FrontLebensartAltersstrafe bei Versicherungen und Krediten

Altersstrafe bei Versicherungen und Krediten

Wenn Herr Althaus, 68, eine Spitalzusatzversicherung abschliesst, muss er monatlich 100 Franken mehr bezahlen als Herr Junghans. Althaus ist 23 Jahre älter als Junghans.

Über Altersrabatte hat Seniorweb schon mehrfach berichtet. Doch es gibt auch das Gegenteil: Alterszuschläge. Zuerst ein bisschen Theorie: Versicherer müssen mehreren Prinzipien gerecht werden. Erstens: Solidarität. Viele Versicherte zahlen einen kleinen Betrag, um jenen mit einer grösseren Summe zu helfen, die unverschuldet in Not geraten sind, nach einem Brand etwa.

Zweitens: Risiko-Gerechtigkeit. Wer zu einer Gruppe gehört, die mehr Schäden verursacht, bezahlt höhere Prämien, zum Beispiel Risikosportler oder junge männliche Autofahrer. Dabei bestehen allerdings Schranken: Manche Gruppen tragen hohe Risiken ohne dafür verantwortlich zu sein. Bei Behinderten etwa übernimmt das gesamte Kollektiv oder der Staat die zusätzlichen Kosten.

Reichlich kompliziert also. Um übersichtlich zu bleiben, beschränken wir uns auf das, was uns Seniorinnen und Senioren angeht. Wir vergleichen Herrn Junghans, 45 Jahre, mit Herrn Althaus, 68. Abgesehen vom Altersunterschied haben die beiden die gleichen Voraussetzungen.

Wer älter ist, muss mit grösseren Noten bezahlen.

Autoversicherungen

Wir beginnen mit den Autoversicherungen. Die beiden besitzen einen Mittelklassewagen, der vor sechs Jahren 42’000 Franken gekostet hat. Althaus bezahlt jährlich im Durchschnitt 100 Franken mehr Prämien als Junghans. Die Details: jährlich 10’000 Kilometer, Privatgebrauch, seit 5 Jahren weder Unfälle noch Bussen, Prüfung als 20-Jährige. Nur die vorgeschriebenen Leistungen. Günstigste Versicherer für beide Alterskategorien sind Simpego und Postfinance.

Krankenkassen

Die Krankenkassen verrechnen bei den obligatorischen Grundversicherungen keinen Senioren-Malus. Sie unterscheiden bloss zwei Alterskategorien: jünger oder älter als 25 Jahre. Anders bei der Zusatzversicherung. Der Seniorinnen- und Seniorenzuschlag schenkt allerdings nur bei der Spitalzusatzversicherung ein, hier aber kräftig. Unsere beiden Mustermänner wollen halbprivat untergebracht werden. Sie übernehmen eine Franchise von jährlich 3000 Franken. Junghans überweist im Schnitt monatlich 78 Franken. Althaus muss satte 100 Franken mehr bezahlen.

Anzumerken ist, dass die Krankenkassen, meist abwinken, wenn Senioren oder Seniorinnen neu Zusatzversicherungen abschliessen wollen. Bei der Grundversicherung sind die Kassen gesetzlich verpflichtet alle Bewerber anzunehmen. Immer wieder hört man, dass die Kassen Leute mit hohem Risiko durch administrative Hürden abschrecken.

Auto mieten

Wer ein Auto mieten will, muss mindestens 18 sein. Unter 25-Jährige haben Zuschläge zu entrichten. Bei Seniorinnen und Senioren kennen die meisten Vermietungen in der Schweiz kein Höchstalter. Allerdings kann die Fahrzeugkategorie eine Rolle spielen. Ü80, die mit einem Ferrari Testarossa ihre Kinder und Enkel beeindrucken wollen, können bei Hertz, Avis und Co. abblitzen. Im Ausland gelten in einigen Staaten Altersgrenzen zwischen 70 und 80 Jahren.

Konsumkredite

Der Ausdruck Kleinkredite hat ein schlechtes Image. Die Anbieter benutzen darum den Begriff Konsumkredit. Das Gesetz bestimmt, dass der Schuldner ein privates Darlehen bis zum 70. Geburtstag zurückzuzahlen hat. Die meisten Banken oder Vermittler gewähren deshalb Kredite nur bis 65, manchmal bis 68. Ältere Rentnerinnen und Rentner sind damit ausgeschlossen. Die Beschränkungen gelten auch für Leasing- und Abzahlungsverträge. Wer mit Ü70 sein Auto ersetzen will, muss also genügend Geld haben.

Um diese Schranken zu umgehen, gibt es Tricks. Es sind problematische Schlaumeiereien. Wenn der Partner, die Partnerin, jünger ist, kann der Kredit über sie oder ihn laufen. Einen ähnlichen Purzelbaum schlägt, wer seine Kinder oder Verwandte als Gläubiger einsetzt. Schliesslich ist es auch möglich, die Kreditkarte als Vehikel für ein Darlehen zu nutzen.

Seniorweb moralisiert nicht. Doch: Konsumkredite sind für Ältere besonders problematisch. Die hier erwähnten Umgehungen vergrössern die Gefahr. Viele Gläubiger verwenden das Darlehen, um Steuerschulden abzutragen. Statt Geld aufzunehmen ist es meist schlauer, bei den Steuerämtern vorzusprechen. Entgegen den gängigen Behördenwitzen arbeiten hier leibhaftige Menschen. Wie könnte es anders sein: Die Kulanz ist von Kanton zu Kanton verschieden.

