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Resilienz im Alter – ja schon, aber…

Schön, wenn man in Krisensituationen widerstandsfähig ist und daraus sogar Entwicklungspotentiale freisetzen kann (vgl. Artikel «Resilienz im Alter?»). Schön, wenn resiliente Personen über eine Werkzeugkiste der Selbstsorge verfügen und in Krisen «unkaputtbar» sind. Aber befindet man sich im Alter in einem Krisenmodus? Genügt es, sich in Krisen so anzupassen, dass sie einen nicht schädigen und man daraus sogar einen Nutzen ziehen kann?

Resilienz als moderne Tugend der Krisenfestigkeit passt gut in eine Welt, in der jeder seines Glückes Schmied ist. Wer es nicht schafft, ist womöglich selbst schuld an seinem Scheitern. Wollen Ältere denn noch ihres Glückes Schmied sein? Die einen schon, andere weniger. Vielleicht hängt es auch von der Alternsphase ab.

In der Generali Hochaltrigkeitsstudie (Befragung von 400 Frauen und Männer im Alter zwischen 85 und 98, im Jahre 2013) wurden 27 Daseinsthemen ermittelt, also den Alltag bestimmende Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Befürchtungen. Hier die 10 meistgenannten Daseinsthemen:

  • Freude und Erfüllung in einer emotional tieferen Begegnung mit andern Menschen (76%)
  • Intensive Beschäftigung mit der Lebenssituation und Entwicklung nahestehender Menschen (72%)
  • Freude und Erfüllung im Engagement für andere Menschen (61%)
  • Bedürfnis, auch weiterhin gebraucht zu werden und geachtet zu sein (60%)
  • Sorge vor dem Verlust der Autonomie (im Sinne der Selbstverantwortung und Selbständigkeit) (59%)
  • Bemühen um die Erhaltung von (relativer) Gesundheit und Selbständigkeit (55%)
  • Überzeugung, Lebenswissen und Lebenserfahrung gewonnen zu haben, das Angehörigen nachfolgender Generationen nutzen kann (44%)
  • Intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, differenziertere Wahrnehmung des eigenen Selbst, vermehrte Beschäftigung mit der eigenen Entwicklung. Rückbindung von Interessen und Tätigkeiten an frühe Phasen des Lebens (41%)
  • Einsamkeit (39%)
  • Fehlende oder deutlich reduzierte Kontrolle über den Körper und spezifische Körperfunktionen, Sorge vor immer neuen körperlichen Symptomen (26%). (aus Schmitt, S.25/26)

Welche Lebensoptionen sind für mich passend und attraktiv?

Unabhängig davon, ob bei neueren Untersuchungen sich die Prozentzahlen zu den einzelnen Daseinsthemen ändern, interessant ist, dass in den ersten vier Punkten die Freude und das Interesse an sozialen Beziehungen ausgedrückt wird und unter Punkt 9 «Einsamkeit» auf ein leidvolles Fehlen von guten sozialen Beziehungen hingewiesen wird.

Viele wollen es im Alter schön haben im Kreise ihrer Lieben, ihren Interessen nachgehen und sich engagieren für das, was ihnen sinnvoll scheint. Braucht es Resilienz für ein würdiges Altern? Braucht es Resilienz für die Potentiale, die man im Alter noch entwickeln kann, aber auch für Krisensituationen, etwa Antriebslosigkeit, Einsamkeit, Missachtung, Diskriminierung, Vergesslichkeit oder die Unfähigkeit, einen freudvollen Alltag zu leben und eine sinnvolle Lebensperspektive  zu entwickeln. Betrachten wir die 6 Kompetenzfelder des Resilienzkonzepts auf diese Frage hin:

