FrontKulturVom Abenteuer des Erzählens

Vom Abenteuer des Erzählens

Ein Gespräch mit Reto Hänny, Preisträger des Grand Prix Literatur 2022

Seniorweb: Bevor man selber schreibt, beginnt die Lust am Lesen. Auch Ihnen wird wohl jemand diese Lust geweckt haben.

Reto Hänny: Lange vor dem Lesen bin ich mit dem Erzählvirus angesteckt worden, indem Grossvater, der im Klopfen des Holzwurms den Tod pochen hörte, gegen diesen Feind anredend, dem letztlich niemand entgeht, mir auf der Alp mit seinen Sagen und Geschichten das Fürchten und das Staunen lehrte. Zum eigentlichen Leser gemacht – und damit für vieles unbrauchbar – hat mich dann erst in Chur mein wunderbarer Lehrer, der Schriftsteller Cla Biert, der mir, statt mich wegen meiner Rechtschreibfehler zu strafen, als Mittel gegen meine Legasthenie nach seiner Devise, nur harte Brocken machten starke Zähne, Kafka, die Blechtrommel und den Ulysses von Joyce als Lektüre verordnete – und mir damit eine Welt öffnete, neben der alle Schreibfehler und das Gespött über meinen Walser Dialekt bedeutungslos wurden und mich überleben liess.

«Lob des Herkommens» ist seit Gottfried Keller auch eine literarische Metapher. Wie würden Sie das bei Ihnen beschreiben, sowohl geografisch als auch familiär?

Aufgewachsen in einer Bergbauernfamilie zuoberst am Heinzenberg, habe ich, nach Chur versetzt, um die Sekundarschule zu beenden und anschliessend die Mittelschule zu bestehen, als Abkömmling vom Miststock verspottet, meine Herkunft erst einmal gehasst und darunter gelitten, in und ausserhalb der Schule, etwa, wenn es in den Ferien auf dem Hof schuften hiess, während andere Kletterkurse machen durften, bis ich, viel später erst, merkte, welch wichtiger, ja entscheidender Tresor mir meine Kindheit in den Bergen, die Sommer auf der Alp mit Grossvater, die Erfahrungen als Ziegenhirt für meine eigne Arbeit sind.

Der kleine Reto hilft seinem Neni beim Holzsägen und bekommt Geschichten erzählt. Foto: © Archiv Hänny

Wie und wann erfuhren Sie den ersten Anstoss, etwas Eigenes zu schreiben?

Geschrieben hab ich eigentlich, seit ich Buchstaben zu zeichnen begann, nachdem Neni mir zeigte, was alles sich aus wenigen Zeichen machen liess, aus dem B etwa, das, weil’s bei Grossvater kein richtig und kein falsch gab und unwichtig, in welche Richtung die beiden Buckel wiesen, zuerst immer unsere dicke Tante Berta war; wenn sie nach oben sich wölbten und Neni Nippelchen drauf malte, Tante Bertas Busen, wie der ihr am Sonntag, wenn sie in der Kirche den Pfarrer anhimmelte, beinahe das Trachtenmieder sprengte; das B in ein breites, in die Länge gezogenes H gelegt wiederum ergab Kissen und Federbett meiner Schlafstatt auf der Alp, und nach unten hängend war’s das Euter der Ziege. Die große Ernüchterung ließ nicht auf sich warten, denn am ersten Schultag hieß es plötzlich, ab jetzt wird rechts geschrieben und richtig.

«Sturz. Das dritte Buch vom Flug» wurde von Felix Humm, Designer in Mailand, gestaltet. Foto: © Humm Design

Entscheidend wurden, längst bevor es UKW gab, die sonntägliche Literatursendungen am Radio, die mir nicht nur die Predigt ersetzten, sondern mich heftweise mehr schlecht als recht gleich alles nachahmen liessen, was ich hörte und aufsog, altjapanische Shinkokin-wakashū-Verse wie Gedichte in der Manier von Trakl oder García Lorca; nichts Eigenständiges, aber eine gute Sprachschule, wie meine künstlerischen Versuche, wo ich, ohne eine eigne Sprache zu finden, auch alles nachahmte, was mir gefiel, im Rückblick eine wichtige Sehschule waren.

