FrontKulturKolosse im labilen Gleichgewicht

Kolosse im labilen Gleichgewicht

Das Haus Konstruktiv in Zürich widmet dem mexikanischen Künstler Jose Dávila eine Einzelausstellung «Memory of a Telluric Movement» mit Malereien und Skulpturen. Die raumgreifenden Installationen entstanden in Auseinandersetzung mit dem Raum vor Ort.

Jose Dávila (*1974) interessiert sich für Raum und Masse sowie für mathematische Gesetze und physikalische Phänomene. Das Spiel mit der Schwerkraft und scheinbarer Schwerelosigkeit ist auf allen Ausstellungsebenen ersichtlich und schafft spannungsreiche Momente. Denn es sind keine zarten Mobile, sondern massive und schwere Materialien wie Eisen und Stein, die sich im labilen Gleichgewicht halten müssen, ohne wie Dominosteine umzufallen.

Ausstellungsansicht: The act of being together, 2021, Stahl, Metall, Naturstein. Foto: Stefan Altenburger.

Die hohen Stahlträger und Natursteinbrocken im Erdgeschoss gemahnen an eine archaische Landschaft, an steinzeitliche Ritualplätze. Vier Meter hohe Stahlträger und Gesteinsbrocken sind paarweise mit Stahlseilen, die an der Decke über einem Haken liegen, miteinander verbunden. Jedes dieser einundzwanzig schweren Objektpaare hält sich in einem fragilen Balanceakt, nicht nur weil beide Teile ein ähnliches Gewicht haben, sondern auch wegen der Zugkraft der Stahlseile, die sie zusammenhält – eine physikalische Herkulesaufgabe. Das spannungsgeladene Zusammenspiel wirkt auf die Besucherin ebenso anziehend wie bedrohlich.

Die Kuratorin Sabine Schaschl im Gespräch mit dem Künstler Jose Dávila, dessen Schaffen von seiner frühen Ausbildung in Architektur geprägt ist. Foto: rv

Dávila liebt Spielereien mit Statik und Dynamik, Spannungs- und Kompressionskräften sowie jenen labilen Momenten, bevor etwas zusammenfällt. Dies gehört zum Wesenszug seines Arbeitens. Aus natürlichen und industriell gefertigten Materialien, die er im labilen Gleichgewicht einander gegenüberstellt, schafft er poetische Werke, die sowohl sinnlich als auch strukturell ausformuliert sind.

Mit der minimalistisch anmutenden Konstruktion aus Stahl und Stein versinnbildlicht der Künstler die Balance des Miteinanders als gesellschaftlich relevanten Wert. Zudem schafft er mit der Materialkombination von naturbelassenem Stein und industriellem Material Bezüge zur Dualität von Natur und Kultur, auch im Kontext des Klimawandels. Der Künstler sieht seine Faszination für ausbalancierte Systeme in eigenen Erfahrungen, denn in seiner Heimat Mexiko bebt die Erde immer wieder und bringt die Welt aus dem Lot.

Will has moved mountains, 2020, Spionspiegel, Holz, Metalle, Beton, Findling und Spanngurt. Foto: Stefan Altenburger.

Im Obergeschoss werden zwei Arbeiten aus dem Jahr 2020 zusammengeführt: die für die Ausstellung titelgebende rote Malerei Memory of a telluric movement an der Wand und die Installation Will has moved mountains auf dem Podest. Auch diese Installation, auf Deutsch Der Glaube kann Berge versetzen, lässt einen staunen. Hier halten sich nicht einzelne Objektpaare im Gleichgewicht, wie die Megatönner im Erdgeschoss, sondern Spanngurten verbinden sämtliche Objekte zu einer Raumskulptur, die nur in der zusammenhängenden Ganzheit stabil ist: der gekippt auf einem Stein stehende Betonkubus, zwei übereinandergestapelte Holzbalken sowie vier grossformatige schrägstehende Spiegel.

Ausstellungsansicht: Will has moved mountains. Foto: rv

Die fragile Stabilität dieser Installation ist das Resultat einer genau ausbalancierten Übereinstimmung zwischen den Kräften, den Stützen und Neigungswinkeln sämtlicher Gegenstände. Schon die minimale Verschiebung eines einzelnen Teils würde das ganze System zusammenbrechen lassen.

Bei der fünfteiligen roten Malerei Memory of a telluric movement an der Wand hinter der Installation tanzt das vierte Bild aus der Reihe. Es ist leicht nach unten versetzt und zeigt eine graue angeschnittene Quadratform, die im letzten Panneau ergänzt wird. Das schräge Quadrat zeigt den gleichen Neigungswinkel wie der gekippte Betonwürfel auf dem Podest. Beide Werke treten so miteinander in einen Dialog und stellen das Phänomen der Schwerkraft dar: einmal dreidimensional im Raum und einmal zweidimensional auf der Leinwand.

Ausstellungsansicht in der Säulenhalle: Singularity has something of the unreal, 2022. Foto: Stefan Altenburger.

In der Säulenhalle wird eine breite Auswahl an Objekten präsentiert. Viele von ihnen sind einzeln positioniert, während andere spannungsreiche Gruppen bilden. Der Raum wird durch die feine Abstimmung der Grössenverhältnisse, Sichtachsen, Spiegelungen und Bewegungsmöglichkeiten als Ganzes zur lebendigen Skulpturenlandschaft. Die hier gezeigten Werke sind das Resultat von Kombinationen oder Variationen vorangegangener Arbeiten.

The fact of constantly returning to the same point or situation, 2022, Foto: Agustín Arce.

Während der Corona-Pandemie setzte sich der Künstler intensiv mit der Ikonografie des Kreises in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts auseinander. Als Symbol steht der Kreis für die Vollkommenheit, die Unendlichkeit oder für die Wiederkehr in der Gestalt der sich in den Schwanz beissenden Schlange Uroboros. Um wiederkehrende Geometrien geht es auch in den Malereien. Die neuen Kreisbilder tragen alle denselben Titel The fact of constantly returning to the same point or situation. Die Kreise erscheinen zerlegt, halbiert, dupliziert, ausgeschnitten und fügen sich letztlich zu einer grossen Komposition zusammen.

Acapulco chair stack, 2021, Foto: Agustín Arce.

Jose Dávilas Werke tragen alle einen Titel, der in philosophisch-poetischer Sprache die surreale Situation der Skulpturen unterstreicht, etwa für zwei Betonblöcke, die einen Findling einklemmen The exception that proves the rule.  Auch Bezüge zur Kunstgeschichte lassen sich finden, wie im Object du Voyageur, einem Fahrrad auf einem Stapelturm aus Metall, Beton und Ziegelstein, das auf Marcel Duchamps Readymade Roue de Bicyclette von 1913 anspielt oder Acapulco chair stack, eine künstlerisch-poetische Interpretation des Möbeldesign-Klassikers.

Fotos: Haus Konstruktiv und rv

 

Bis 11. September
Jose Dávila, «Memory of a Telluric Movement» im Haus Konstruktiv, Zürich, mehr siehe hier

Zwei weitere Ausstellungen im Haus Konstruktiv: Collagen von «Elisabeth Wild» und «Neues aus der Sammlung», mehr siehe hier

 

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel