeld auf.

Saras Eltern waren «Hippie-Christen». Sie selbst wollte sich mit vier in der Badewanne taufen lassen. «Wir wuchsen zwar fromm auf, aber wir durften kritisch sein. Glaube war das Thema am Küchentisch, man konnte ständige Fragen stellen, und es wurde diskutiert. Ich wollte die Dinge schon immer verstehen,» gab sie den Autorinnen zu Protokoll. Ein Schattensein des freikirchlichen Glaubens war für Sara «die klare Vorstellung, dass es die eine <Wahrheit> gibt, dass man Christ sein muss, um in den Himmel zu kommen.» Diese Vorstellung löste in ihrer Kindheit und Jugend immer wieder Ängste aus.

Während dem Studium lernte sie, was spirituelle Resilienz ist. «Manche Leute vertragen eine tiefreligiöse Kindheit gut, bei anderen hinterlässt sie Schäden.» Kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes entfremdeten sie und ihr Mann sich von der Freikirche. «Das Missionsverständnis machte uns Mühe. Es ging permanent darum, das Richtige zu glauben». Heute gehört Sara zur reformierten Landeskirche. Der Glaube blieb wichtig in ihrem Leben – doch von der Freikirche hat sie sich losgelöst.

Lilian erlebte als Erwachsene ein Flashback

Lilian (Titelfoto links) verlor in El Salvador, im Guerillakrieg, beide Eltern. Sie wurde von Regierungssoldaten entführt, in ein Waisenhaus gesteckt und – gemeinsam mit ihrem Bruder – mit acht Jahren in die Schweiz adoptiert. Die Erziehung in der Adoptivfamilie war hart. Die Kinder wurden misshandelt. Spanisch durften die Geschwister nicht mehr sprechen. Erinnerungen an ihre Kindheit wurden gelöscht. So verlor sie mit den Jahren ihre Muttersprache und musste diese später mit viel Aufwand und Geld wieder neu lernen.

Nach der geplatzten Adoption kam Lilian zu ihrer Vormundin, dann zu einer neuen Pflegefamilie, wo die Verhältnisse besser waren. Auch in diesem Lebensabschnitt interessierte sich das Mädchen nicht für ihre Kindheit – bis es nicht mehr anders ging. Mit der Geburt des zweiten Kindes erlebte Lilian ein Flashback und litt unter Traueranfällen. Nach einem Krach brach sie den Kontakt zur zweiten Adoptivfamilie ab und reiste nach El Salvador. Das Wiedersehen mit den Verwandten war herzzerreissend. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz unterzog sich die Frau einer psychologischen Therapie und fand zurück in das Schweizer Leben. «Das wichtigste, was ich von meiner letzten Reise nach El Salvador mitgenommen habe, ist: «Was war, kann man nicht ändern. Du hast nur Einfluss aufs Jetzt und auf die Zukunft.»

Peter (rechts) als Dreijähriger, zusammen mit seinem älteren Bruder.

Bis zur dritten Klasse wuchs Peter als Kind einer gutbürgerlichen Familie auf. Dann zog seine Mutter mit einer Frau zusammen. Peter und sein Bruder gingen mit. Einige Jahre lang hatten die beiden das Gefühl, in einer WG zu wohnen, denn die Frauen bekannten sich nicht öffentlich zu ihrer Liebesbeziehung. Als Peters Vater davon erfuhr, liess er sich scheiden. Obwohl der Bub anfänglich noch Kontakt zu seinem Vater hatte, fehlte ihm über all die Jahre ein männliches Vorbild. «Dadurch, dass meine Mutter und ihre Freundin eine Harmonie schufen, war mir zwar geholfen. Aber mir fehlten Männer, zu denen ich aufschauen konnte.»

Später heiratete Peter und hatte selbst Kinder. «Ich als Scheidungskind tat meinen Kindern das Gleiche an. Meine Tochter war neun, als ich mich von meiner Frau trennte. Meine Söhne litten darunter. Das war sicher ein Grund, weshalb meine Söhne eher später erwachsen wurden.» Heute nennt Peter seine Mutter und deren Partnerin «Eltern». Die beiden sind seit 44 Jahre zusammen. «Als sie vor zwölf Jahren ihre Partnerschaft eintragen liessen, waren mein Bruder und ich einzig überrascht, dass sie dies nicht schon längst getan hatten.»

