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Mut zur Farbe

Erstmals zeigt das Zürcher Museum für Gestaltung in der Ausstellung «Atelier Zanolli – Stoffe, Mode, Kunsthandwerk» den Nachlass der 1905 aus dem Veneto eingewanderten Familie Zanolli. Mit grosser schöpferischer Energie wirkten sie als Familienunternehmen in Zürich bis 1939.

Es ist ein Sehvergnügen, in die kargen Räume des Toni-Areals einzutreten. Leuchtend bunte Stoffbahnen hängen vor den Wänden, in den Vitrinen sind kreativ und originell gestaltete kunstgewerbliche Objekte zu entdecken. In sieben Kapiteln erhält man einen umfassenden Einblick in die Techniken und Bedingungen der Produktion sowie in den Geschmack der Zeit. Und ganz besonders, wie die Zanollis ihr Unternehmen in Zürich führten: Provòn, probieren wir es, war ihr Leitsatz im Belluno Dialekt.

Blick in die Ausstellung. Foto: rv.

Die Geschichte des Atelier Zanolli beginnt in der norditalienischen Stadt Belluno, wo die Eltern Recati eine Trattoria führen. Die älteste Tochter Antonietta (1870-1935) lernt Schneiderin und fertigt für ihre vier Schwestern Kleider an. Nach der Ausbildung arbeitet sie als private Schneiderin, bis sie um 1900, inzwischen mit Enrico Zanolli (1870-1942) verheiratet, ihren eigenen Modesalon eröffnet. Ihre jüngste Schwester, die Modistin Angiolina Recati (1880-1969), unterstützt sie dabei.

Antonietta und Enrico Zanolli-Recati auf der Dachzinne am Zeltweg 32 in Zürich, 1922. Bild aus dem Buch.

Bekannte ermutigen Antonietta, in Zürich ein Atelier zu eröffnen. 1905 zieht die Familie Zanolli-Recati mit den drei Töchtern Pia (9), Lea (6) und Zoe (3) sowie Zia Angiolina nach Zürich, wo im Jahr darauf der Sohn mit dem ungewöhnlichen Namen Ver geboren wird. Enrico, der gelernte Schmied, kann in einer Garage im Zürcher Seefeld arbeiten. Rasch findet Antonietta Anschluss an eine italienische Laientheatergruppe, in der auch die Kinder kleine Auftritte haben. Später besuchen diese Kurse in der Semmler-Rinke-Schule, einem Institut für Tanz und Rhythmik, wo nach neuen Methoden unterrichtet wird, und treten in verschiedenen Schweizer Städten auf. Die von der Mutter entworfenen Kleider fallen auf und in Zürich beginnt man, über die modernen Entwürfe der Schneiderin aus Italien zu sprechen.

Blick in die Ausstellung. Foto: rv

Die Schriftstellerin Maria Waser (1878-1939) wird eine frühe Förderin der Familie und ermöglicht ihr den Zugang zur gebildeten Zürcher Gesellschaft. Pia und Lea belegen verschiedene Kurse an der Kunstgewerbeschule in Zürich, wo sie Sticken bei Berta Baer, ornamentales Zeichnen bei Otto Morach und figürliches Zeichnen bei Ernst Georg Rüegg lernen, was sich im Atelier Zanolli niederschlägt. Einige Erzeugnisse jener Zeit zeigen eine ähnliche Formensprache wie die Objekte von Sophie Taueber-Arp, die ab 1916 dort unterrichtet.

Textildruck, Seide, gefärbt, Linoldruck, ca. 1921, Kunstgewerbesammlung.

Während des Ersten Weltkriegs wird Zürich zum Hotspot experimenteller Kunst, so der Dadaismus im Cabaret Voltaire 1916 oder der moderne Ausdruckstanz von Mary Wigman, den die Zanolli Töchter bei ihr lernen. Antonietta ist auch politisch interessiert und mit der Sozialistin Angelica Balabanoff sowie der Dichterin Ada Negri befreundet. Emigrierte italienische Sozialisten und Pazifisten besuchen die Familie Zanolli. So lernt die älteste Tochter Pia (1896-1980) ihren späteren Lebenspartner, den kalabresischen Dienstverweigerer, Anarchist und Dichter Bruno Misèfari (1882-1936) kennen, mit dem sie 1919 nach Italien zieht.

Mit dem braungrauen Fagotto, einem Kleidersack, reiste die Familie Zanolli 1905 aus Italien ein; weisse Zierkissen bestickt mit revolutionären Parolen, 1914. Foto: rv.

