FrontGesundheitSchwerverständliches beim Geschäft mit Hörhilfen

Schwerverständliches beim Geschäft mit Hörhilfen

Jeder zweite über 70-Jährige hört nicht mehr gut. Mit einem modernen Gerät nehmen viele wieder besser am Leben teil. Beim Geschäft mit den High-Tech-Apparaten vernimmt man auch Misstöne. Und staunt über Hörgeräte-Tourismus.

                   Historische Personen, schwerhörig oder taub:
Maler Francisco Goya

 

Wir nennen sie Veronika Gaugler. Sie ist in den Achtzigern. Und hört nicht gut. Es begann schon vor mehr als zwanzig Jahren als sie glaubte, die Menschen zur Linken würden leiser als die zur Rechten sprechen. Vorerst merkte niemand was. Wenn nötig wendete sie den Kopf. Dann schwächelte auch das andere Ohr. Doch mit viel Konzentration klappte es immer noch. Aber immer schlechter. Schliesslich musste ein Hörgerät her. Aber, und jetzt fängt die komische Tragödie an: Die Dinger waren vermeintlich kompliziert, sie schmerzten, juckten, drückten. Also raus mit der Hörhilfe.

Komponist Ludwig van Beethoven.

Veronika Gaugler, sie heisst anders, ist eine Bekannte des Autors. Viele Seniorweb-Leserinnen und -Leser können ähnliches erzählen – oder sogar über Selbsterlebtes berichten. Zum Glück gibt es auch andere Geschichten, Erfolgsgeschichten. Nach Beratung und mit angepassten High-Tech-Geräten beteiligen sich die meisten Benutzerinnen und Benutzer wieder ungehindert am Leben. Moderne Apparate sind Mini-Computer, technische Meisterleistungen.

Erfinder und Unternehmer Thomas Edison.

Einkaufsbummel nach Deutschland

Neben Erfreulichem ärgern jedoch auch Probleme.

— Gemäss einem Vergleich des Preisüberwachers bezahlen die Schweizer die höchsten Gerätepreise in Europa. In Deutschland zum Beispiel sind die Apparate rund einen Viertel billiger.
— Wer ein Hörgerät will, erfährt meist nicht den Gerätepreis, sondern nur den Endpreis einschliesslich Anpassungen. Damit können die Kunden die Preise nicht vergleichen.
— Wenn jemand bloss an einem Ohr beeinträchtigt ist, bezahlt die IV alle 6 Jahre 840 Franken. 1650 Franken erhalten jene, die ein Gerät für beide Ohren benötigen. Die Zahlen für AHV-Bezüger: alle 5 Jahre, 630 Franken beziehungsweise 1240 Franken. Die AHV-Ansätze sind damit tiefer als jene der IV. Die umstrittene Leitlinie der Sozialwerke: Senioren müssen nicht mehr arbeiten und haben sich deshalb mit geringeren Leistungen abzufinden.
— Nach einem ärztlichen Attest zahlen IV und AHV diese Beträge unabhängig vom effektiven Preis der Geräte. Für «Hörgeräte-Touristen» lohnt es sich, die Apparate im Ausland zu kaufen, sie dort anpassen zu lassen und von den vor allem in Deutschland tieferen Preisen zu profitieren.

Dieser Winzling hätte den drei Geschädigten wohl geholfen: modernes High-Tech-Hörgerät.


Zu den oben erwähnten und anderen Problemen äussert sich Georg Simmen. Er ist Präsident von Pro Audito, lebt in Realp, ist Jurist und Urner FDP-Landrat.

«Ansätze der AHV und IV sind zu tief“

Der Präsident der Non-Profit-Organisation kritisiert die zu geringen Pauschalen und bemängelt, dass Preisvergleiche schwierig sind.

 Seniorweb: Georg Simmen: Wo und für was steht Pro Audito?

Georg Simmen: Pro Audito ist die führende Anlaufstelle für die 1,3 Millionen Menschen mit Schwerhörigkeit in der Schweiz. Wir sind unabhängig, lobbyieren für unsere Anliegen, liegen aber nicht im Streit mit den kommerziellen Akustikern.

Sie selbst haben bloss ein Hörvermögen von rund 20 Prozent. Wie kommunizieren Sie jetzt mit mir am Telefon, wie verständigen Sie sich im Alltag?

Ich verfüge über starke und technisch aktuelle Hörgeräte, die ich via Bluetooth mit meinem Smartphone verbinden kann. Ich telefoniere sozusagen mit Ihnen mit meinen Hörgeräten. Dank eines sehr guten Sprachverständnisses kann ich so problemlos am Telefon kommunizieren.

Der Preisüberwacher fordert, dass die Geräte zentral beschafft werden, wie dies zum Teil im Ausland geschieht. Durch Grosseinkäufe würden die Preise deutlich sinken.

