Die georgisch-schweizerische Regisseurin Elene Naveriani erzählt im Spielfilm «Wet Sand» eine intensive, aufrüttelnde, tragische Geschichte von zwei Männern, die mehr als zwanzig Jahre lang ihre Liebe verheimlichen mussten, weil im Dorf Homosexualität als Pest gilt. Ab 5. Mai im Kino.

In einem kleinen georgischen Dorf am Schwarzen Meer scheinen alle glücklich und im Glauben, dass sie sich im Dorf alle kennen. Bis eines Tages der alte Eliko erhängt aufgefunden wird. Seine Enkelin Moe wird gerufen, die Beerdigung zu organisieren. Dabei stösst sie auf ein Netz von Lügen, das sich erst langsam auflöst und sie die tragischen Hintergründe von Elikos verborgener und verbotener Liebe mit Amnon während 22 Jahren kennenlernt.

Der Spielfilm «Wet Sand» zeigt Menschen, die leiden oder sterben, weil sie ihre Liebe geheimhalten und gemäss uralten, erstarrten religiösen und sozialen Institutionen verleugnen und verdrängen müssen. Die patriarchalische, heteronormative Kultur, welche in der Gesellschaft Entwicklung und Vielfalt verhindert und Pseudo-Identität propagiert. Genauso oder ähnlich läuft es, meint die georgisch-schweizerische Regisseurin Elene Naveriani, noch heute in vielen Ländern des Ostens. Was im Film zu sehen ist, spiegle einen kleinen Teil der Tragödien. Täglich geschieht es, dass in ihrem Land nicht lieben und leben darf, wer nicht den Normen entspricht.

Die queere Gemeinschaft ist hier dauernder Repression ausgesetzt. Dass die Kirche dabei eine Rolle spielt, ist belegt. In Georgien wird als Protest gegen den «Internationalen Tag der Homophobie» der «Tag der Familie» gefeiert. Im Film fährt die Geistlichkeit mit einer Muttergottes-Statue durch die Stadt, segnen die Strassen von Tbilisi, im Fernsehen ergänzt durch einen alten Patriarchen, der mit zittriger Stimme betet: «Für unsere Familien, sie mögen stark bleiben, christlich und gläubig.» Die 15 Sekunden dieses Auftritts sind die einzige explizite Begründung für das grosse Schweigen und Lügenwerk, welche das alltägliche Leben durchtränkt.

Elikos Freund Amnon und dessen Enkelin

Das grosse Schweigen und das mächtige Lügenwerk

Einen seltenen emotionalen Ausbruch gibt es beim Beerdigungsessen, als einer der Dorfgewaltigen proklamiert, dass man anstossen soll, «auch wenn Eliko ein Gottloser war» und anschliessend Schwule und Lesben verflucht: «Ihr seid keine Familie. Ihr seid Pest!» Was Moe, die Enkelin des Verstorbenen, explorieren lässt: «Hier machen die Leute Regeln, die Menschen in den Selbstmord treiben. Ihr Bastarde zerstört Menschen!» Denn Krebs heisst die Erklärung, die im Dorf für den Tod Elikos herumgereicht wird; mehr wissen will niemand.

«Diesen Film zu machen ist eine Form von Aktivismus. Ich kann davon erzählen, was politisch heute in Georgien abläuft. Selbstverständlich gibt es auch bei den Filmschaffenden unterschiedliche Anschauungen und Sensibilitäten. Doch darf man diese Gegensätze allein auf die Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Blick reduzieren und danach urteilen und handeln? Das ist mir zu wenig. Ich glaube, Filmen in der heutigen Zeit ist interessanter, wenn es nicht ausschliesslich aus männlicher, weisser und heteronormativer Sicht erfolgt.»

Fleshka und Moe kommen sich näher

Mehr als ein Thema

Im ganzen Film ist vieles, nicht alles, mit einem «weiblichen Blick» gesehen. Nicht zufällig, sondern aus innerem Antrieb entwickelt sich zwischen Fleshka und Beo eine zaghafte, vielschichtige Freundschaft und Liebe – womit eine neue Geschichte beginnen und eine hoffnungsvolle Zukunft ihren Anfang nehmen könnte, in der es für alle möglich wird, zu leben und zu lieben nach persönlichem Gusto.

Mehrmals ist bei Fleshka, anfänglich Serviererin, am Schluss Chefin in der Bar, eine Jeansjacke zu sehen mit der Aufschrift: «Follow Your Fucking Dreams!» Die Filmemacherin sei stark von der Punk-Bewegung geprägt gewesen, die damals Slogans wie «No Futur» als Waffe einsetzte. Doch Naverianis Motto auf ist positiv, optimistisch, hoffnungsvoll: «Wir brauchen diesen verdammten Traum!»