Séni lebt zwischen zwei Kulturen

Sénie (Titelfoto Mitte) wuchs in Kamerun in einer Lehmhütte und als Strassenkind auf. Sein Vater starb früh, seine Mutter war überfordert. «Als Kind lief ich auf Händen und Knien, auf vier Beinen wie ein Hund.» Der Bub war mit Klumpfüssen geboren worden. «Terre des hommes» brachte ihn als Zehnjährigen in die Schweiz, um seine Behinderung zu operieren. Er lernte die Sprache, ging in die Schule, wurde integriert. Nach rund einem Jahr musste er zurück nach Kamerun. Weil sich seine Füsse entzündeten wurde er zur Pflege erneut in die Schweiz gebracht. Hier lebte er bei Pflegeeltern. In einer Schreinerei im Thurgau fand er eine Anstellung. In Kamerun sah er keine Zukunft.

Heute ist Sénie verheiratet, hat Kinder und fertig Holz- sowie Keramik-Figuren an. In der Schweiz zu leben ist für ihn «ein grosses Glück»: «Die afrikanische Kultur bleibt in Afrika. Hier in der Schweiz muss ich meinen eigenen Weg, mein eigenes Ich finden. Das war immer so in meinem Leben: Ich musste selber dafür sorgen, dass es gut lief mit mir.»

Jasmin weiss nicht, weshalb sie adoptiert wurde

Jasmin (Titelfoto rechts) wurde ihrer minderjährigen Mutter kurz nach der Geburt weggenommen. Bis sie vier Jahre alt war, lebte sie in dreizehn Pflegefamilien, dann kam sie zu Adoptiveltern. Ihre Herkunft war ein Tabu – ihre Geschichte kennt sie mehrheitlich aus den Akten. «Sie adoptierten mich nicht, weil sie mich so wahnsinnig liebten, sondern weil… Ich weiss eigentlich auch nicht, warum.»

Katharinas Vater war katholischer Priester

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs Katharina bei deren bester Freundin auf. Ihr Vater war Priester und konnte sie nicht zu sich nehmen. Doch im Verborgenen pflegte er einen engen Kontakt zu seiner Tochter. «Meine Eltern hatten sich bei der Arbeit kennengelernt. Mein Vater war Pfarrer in einer katholischen Kirchgemeinde, meine Mutter arbeitete dort als Sozialarbeiterin,» beschreibt die Frau ihre Erinnerungen und ergänzt: «Natürlich konnten meine Eltern ihre Liebe nicht offen leben. Bei meiner Geburt aber war er dabei. Als Fotograf. Deshalb habe ich Fotos von meiner Geburt.»

Nach dem Tod ihrer Mutter kümmerte sich ihr Vater mindestens zweimal wöchentlich persönlich um Katharina, die er offiziell als seine Tochter anerkannt hatte. In der Familie wussten alle von der speziellen Vaterschaft. «Das war kein Thema. Für ihn und dadurch auch für mich gab es kein Spannungsfeld zwischen dem Katholizismus und der anthroposophischen Welt, in der ich lebte. In beiden spielen die Werte Menschlichkeit, Gemeinschaft und Wertschätzung eine grosse Rolle.» Noch heute sind Menschen irritiert, denen Katharina ihre Lebensgeschichte erzählt. «Dann sage ich: Keine Sorge, es geht mir gut, das ist einfach meine Geschichte.»

Titelbild (von links nach rechts): Lilian, aus El Salvador adoptiert; Séni, für eine Operation aus Kamerun in die Schweiz geholt; Jasmin, zwangsadoptiert. Alle Fotos: Meinrad Schade / CMS-Verlag

Über die beiden Autorinnen

Seraina Sattler (geb. 1976) hat Geschichte und Publizistik studiert und viele Jahre als Redaktorin bei verschiedenen Medien gearbeitet. Heute ist sie freischaffende Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Anna Six (geb. 1982) ist freischaffende Journalistin. Sie studierte Religionswissenschaft und Populäre Kulturen und war u.a. lange für die Zürichsee Zeitung tätig. Mit ihrer Familie lebt sie in Zürich.

Seraina Sattler, Anna Six, Anders aufgewachsen. 11 Kindheiten im Porträt. 184 Seiten, 61 meist farbige Abbildungen. 2022. Christoph Merian Verlag. ISBN 978-3-85616-970-1

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Die Webseite zum Buch

Merian Verlag

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