Oft sind es zwei oder gar mehrere entgegengesetzte Gefühls- oder Denkrichtungen, die schliesslich dazu führen, dass man spürt: Jetzt muss ich mich öffentlich äussern. Kennen auch Sie solche Erfahrungen?

Lang hab ich gar nicht daran gedacht, etwas zu publizieren, das Schreiben war eine Welt, die mir gehörte, spätestens seit der Deutschlehrer im Seminar mich vor der ganzen Klasse mit meinen literarischen Versuchen, die mir in die Aufsätze rutschten, in denen ihn vor allem die Rechtschreibfehler interessierten, fertig machte. Meine erste Publikation, ein Portrait des von den Faschisten im spanischen Bürgerkrieg ermordeten Dichters Federico García Lorca zu dessen 30. Todestag, schmuggelte ich unter Pseudonym in die Bündner Zeitung. Ernst mit dem Schreiben wurde es aber erst viel später, in Zürich, an der ETH im Seminar mit dem so treffenden Titel «Schreibarbeit» von Adolf Muschg; um darin mitzumachen, war Bedingung, eigene Texte vorzustellen, und da ich nicht rauszufliegen wollte, blieb mir nichts, als Muschg im Sommer nach dem ersten Jahr ein Konvolut vorzulegen, ein Schreibbergwerk eher als ausgefeilte Texte – das er, mich als Nichtschwimmer ins Wasser werfend, dann gleich an den Suhrkamp Verlag weiterleitete; wobei es noch einige Zeit brauchte, bis RUCH, mein Erstling erscheinen konnte. Und kurz danach, 1980 in die Fänge der Polizei geraten, Zürich, Anfang September, meine Reportage zu den Zürcher Jugendunruhen, dem – wenn Sie mich danach fragen – wohl einzigen Text, wo ich mir, aus der Haft entlassen, sagte: das muss öffentlich werden…

Literarischer Sprachstil ist vielseitig. Ihren Stil vergleiche ich mit dem Erlebnisraum der spätromantischen symphonischen Musik etwa Mahlers. Ihr Sprachfluss verläuft in langen, vielschichtigen Perioden, rhythmisch ansprechend und viele weitreichende Verknüpfungen mit Erinnertem und Mitgemeintem erlaubend. Interessant wäre zu erfahren, wie Ihre Meinung über diese Interpretation aussieht.

Wunderbar; ich freue mich über Ihre Einschätzung. Erinnerung – wobei erinnern stets von heute ausgeht und, je weiter etwas zurückliegt, mit ‹Wahrheit› immer weniger zu tun hat –, Erinnerung, unser Gedächtnis, folgt keineswegs einer konsekutiven Grammatik, die vorgaukelt, alles verliefe gradlinig und so simpel, dass es in drei Zeilen in einen Tweet passt; Erinnerung, Empfinden, auch der Traum übrigens, funktionieren anders. So gesehen können Sie STURZ durchaus als siebenteilige Sprachsymphonie im Sinne Mahlers lesen. Das Musikalische ist mir beim Schreiben sehr wichtig; welche Wirkung Sprachklang, Rhythmus und Erzähltempo haben können, erlebte ich in den frühen 1970er Jahren in Marrakesch, als ich einem Geschichtenerzähler zuhörte, ohne arabisch zu verstehen – und vielleicht verstanden auch die andern nicht alles und gaben sich einfach dem Klang hin, reimten sich wie ich, vom Klang getragen, mit ihren Erinnerungen und Erfahrungen ihre eigne Geschichte.