Seniorweb hat für die Berechnungen den Vergleichsdienst comparis.ch benützt.

Bilder: Pixabay, Freepik, Bearbeitung pst

Comparis

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Leider zieht die Altersstrafe bzw. Altersdiskriminierung noch weitere Kreise und zwar beim TARMED, dem Arzttarif.
    Die grundsätzliche Altersdiskriminierung im geltenden Arzttarif besteht darin, dass der Gesetzgeber davon ausgeht, dass alle 75jährigen und älteren Menschen in der Schweiz „mit einer seh- oder hörbehinderung oder einer beginnenden demenziellen Erkrankung“, wie ausgerechnet die VASOS, die Vereinigung aktiver Senioren- und Selbsthilfeorganisationen schreibt, behaftet sind.
    Neuere Studien u.a. von Höpflinger oder Perrig-Chiello zeigen jedoch eindeutig, dass dem nicht so ist, sondern die grosse Mehrheit – glücklicherweise – bis ins hohe Alter frei von derartigen Leiden ein gutes Leben geniessen kann.
    Es ist ja auch nicht einzusehen, dass ich als langjähriger Patient meines Hausarztes, der mich in- und auswendig kennt, plötzlich, unmittelbar nach meinem 75. Geburtstag, physisch und/oder psychisch derart verändert daher komme, einen Zuschlag von über 50% verrechnet bekomme, so geschehen bei mir im Frühling dieses Jahres. Auf meine Rückfrage meinte der Arzt lakonisch, dass dies im TARMED eben so vorgesehen sei.

    Wenn denn dieser TARMED das so vorsieht, gäbe es ja auch die Möglichkeit, diesen Zuschlag eben gezielt zu erheben, d.h., wenn tatsächlich ein zusätzlicher Erklärungsbedarf des Arztes aus den erwähnten Gründen notwendig wäre, und nicht einfach grundsätzlich, ohne dass ein solcher Bedarf besteht. Auch mein Hautarzt, den ich dieses Jahr dreimal aufsuchen musste, verweist mich auf den Arzttarif, auch wenn er für meine Konsultation und Untersuchung jeweils knapp 10 Minuten aufgewendet hat.

    Im Übrigen werden in der Regel ältere Menschen mit einer medizinisch relevanten Behinderung von einer Betreuungsperson begleitet, die – meist unter 75 – in der Lage ist, den ärztlichen Konsultationen und Untersuchungen im „Normaltempo“ zu folgen und diese dann den Betreuten zu erläutern.
    Absurd wirkt übrigens die Anwendung des höheren Tarifs bei Kindern unter 6 Jahren. Denn mir ist noch nie ein Kleinkind begegnet, das alleine eine Arztpraxis aufgesucht hätte. Auch bei den Kindern gilt dasselbe wie oben bei den über 75jährigen, behinderten Menschen bezüglich Begleitung.

    Mein Fazit: Diese gesundheitspolitisch bedenkliche Altersdiskriminierung der 75plusjährigen in unserem Land, die in diesem Alter heute mit einem „Behindertenstempel“ versehen werden, gehört abgeschafft und könnte im neuen TARMED vollzogen werden. Als Minimalziel wäre zu formulieren, dass dieser Alterszuschlag nur dann angewendet werden darf, wenn dies aus medizinischen Gründen (Ihre oben aufgeführten Behinderungen) erforderlich wäre. Leider haben für mein, bzw. das Anliegen von uns 75jährigen und älteren weder Altersorganisationen wie die VASOS oder Pro Senectute noch Parlamentarierinnen aus verschiedenen Fraktionen Verständnis dafür. Dabei ginge es um Einsparungen in der Höhe von mehreren Millionen Franken pro Jahr.

  2. Danke, Herr Hübscher, für Ihre wertvollen Erweiterungen.
    Sie schlagen vor, dass Gebrechlichkeit/Behinderung individuell abzuklären ist und dies allenfalls zu höheren Tarifen führen würde. Das ist durchaus diskutabel. Ich frage mich allerdings, ob man dann nicht alle Patienten diesbezüglich zu untersuchen hätte. Der Datenschützer würde wohl die Nase rümpfen.
    So oder so: Unser Gesundheitssystem ist zwar gut (und teuer), hat aber immer irgendwo seine Tücken.

    • Wir gehen ja beide davon aus, lieber Herr Steiger, dass auch der Arzt seine Rechnungen aufgrund seines Aufwandes – nebst Medikamenten und Therapien – seinen Patienten ausstellt. Der geltende TARMED sieht jedoch, unabhängig des ärztlichen Aufwandes, einen Zuschlag für jede und jeden 75Jährige/n plus vor, was eine klare Altersdiskriminierung darstellt.
      Da jedoch unsere älteren Mitmenschen in der Regel die minimale Franchise von CHF 300 bevorzugen, ist die Motivation eher gering, sich über Arztrechnungen oder Rückforderungsbelege Gedanken zu machen, sofern sie die überhaupt zu Gesicht bekommen, was ja eigentlich gesetzlich verbindlich geregelt ist. Von Ärzten ist verständlicherweise keine Änderung zu erwarten, und Krankenkassen halten sich halt mit höheren Prämien schadlos, so dass nur unsere Altersorganisationen, allen voran die Pro Senectute oder VASOS, ein Interesse an der Aufhebung an dieser Diskriminierung haben müssten – aber eben ….

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