Die Beschaffung der Hörgeräte via Grosseinkauf bei einem in einer Ausschreibung obsiegenden Hersteller wäre ja durchaus noch möglich. Aber wer nimmt dann die Anpassung vor? Der Endpreis für Hörgeräte besteht ja nicht nur aus den Kosten des Herstellers, sondern auch aus den Anpassungskosten. Wer soll bei einer zentralen Ausschreibung die zwingend notwendige individuelle Anpassung der Geräte vornehmen? Bei einer zentralen Ausschreibung der Gerätebeschaffung und -anpassung würden wir radikal eine funktionierende und qualitativ hochstehende Branche auf einen Schlag zerstören.

Warum sind in der Schweiz die Geräte und die Anpassungen so viel teurer als im Ausland?

Grundsätzlich sind ja fast alle Konsumgüter und Dienstleistungen in der Schweiz teurer als im Ausland. Unsere Löhne sind dementsprechend auch höher. Die Akustiker müssen Schweizer Mieten bezahlen und dem schweizerischen Niveau entsprechende Löhne. Sie können somit gar nicht günstiger sein, als das benachbarte Ausland.

Der Markt für Hörgeräte ist in Bewegung. Neu mischt die Migros mit Misenso mit. Auch Apotheken verkaufen Geräte. Was halten Sie davon?

Seit einigen Jahren kann man einfache Geräte in Apotheken kaufen. Das sind aber bestenfalls Einstiegsmodelle und eine individuelle Anpassung ist nur beschränkt möglich. Wer ein Hörproblem hat, sollte sich von Anfang an von ausgebildeten Fachleuten beraten und bedienen lassen. Wie es sich bei Migros Misenso verhält, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Kosten zu vergleichen ist schwierig. Der Kunde erfährt nur den Endpreis, einschliesslich Anpassungen. Wollen die Anbieter damit die Kundschaft verwirren oder die Konkurrenz behindern?

 Die meisten Anbieter arbeiten mit „Rund-um-Sorglos-Paketen“: Hörgerät, Anpassung und fünf Jahre Service inbegriffen. Es scheint ein sehr beliebtes Geschäftsmodell zu sein, denn die meisten Anbieter machen es so. Damit wird sicherlich nicht Transparenz geschaffen.

Wir haben in diesem Artikel die Pauschalen der IV und der AHV aufgeführt. Sind die Beträge zu gering?

Ja, gemessen an den Hörgerätepreisen sind sie sicher zu tief. Wenn sich jemand seriös bei einem Akustiker ein Hörgerät anpassen will, kommt er in der Regel mit diesen Pauschalen nicht durch. Die günstigsten Geräte in den Apotheken liegen leicht unter den Pauschalen, sind aber nur für einfache Fälle gedacht und eine individuelle Anpassung mit mehreren Terminen gibt es dafür nicht.


Migros und Apotheken sind neu im Geschäft

In der Schweiz konkurrenzieren sich Akustiker-Ketten wie Kind, Amplifon und Audika. Fielmann ist vor allem als Optikerkette mit tieferen Brillenpreisen bekannt. Die Firma verkauft aber schon seit längerem auch Hörgeräte und passt diese an. Das Unternehmen versichert, dass es ausschliesslich ausgewiesene Fachleute beschäftigt. Neu im Markt ist der Migros-Ableger Misenso. Auch diese Kette erklärt, dass nur ausgebildete Expertinnen und Experten beraten und anpassen. Wie die etablierten Akustiker bieten Fielmann und Misenso auch bei komplexen Hörproblemem Lösungen an.

Bei den Apotheken haben vor allem Apotheken-Ketten oder -Gruppierungen Geräte im Sortiment. Gemäss dem Dachverband Pharmasuisse ist diese Dienstleistung für Leute mit leichten oder mittelgradigen Schwierigkeiten gedacht. Bei der Ausbildung des Personals würden die Apotheken mit den Herstellerfirmen zusammenarbeiten. Zur Frage, ob die hier erwähnten drei Anbieter günstiger sind, wollten oder konnten sich weder Fielmann, Migros noch Pharmasuisse äussern.

Kehren wir am Schluss zurück, zu der am Anfang beschriebenen Veronika Gaugler. Es liegt nicht an den Akustikerinnen und Apparaten, dass es immer noch viele Menschen gibt, die bei Gesprächen nicht mitbekommen, was verhandelt wird. Sind sie bockig? Sind sie neudeutsch beratungsresistent? Oder ist es für sie gar nicht so wichtig, mitzubekommen, was da geschwatzt wird?

Das herauszufinden wäre eine andere Geschichte.

Organisation Pro audito

Vergleich der Akustiker-Ketten

2 Kommentare

    • Das kann ich leider nicht sagen, Frau Kurzhals. Wir haben ein lizenz- und honorarfreies Bild verwendet. Das hat den Vorteil, dass es nichts kostet. Und den Nachteil, dass wir nichts näheres wissen.

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