FrontKulturFrischer Wind im Luzerner Theater

Frischer Wind im Luzerner Theater

Die erste Saison der neuen Intendantin des Luzerner Theater, Ina Karr, ist schon weit fortgeschritten. Sie kennt mittlerweile die Luzerner Verhältnisse und konnte erste Erfahrungen zu ihren angestrebten Zielen machen.

Seniorweb: Ina Karr, Ihr Vorgänger Benedikt von Peter hat grosse Fussstapfen hinterlassen. Spüren Sie diese?

Irene Karr: Als Intendantin habe ich meine eigene Expedition und deshalb auch meinen eigenen Weg in die Zukunft. Wenn aber bei den Vorgängern faszinierende Entwicklungen stattgefunden haben, ist das befruchtend. Wobei ich meinen Weg gemeinsam mit meinem Team gehe. Theater ist für mich Teamarbeit. Deshalb sind nun etliche Fussstapfen auf der Landkarte von Luzern zu sehen.

Luzern ist ein Dreispartenhaus, ein Auslaufmodell aus der Stadttheater-Tradition – so oft die Meinung. Sie wiederum sind eine starke Verfechterin dieses Modells, weshalb?

Ja, ich bin eine überzeugte Mehrspartenaktivistin! Wobei ich anfügen möchte, dass ich in Luzern mit dem Jungen Luzerner Theater eine vierte Sparte etabliert habe – weil Kinder, Jugendliche und Familien für mich ein wichtiger Teil des Publikums sind. Ich empfinde ein Mehrspartenhaus überhaupt nicht als Auslaufmodell. Gerade die Vielfalt fasziniert mich, das Zusammengehen der Künste, die Ensemblearbeit in Schauspiel, Oper und Tanz. Ein Mehrspartenhaus bietet vielfältige Möglichkeiten zu einer umfassenden Theaterarbeit. Das ist genau das Richtige für Luzern.

Sie waren stets in Dreispartenhäusern engagiert, zuerst als Operndirektorin in Oldenburg, dann als Chefdramaturgin der Oper in Mainz. Nun können Sie erstmals als Chefin über alle Sparten aus dem Vollen schöpfen. Ging damit ein Traum in Erfüllung?

Der Austausch war mir schon immer wichtig, und so habe ich auch in den Opernfunktionen spartenübergreifend gearbeitet. Natürlich geht für mich in Luzern ein Traum in Erfüllung. Ich durfte das gesamte Team zusammenstellen, das den Weg inhaltlich, in der Arbeitsweise und mit Freude gemeinsamen gehen will. Zweifellos haben jede Kunst und jede Sparte eigene Prozesse, die sich jedoch gegenseitig inspirieren können.

Eröffnungspremiere «Staatstheater» von Mauricio Kagel: Prozession vom Theater zur Jesuitenkirche Luzern. (Theater Luzern/Ingo Hoehn)

Bewähren sich Ihre Vorstellungen in der Praxis, oder gibt es Korrekturen?

Den Motor eines Theaters kenne ich aus meiner langjährigen Arbeit an anderen Häusern, und so auch die vielfältigen Ansprüche. Es ist ein fragiles Mobile, das wir bearbeiten. Als Dramaturgin bin ich nie ganz zufrieden. Das geht auch meinen Kolleginnen und Kollegen so – und hätten wir in Luzern alle Ziele schon erreicht, wäre es langweilig! Wir alle möchten an dieser Aufgabe wachsen und uns gemeinsam entwickeln.

Kann man sagen, dass Sie das Prinzip des Stadttheaters wieder aufgreifen und neu definieren? Ich denke da an das Ensemble.

Ja, das ist ein guter Hinweis: Die Bedingungen in der Coronapandemie haben gezeigt, wie wertvoll ein Ensemble ist. Natürlich ist auch die Arbeit mit Gästen und Stars interessant, aber mit einem Ensemble kann man besser auf Expedition gehen, weil wir gemeinsam unterwegs sind. Back to the roots neu gedacht, so könnte man meine Ideen bezeichnen.

Vieles in ihren Programmen klingt nach Experiment. Überraschenderweise feiern Sie aber auch mit Repertoire-Stücken wie Mozarts «Le nozze di Figaro» und Verdis «Macbeth» grosse Erfolge. Woran liegt das?