Reto Hänny mit dem Duo Vera Kappeler-Peter Conradin Zumthor beim ersten Auftritt nach Bekanntwerden der Grand-Prix-Auszeichnung in Vals. Foto: © Adrian Vieli

Das Schwierigste ist, den Ton zu finden; ich arbeite drum immer laut beim Feilen an den Sätzen, bis sie so klingen, wie ich sie haben möchte, und die Atembögen stimmen, und am Ende ist fast immer das musikalische Wort das richtige; ich masse mir nicht an, Berichte zur Lage der Nation zu schreiben und arbeite nicht wie ein Gesinnungsjournalist, sondern eher wie ein Maler oder Musiker, mit Zwischenstufen und Tonwerten, mit Valeurs anstelle von simplem Schwarz-Weiß – wobei Malen für mich nicht nachahmen heißt, sondern übersetzen. Wer die Sprache bearbeitet, wird gleichzeitig von ihr bearbeitet. Ohne Gedächtnis aber gibt es keine Literatur; noch verkürzter: Literatur entsteht aus Literatur. Die Geschichten dieser Welt sind eigentlich alle längst geschrieben. Mit jedem Wort aber, das ich setze beim Versuch, dem Magma aus Emotionen, Erinnerungen und Erlebtem – wozu für mich auch alles Gelesene und Gesehene zählt – Struktur zu geben, öffnen sich mir neue Perspektiven, mögliche Wege, Bilder, Harmonien, von denen ich zuvor nichts wusste.

Zum Schluss bleibt die Frage: Was wünschen Sie sich für Leserinnen und Leser? Welche Erwartungen sollten diese erfüllen?

Als Autor stelle ich mit einem Buch eine Art Werkzeugkasten zusammen, oder fabriziere, wenn Sie so wollen, aus Lust an der Sprache für andere Geniesser Spielzeug; damit mache ich die eine Hälfte der Arbeit, die andere ist den Leserinnen und Lesern überlassen, sofern sie mit dem Truckli etwas anzufangen wissen. Und wenn ich mir schon was wünschen kann, dann sind es Leserinnen und Leser, die am Abenteuer des Erzählens nicht weniger Spass haben als am erzählten Abenteuer, ja, wenn’s hochkommt, sich meine Texte am Ende selber laut vorzulesen beginnen, verquickt mit der nötigen Portion Neugier und Durchhaltewillen, im Sinne, wie es mich mein Grossvater lehrte.

Reto Hänny auf dem Piz Beverin, seinem Hausberg. Foto: © Archiv Hänny

Wenn ihn das Rheuma plagte und er sich nach Wärme und dem Süden sehnte, erzählte er mir, wie man vom Piz Beverin aus das Meer sehe. Als ich mit fünf zum ersten Mal auf dem Gipfel stand, war ich masslos enttäuscht: Rundum nichts als Berge, sodass ich Neni abends einen elenden Flunkerer nannte. «Musst halt hinter den nächsten Berg schauen und den übernächsten – und irgendwann, du wirst sehen, hast du das Meer und die Wüste zu Füssen, bist weit herumgekommen, hast dabei viel erlebt und weisst mehr über dich.»

Titelbild: Porträt Reto Hänny. Foto: © E. Caflisch

Am 25. Mai verleiht Kulturminister Alain Berset die Literaturpreise 2022. Reto Hänny wird mit dem Grand Prix Literatur geehrt.
Am 27. Mai liest Reto Hänny bei den Solothurner Literaturtagen (12 Uhr, Landhaus). Moderator ist Rico Valär von der Universität Zürich.
Am 8. Juni findet in der Nationalbibliothek in Bern eine Performance von Reto Hänny mit dem Perkussionisten Fritz Hauser statt.

Buchhinweis:
– Sturz. Das dritte Buch vom Flug. Matthes & Seitz Berlin, 2020. ISBN 978-3-95757-870-9; Überarbeitete Neuauflage 2022. ISBN 9783751800280
– Blooms Schatten. Matthes & Seitz Berlin, 2014. ISBN 9783882211993

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