Anfänglich finden die Anproben und der Verkauf der Kleider und Kostüme in der Wohnung an der Kirchgasse 21 statt, später am Zeltweg 52. Ab 1914 führen die Zanollis neben der Schneiderei auch ein Atelier für angewandte Kunst. Während des Ersten Weltkriegs muss das Atelier zeitweise geschlossen werden, dafür entstehen neue Kollektionen. Damit reisen Pia und ihr Vater Enrico mit Pferd und Wagen nach Lugano und suchen in den Grandhotels nach neuer Kundschaft. Dank diesen Reisen können sie sich finanziell über Wasser halten. 1921 bis 1926 mieten die Zanollis zwei Ladenlokale in Engelberg und Lugano. Immer wieder probieren sie neue Verkaufsstrategien aus.

Geschäftskarte Atelier Zanolli, 1923-1929, Kunstgewerbesammlung.

1923 werden Atelier und Verkaufslokal in den Neu-Seidenhof an der Gerbergasse 5 verlegt, zugleich erhält das Unternehmen von Zürcher Warenhäusern, etwa Jelmoli oder Grieder, grosse Aufträge für Stoffdrucke. Es entstehen neue fantasievolle Muster und Motive auf Seidenstoffen, die Lea über Schablonen mit der Airbrush-Spritzpistole mit viel Lust am Experiment herstellt. Diese Aufträge entstehen meist unter grösstem Zeitdruck.

Lea Zanolli am Spritzapparat im Atelier in Zollikon, 1939. Foto: Edith Weil-Baumann Kunstgewerbesammlung.

Zunehmend prägt nicht mehr Antonietta das Atelier, sondern Lea (1899-1995). Sie ist mit ihrer künstlerischen Begabung und Ausbildung für die moderne Gestaltung und Produktion der Erzeugnisse zuständig. Die Mutter arbeitet mit den Lehrtöchtern im Schneideratelier, während Lea ab 1926 Stoffe mit dem Spritzapparat färbt. Der Vater Enrico unterstützt sie dabei und setzt auch Leas Entwürfe für das kunsthandwerkliche Atelier um, insbesondere Leder- und Holzarbeiten. Seit seiner Arbeitslosigkeit 1915 arbeitet er im Atelier mit.

Schablonen für den Textildruck, Karton, 1926-1939, Kunstgewerbesammlung.

Zoe (1902-1990) zieht als Schauspielerin nach Berlin und Gera und heiratet 1929 den Ingenieur Werner Zschokke. Nach drei Jahren Aufenthalt in Ägypten lebt das Paar in Burgdorf. Die Schwestern nehmen aus der Ferne stets Anteil am Atelier in Zürich und wirken mit Entwürfen mit. In ihren Memoiren schreibt Lea Zanolli: «Aufgrund unserer leidenschaftlich idealistischen Natur lässt unsere finanzielle Situation viel zu wünschen übrig. Der einzige Fehler von uns allen ist die Unzulänglichkeit, Geld aus unserer gemeinsamen Arbeit zu produzieren.»

Familie Zanolli bei der Arbeit im Dachatelier in Zollikon, 1939. Bild aus dem Buch.

Die Weltwirtschaftskrise bringt neue Herausforderungen. 1930 zieht die Familie in ein Haus an der Neuackerstrasse 23 in Zollikon und produziert dort gängige Modeartikel für Warenhäuser. Doch die Kreationen finden immer weniger Abnehmerinnen. 1935 stirbt die Mutter Antonietta, 1939 muss das Atelier Zanolli seine Produktion einstellen und die Familie kehrt nach Italien zurück.

Armreif, Glasperlenarbeit, gehäkelt, ca. 1921, Kunstgewerbesammlung.

Erst 1946 kommt Lea wieder nach Zürich, wo sie mit Zia Angiolina zeitlebens wohnen bleibt. Sie schreibt die Familiengeschichte nieder und sammelt die Fotografien der Familie. Der umfangreiche Schriftwechsel zwischen den Familienmitgliedern sowie die Fotodokumente werden heute im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich aufbewahrt.

Bilder: Museum für Gestaltung, Zürich

Bis 4.09.2022
«Atelier Zanolli – Stoffe, Mode, Kunsthandwerk, 1905-1939» im Museum für Gestaltung Zürich, Toni Areal. Mehr Informationen finden Sie hier

Publikation: «Atelier Zanolli – Stoffe, Mode, Kunsthandwerk 1905-1939», Sabine Flaschberger (Hg.), mit verschiedenen Essays, Museum für Gestaltung, Zürich, 2022.

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