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung: Wer seinen Gedanken und Gefühlen nicht blind ausgeliefert ist, sondern sich zu ihnen reflexiv verhalten kann, erwirbt mehr Wahl- und Handlungsfreiheit. Wie nehme ich B. mein chronisches Leiden wahr? Je nachdem, geht es mir besser oder schlechter. Wer andere gut wahrnehmen kann, ist weniger benebelt von Vorurteilen gegenüber andern und kann besser auf nahestehende Angehörige und Bekannte und Unbekannte eingehen.
  • Selbstregulation/-steuerung: Wahl- und Handlungsfreiheit bieten eine Palette von Möglichkeiten. Es gilt nun, das Passende, Richtige auszuwählen und sich so zu regulieren und zu steuern. Vielleicht will man im Alter zunächst einfach bewährte Alltagsgewohnheiten und Beziehungen weiterleben, offen sein für Neues und neue Herausforderungen annehmen. Ist da autodidaktische Bildung gefragt oder sind auch Angebote für Interessierte zu schaffen?
  • Selbstwirksamkeit: Wer seinen Alltag gestalten kann, indem er/sie auf Bewährtes setzt und Neues integriert, fühlt sich autonom. Im Alter aber merkt man, wie man mit andern verbunden ist und verbunden sein will (siehe Daseinsthemen oben im Text). Bei zunehmender Vulnerabilität gehört zur Selbstwirksamkeit auch das Annehmenkönnen von medizinischer, freundschaftlicher, sozialer Unterstützung.
  • Soziale Kompetenz: Nicht nur im Alter haben in der Schweiz mehr als ein Drittel der Bevölkerung Einsamkeitsgefühle, darunter vor allem Jugendliche, Hochaltrige und Menschen mit Migrationshintergrund. Wer chronisch unter Einsamkeit leidet, stirbt oft auch vorzeitig und hat ein höheres Risiko für ein Alzheimer-Erkrankung, verminderte Lebensqualität bis hin zu Depressionen und Suizid (siehe Schweizerische Ärztezeitung, 2021). Deswegen ist das Eingebettetsein in ein soziales Netzwerk für Ältere so wichtig, unabhängig davon, wir gross die soziale Kompetenz ist.
  • Problemlösefähigkeiten: Auch wer im Alter die meisten Probleme lösen kann, ist darauf angewiesen, dass beim Nachlassen der Kräfte Unterstützung selbstverständlich ist, um ein würdiges Altern zu ermöglichen.
  • Aktive Bewältigungskompetenzen/Umgang mit Stress: Im Alter gibt es öfters stressauslösende Situationen, etwa der Verlust einer geliebten Person, eine erschreckende Krankheitsdiagnose, materielle Probleme. Trotz hoher Kompetenz in solchen Situationen braucht es in der Regel Support von aussen.

Mit Resilienz gegen alles Krisenhafte?

Die Antwort auf die Frage, ob es für ein würdiges Altern eine hohe Resilienz braucht, lässt sich kurz so beantworten: Eine hohe Resilienz macht ein gutes Altern einfacher. Aber im Alter sind nicht alle in jeder Lebenssituation ihres Glückes Schmied. Zudem sind die Fähigkeiten unterschiedlich verteilt und hängen oft vom Bildungstatus und materiellen, sozialen und medizinischen Rahmenbedingungen ab. Deswegen dürfen Probleme des Alterns nicht mittels eines Resilienzprogramms bloss individualisiert und psychologisiert werden. Für ein würdiges Altern braucht es zusätzlich gemeinschaftliches, gesellschaftliches und politisches Handeln. Es braucht weitere sozialpolitische Projekte und Konzepte, damit alle ein schönes Alter im Kreise einer solidarischen Gemeinschaft  erleben können und nicht nur die Resilienzberserker obenaus schwingen und die andern leiden oder sich Selbstvorwürfe machen, wenn sie nicht so resilient sind. (Vgl. dazu Stefanie Graefe).

Literatur:

  • Graefe, Stefanie: Das späte Glück ist mit den Tapferen? Resilienz als problematische neue Altersnorm. (S. 291 – 310, in Staats/Steinhaussen (Hrsg.))
  • Schmitt, Eric: Psychische Entwicklung im Alter. (S.16 -32, in Staats/Steinhaussen (Hrsg.))
  • Martin Staats / Jan Steinhaussen (Hrsg.): Resilienz im Alter. Weinheim Basel 2021,312 S. ISBN 978-3-7799-6317-2 Print; ISBN 978-3-7799-5624-2 E-Book
  • Artikel in: Schweizerische Ärztezeitung: https://saez.ch/article/doi/saez.2021.19505
  • https://seniorweb.ch/2022/03/17/resilienz-im-alter/

Fotos aus Pixabay. Titelbild: Ist jeder seines Glückes Schmied und jede ihres Glückes Schmiedin?

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