Bei dieser Frage muss ich etwas ausholen: Es gibt einen riesigen Fundus an Werken mit inhaltlicher und musikalischer Kraft, die zu ihrer Entstehungszeit überhaupt nicht konventionell waren. Nehmen wir den Chor der Schottischen Flüchtlinge im letzten Akt von «Macbeth» «Patria oppressa!», damals schon provokativ und heute angesichts des Ukraine-Konflikts von verstörender Aktualität, die ergründet werden will. «Le nozze di Figaro» sorgte zu Mozarts Zeiten für grosse Diskussionen. Diesen Geist gilt es immer wieder für uns zu entdecken, die wir mit unseren Seh- und Hörerfahrungen des 21. Jahrhunderts darauf schauen. Repertoirestücke möchte ich auf ihre Aktualität befragen.

Wie reagiert denn das Publikum auf ihren Ansatz des Übergreifenden?

Es ist noch zu früh, um Verbindliches sagen zu können. Aber mein Wunsch und Ziel ist es tatsächlich, das Publikum zu animieren, ins Luzerner Theater zu kommen, weil immer etwas Spannendes geboten wird. Ich möchte das Vertrauen des Publikums gewinnen, damit es sich auf Unbekanntes und Ungewohntes einlässt. Dem Ensemble kommt dabei eine wertvolle Aufgabe des Verbindenden zu, so nach dem Motto: Wenn diese Sängerin oder jener Schauspieler dabei ist, dann gehe ich hin.

Sie bezeichnen Ihr Credo als «Luzerner Dramaturgie», also als ein Programm genau auf Luzern zugeschnitten. Wie stark ist das Räumliche in Ihre Programmation mit einbezogen?

Grundsätzlich reagiert Theater immer auf den Raum, manchmal ist der Raum die Inspiration, oder dann umgekehrt. Mit der Saisoneröffnung im September letzten Jahres setzten wir in vielerlei Hinsicht ein Zeichen, auch beim Räumlichen. Im «Staatstheater» von Mauricio Kagel waren Oper, Tanz und Schauspiel vertreten, Aufführungsorte waren das Theater, drei Container, die Strasse und die Franziskanerkirche, und es hat tatsächlich Menschen aller Generationen erreicht.

Eröffnungspremiere «Staatstheater» von Mauricio Kagel: Performance in der Jesuitenkirche Luzern. (Theater Luzern/ Ingo Hoehn)

«Theaterraum» ist in Luzern ein Dauerthema: Über Ihrem Kopf schwebt das Damokles-Schwert Abriss, Weitermachen, Neubau. Geben Sie mit Ihrer «Luzerner Handschrift» wichtige Vorgaben für die neue Theaterplanung?

Im Moment läuft der Architekturwettbewerb, es gibt ein Betriebskonzept, das Raumgrössen und Raumanlagen vorgibt, womit verschiedene Möglichkeiten und unterschiedliche Publika intendiert sind. Für mich sind sowohl Blackbox als auch Guckkastenbühne bereichernd und faszinierend: Hier die Nähe zwischen Publikum und Bühne, da die Arbeit mit der Magie einer Theaterbühne. Wichtig scheinen mir auch in der Zukunft die Möglichkeit des Auslotens verschiedenster Konzepte und die Öffnung des Theaters zum Begegnungsort.

Das Programm des Lucerne Festival ist bekannt, das Luzerner Theater ist gleich mit zwei Produktionen dabei, einer Experimentellen und einer Konventionellen. Ein weiterführender Entscheid oder Zufall?

Tatsächlich ist geplant, die Zusammenarbeit zwischen dem Luzerner Theater und Lucerne Festival zu intensivieren. Wir bilden im Seebecken ja so etwas wie eine Kulturachse. Vor allem möchten wir wieder mit dem Ensemble des Lucerne Festival Contemporary Orchestra zusammenarbeiten, «Styx Tours. Ein Rendezvous mit dem Tod» macht den Anfang. Das Stück wird im alten Krematorium Luzern aufgeführt, die Norwegerin Maja S. K. Ratkje komponiert eigens Musik für diese Produktion. Im Moment sind wir mitten in der Arbeit am Konzept – es wird spannend!

Im Theater führen Sie «Herzog Blaubarts Burg» von Béla Bartók auf….

Bartóks «Blaubart» ist ein Meilenstein des 20. Jahrhunderts, eigentlich ein intimes Kammerstück zwischen Blaubart und Judith, aber mit einem sehr grossen Orchester. Daher spielen wir in der Kammerorchesterfassung von Eberhard Kloke.

Können Sie uns schon etwas zur nächsten Saison verraten?

Da müssen Sie sich noch etwas bis zur Pressekonferenz im Mai gedulden.

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