FrontKolumnenWie Stehaufmännchen und Klatsch-Tanten applaudieren

Wie Stehaufmännchen und Klatsch-Tanten applaudieren

Mit dieser Kolumne rümpfen wir die Nase über jene, die auch bei unpassenden Gelegenheiten mit stehendem Applaus überreagieren. Dann runzeln wir die Stirn über das heilige Schweigen zwischen den Sätzen im Klassikkonzert.

Stehender Applaus ist Physiotherapie. Die knappste Bewertung zum stehenden Beifall: Es gibt ihn bloss, weil das Theater/das Konzert endlich fertig ist, und das Publikum sich nun wieder bewegen kann. Physiotherapie also. In den letzten Jahren vor der Pandemie hat die Standing-Ovation-Bereitschaft merklich zugenommen. Auch beim Laientheater boomt die zivile Habacht-Stellung. Das hat mit einer Eigenart der Amateurszene zu tun. Als mittelmässig begabter früherer Laiendarsteller berichte ich von Selbsterlebtem.

… ist Familiensache. Nämlich: Auf den Stühlen sitzen viele Bekannte, Angehörige und Verwandte der Spielerinnen und Spieler. Viele sind nicht freiwillig gekommen, sondern um der Familie die Ehre zu geben. Um dem Göttibub, der Schwester, dem Nachbarn, der Kollegin wissen zu lassen, dass sie tatsächlich hier sind, müssen sie aufstehen: Eben Standing Ovations nicht nur als Physio-Uebung, sondern als Präsenzbeweis.

… ist wie der Samichlaus an Ostern. Jetzt kommt der psychologische Teil: Wenn einer/eine aufsteht, setzt der Druck ein, nicht als Banause oder Holzpflock dazustehen oder dazusitzen. Was beim Fussball die La-Ola-Welle, ist im Konzert oder Theater die Ovationswelle. Wer nicht mitmacht, fühlt sich so abseits wie der Samichlaus beim Ostereiertütschen.

… ist wie eine Instant-Suppe beim Gourmetkoch. Schliesslich: Wie soll man sich denn noch steigern, wenn man mal was wirklich Grossartiges zu sehen oder zu hören bekommt? Hüpfen? Schreien? Feuerwerk? Stehender Applaus als Standard, das ist, wie wenn man jeden geschriebenen Satz mit einem Ausrufezeichen beendet. Wie wenn man am Getränkeautomaten die Instant-Suppe als Gourmetgenuss bejubelt. Wie wenn man Unbekannte mit Kuss und Umarmung begrüsst.

Klassik-Applaus ist wie ein Hofzeremoniell. Wir verlassen die Stehaufmännchen im Theater und gesellen uns zu den Klatsch-Tanten im klassischen Konzert. Auch hier stossen wir auf Misstöne – auf eine Applausordnung so starr wie ein Hofzeremoniell im 16. Jahrhundert. Nämlich: Kein Beifall zwischen den einzelnen Sätzen. Nie, nirgends. Dabei hat uns doch die Violinistin zu Tränen gerührt. Dabei hat uns doch der Pianist an der Seele gekitzelt.

… ist Gleichstellung der unverdienten Art. Die beiden und alle anderen Solistinnen und Solisten darf das Publikum erst am Ende des Stücks zusammen mit dem ganzen Orchester mit Applaus belohnen. Das ist Gleichstellung der unverdienten Art. In der Oper darf man, was im Konzert verpönt ist. Dort stört der Beifall weder das Orchester noch die Sängerinnen und Sänger noch die Handlung – die ja eh meist unverständlich ist.

Wir sind den hochschnellenden Power-Claqueuren an den Karren gefahren. Wir haben den schweigenden Klassikbesucherinnen die Meinung gegeigt. Schön und gut. Aber nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass jene, die es verdient haben, mit dem wohlverdienten Beifall belohnt werden. So oder so.


Das Video zum Thema

Wir wollen ja nicht nur lästern, sondern auch aufklären. Und unterhalten. Der Autor hat ein Video zusammengestellt, das mit der Technik des Klatschens beginnt, dann verschiedene Ausprägungen des Beifalls zeigt und mit … aber sehen Sie selbst.

Hier draufklatschen

Bilder: Freepik. Videos: Youtube copyrightfrei, Bearbeitung pst

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