Dass dieser in Georgien handelnde Film nicht bloss ein «lokales Thema behandelt», sondern ein Stück Lebenswirklichkeit, die überall gültig ist, sichtbar und nachvollziehbar macht, zeichnet ihn in meinen Augen aus. Nebenbei steht er gleichzeitig für andere Themen, etwa Umwelt und Corona: für uns deutlich lesbar, für die dortige Bevölkerung ins Fernsehen verbannt.

Fleshka mit Amnon in der Bar

Ein starker Film einer mutigen Frau

Fasziniert haben mich in «Wet Sand» die vielen, meist statischen, präzise komponierten Tableaus der ungarischen Kamerafrau Agnes Pakozi, die durch ihre Ruhe uns bewegt. Und der Ton, die dunklen und dennoch sphärischen Instrumentalklänge und Gesänge, deren Worte ich zwar nicht verstehe, deren Stimmung jedoch direkt ins Herz und in den Bauch geht. Weiter ist es das Spiel, von einer klugen Regisseurin geführt, der Protagonistinnen und Protagonisten, von neben Gia Agumava für seine Performance als Amnon den Preis als bester Schauspieler am Festival von Locarno für seinen ersten Filmauftritt erhalten hat, was auch die zwei Hauptdarstellerinnen verdient hätten. Für den Film erhielt Elene Naveriani den diesjährigen Solothurner Filmpreis, die höchste Auszeichnung, die für einen in der Schweiz produzierten oder coproduzierten Film zu vergeben ist.

Ein Film besteht jedoch nicht bloss aus Bild, Ton und dem Spiel, sondern aus einem gelungenen Zusammenspiel von all dem; wichtiger noch aus einer überzeugenden Vision dahinter; schliesslich, in diesem Fall, aus dem Mut, diese Welt in adäquater künstlerischer Form einer grösseren, fremden Öffentlichkeit zu zeigen, unterstützt von Anspielungen, Analogien, Wiederholungen, einer Rahmenhandlung, einem grossartig montierten und damit gut verständlichen Aufbau sowie einer Handlung voll innerer Dramatik – und persönlich angemerkt, mit einer Langsamkeit, dass auch ein älteres Publikum während der fast zwei Stunden gut folgen kann bis zum Schluss, dem Lesen des am Anfang geschriebenen Briefes, was nochmals die Liebe als Sinn des Lebens in den Mittelpunkt bringt.

Jede Stadt sollte am Meer liegen …

Ein Prosit auf die Liebe

«Jede Stadt sollte am Meer liegen, oder wenigstens sollte man es überall rauschen hören.» Dieser poetische Satz gegen Ende des Films weist über sich hinaus: über die Bar, die Stadt Tbilisi, Georgien, das Schwarze Meer, den Osten Europas bis in die ganze Welt – wo verhindert, verboten, verurteilt, bestraft wird, wenn zwei Menschen, die nicht genau der allgemeinen Norm entsprechend sich lieben oder lieben möchten. Im Film wird gegen Schluss zu Dritt auf diese Liebe mit einem Glas Rotwein angestossen. Allein schon dass die Regisseurin immer wieder die Natur, das Meer wie einen Akteur einbezieht, zeigt, wie umfassend ihre Botschaft verstanden werden kann oder soll. Und dass die zwei Frauen Fleshka und Moe die Fackel der Liebe, deren Feuer bei den zwei Männern Eliko und Amnon gelöscht wurde, weitertragen, spricht dafür, dass Frauen dazu einiges beizutragen vermögen. Danke!

Drei weitere georgische Filme

Da Georgien mit seiner Kultur uns fremd sein könnte, bringe ich hier Links auf drei andere georgische Filme, die auf dieser Site bereits besprochen wurden:

Die Tragikomödie «Otar’s Death» von Ioseb Soso Bliadze schildert das heutige Georgien und die Vitalität des georgischen Kinos in einem unterhaltsamen und hintergründigen Film, der aufzeigt, wie es kaum gelingt, anständig und glücklich zu leben.

Eine Parabel über das Leben: Ein alter Mann, seine Enkelin und eine kleine Insel sind die drei Hauptakteure im Film «Corn Island» des Georgiers George Ovashvili, einem filmischen und menschlichen Meisterwerk.

Der Georgier Levan Koguashvili schuf mit «Blind Dates» eine feine, lakonische, meditative, absurde Komödie über die Schwierigkeiten, sich persönlich zu begegnen.

Titelbild: Ein Mann hat sich erhängt

Regie: Elene Naveriani, Produktion: 2021, Länge: 115 min, Verleih: Sister Distribution