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Es ist nichts so fein gesponnen …

«Milde Gaben» heisst der neuste, der 31. Brunetti- Roman der Erfolgsautorin Donna Leon. Sie wohnt zwar seit einiger Zeit in der Schweiz, aber Venedig, die Wahlheimat der gebürtigen US-Amerikanerin, ist ihr immer noch sehr präsent: Die Wasserwege, die dunklen Gassen, die Plätze und Paläste – und die Menschen.

Commissario Guido Brunetti hat Zeit zu lesen, den Gazzettino, aber auch seine geliebten Klassiker. Denn die Pandemie hat in Venedig Spuren hinterlassen. Viele kleine Läden bleiben geschlossen, endgültig, die Stadt erwacht nur langsam aus einer Lethargie, die dem weltweit grassierenden Virus geschuldet ist. Und Brunetti hat Zeit, weil auch die Betrüger, die kleinen Ganoven und die grossen Verbrecher sich in der Pandemiezeit rar gemacht haben – so ganz ohne Touristen, ohne gesellschaftliche Anlässe wie den Carnevale oder die Biennale. Mit einer Bevölkerung, die nur verstohlen durch die Gassen und über die Plätze huschten und immer auf Abstand bedacht war, lohnte sich das Verbrechen nicht.

Ein Stadtplan wäre nützlich

Donna Leon beschreibt die Stadt, die in der Post-Coronazeit langsam wieder erwacht, eindringlich und stimmungsvoll. Auch wenn sie nicht mehr in Venedig wohnt, wird ihre Verbundenheit spürbar. Manchmal fast etwas zu sehr. Akribisch nennt sie die Namen der Plätze, die für nicht à fond mit der Lagunenstadt Vertraute alle ähnlich tönen – etwas mit San Sowieso, weil dort meist eine Kirche steht –, und beschreibt die Gassen und Kanäle, wo Brunetti ermittelt. Man wünschte sich einen Stadtplan.

Aber es geht ja nicht um die Stadt, ja nicht einmal um ein Delikt, das von Amtes wegen verfolgt werden muss. Brunetti bekommt Besuch aus der Vergangenheit, von der immer noch schönen Elisabetta, die in seiner Kindheit im selben Haus wohnte.

Einige Jahre älter als der Commissario, wäre sie ihm sicher nicht in Erinnerung geblieben, wenn nicht ihre Mutter der bitterarmen Familie Brunetti im Untergeschoss regelmässig eine warme Mahlzeit vorbeigebracht hätte. Weil sie aus Versehen wieder mal viel zu viel gekocht habe und froh wäre, wenn sie etwas davon abgeben dürfte. Diese grossherzige Haltung hat Guido Brunetti nie vergessen.

Nur eine Ehekrise?

Und jetzt bittet Elisabetta ihn um Hilfe. Nicht offiziell, nur so als Freund. Sie macht sich Sorgen um ihre Tochter, einer Tierärztin, die mit einem im Finanzwesen tätigen Mann verheiratet ist und jetzt aus Bemerkungen herauszulesen glaubt, dass «etwas Schlimmes» im Gange ist.

Wer die Romane von Donna Leon kennt, weiss, dass sie sich nicht mit einer simplen Familiengeschichte oder gar einer kleineren Ehekrise begnügt. Brunetti ermittelt zwar verdeckt und weiht nur seine Vertrauten, die am Computer unübertreffliche Signorina Elettra, die tüchtige Kommissarin Griffoni und den immer netten Inspektor Vianello in seine Recherchen ein.

Commissario Brunetti ermittelt in ganz Venedig. In den Hinterhöfen und kleinen Gassen …

Bald wird er auch fündig, nicht bei Elisabettas Schwiegersohn, bei ihrem Ehemann Bruno. Der tritt als Wohltäter und noch viel mehr als Spendensammler auf. Die «Milden Gaben» sind für ein Krankenhaus für Bedürftige im mittelamerikanischen Belize bestimmt. Ein Prominenter, ehemals hoher Offizier zur See, wird im Stiftungsrat geführt, obwohl er gar nicht mehr begreift, worunter er jeweils seine Unterschrift setzt.

… wie in den grossen Palästen am Canal Grande. (pixabay)

Und gibt es dieses Krankenhaus wirklich? Die Bilder der modernen, gut ausgestatteten Räumlichkeiten kann man sich nach Bedarf auch im Internet zusammensuchen, um ein marodes Gebäude zu «möblieren». Lügen, unübersichtliche Geldabflüsse, Steuerhinterziehung, dazu noch eine junge Finanzberaterin, die Bruno gerne bei seinen Besuchen in Belize und seiner Sponsorensuche rund um die Welt begleitet – Donna Leon legt ein fein gesponnenes Netz aus verlogener Moral, menschlicher Schwächen und alter Familiengeheimnisse über die ganze Geschichte. Und Brunetti, der lange Zeit immer nur einen Faden dieses Netzes zu fassen bekommt, muss bald feststellen, dass die als Freundschaftsdienst begonnenen Ermittlungen in einen veritablen Skandal münden (könnten).

Es ist, wie könnte es anders sein, ein Genuss, beim Lesen in die Welt der verschwiegenen Paläste, der Kanäle und der Familientraditionen einzutauchen. Auch, und das muss zum Schluss doch angemerkt werden, die Küche der unvergleichlichen Paola, Professorin für Englische Literatur an der Universität und Brunettis Ehefrau und eine begnadete Köchin, scheinbar meist kalt bleibt. Nur einmal kocht sie im Verlauf des Romans einen Risotto – mit Radicchio di Treviso – und das ist, mit Verlaub, Donna Leon, einfach zu wenig. Wo bleibt da, neben dem Lesehunger, die Lust, wieder mal das alte italienische Kochbuch hervorzuholen und «alla veneziana» zu kochen?

Donna Leon: «Milde Gaben». Diogenes Verlag 2022. ISBN 978-3- 257-07190-0

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