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Von der Entwicklung überrollt

Der junge Samnang und seine Familie leben in Hausgemeinschaft mit andern in einem bekannten Wohnblock in Phnom Penh, bis ihr Leben durch die Nachricht erschüttert wird, das Haus solle abgerissen werden. Der Kambodschaner Kavich Neang erzählt in seinem Spielfilmdebüt «White Building» seine Geschichte autobiografisch und universell zugleich. 

Der 20-jährige Samnang und zwei seiner Freunde leben im White Building, einem denkmalgeschützten Mietshaus mitten in Phnom Penh. In der sich schnell verändernden Hauptstadt Kambodschas feilen die jungen Männer an ihrer Tanzchoreografie, um es an Talentwettbewerbe im Fernsehen zu schaffen, während ihre Eltern einen eher traditionellen Lebensstil führen. Doch nun will die Stadt das Weisse Gebäude abreissen. Samnang beobachtet, wie sein Vater als Sprecher der Mietervereinigung erfolglos versucht, die zerstrittene Nachbarschaft an einen Tisch zu bringen. Er muss mit ansehen, wie eine Familie nach der anderen ihre Sachen packt und sein bester Freund das Land Richtung Westen verlässt. Samnang erkennt, dass die stabile Umgebung, die er immer sein Zuhause genannt hat, auf unsicheren Beinen steht.

Mit seinem Spielfilmdebüt kehrt der junge Filmemacher Kavich Neang an einen ihm vertrauten Ort zurück: dem White Building, in dem auch seine Familie lebte, bevor es 2017 abgerissen wurde. Er beleuchtete die Folgen der Räumung bereits in seinem Dokumentarfilm «Last Night I Saw You Smiling» (2019) und spinnt nun eine fiktive Geschichte um dasselbe Ereignis. Entstanden ist ein nachdenklicher, persönlicher Film, der in fesselnden Bildern das universelle Thema der Gentrifizierung ins Zentrum stellt. (Wikipedia: Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.) «White Building» wurde in Venedig mit einem Schauspielerpreis ausgezeichnet.

Die nachfolgenden Antworten des Regisseurs Kavich Neang dienen als Anregungen zum Weiterdenken und als Zusatzinformation: über die Geschichte und deren Interpretation, unsere Wahrnehmung und Deutung:


Samnang zwischen Tradition und Zukunft

Zum Kapitel «Segnungen»

Welche Geschichte steckt hinter dem White Building in Phnom Penh? Das White Building war ein grosses Wohngebäude, das 1963 von dem kambodschanischen Architekten Lu Ban Hap und dem Franko-Ukrainer Vladimir Bodiansky nach den Modernisierungsplänen von Vann Molyvann unter König Sihanouk für die Stadterneuerung entworfen wurde. Als staatliches Gebäude im Herzen der Stadt war es für Beamte des Kulturministeriums bestimmt. Während der Herrschaft der Roten Khmer wurde es leergeräumt und in den 1980er Jahren von Leuten wie meinem Vater, einem Bildhauer, wieder bewohnt. Schlecht gewartet, alterte es schnell. Anfang der 2000er Jahre geriet es in Verruf, weil Drogendealer und Prostituierte einzogen. Ich wuchs mit ihnen als Nachbarinnen auf. Gerüchte über einen bevorstehenden Abriss kursierten schon seit Jahren. 2014 erfuhren wir, dass die Regierung das White Building abzureissen und das Grundstück neu zu bebauen plante, indem sie es für viel Geld an ein japanisches Unternehmen verkaufte. Sie boten den Wohnungseigentümern eine finanzielle Entschädigung an oder die Möglichkeit, in dem neu geplanten Hochhaus unterzukommen. Die Bewohner nahmen das Geld und zogen aus. Das war herzzerreissend. Wir waren alle sehr mit dem Gebäude verbunden, hatten aber keine andere Wahl. «The Building», wie wir es alle nannten, wurde 2017 schliesslich abgerissen. 2019 machte die Nachricht die Runde, das Gebäude sei an ein Unternehmen aus Hongkong verkauft worden, das dort ein Kasino errichten wolle.


Wie soll es weitergehen?

 

Zum Kapitel «Geisterhaus»

Dies ist Ihr erster Spielfilm, aber das White Building ist seit Beginn Ihrer Filmografie präsent. Mehr als eine Kulisse oder ein Zuhause, scheint es die Blackbox Ihrer persönlichen Geschichte zu sein. Ja, denn ich bin dort geboren und aufgewachsen. Es war ein einzigartiges Gebäude und ein Symbol für eine Epoche, die heute verloren ist. Wir bildeten eine Gemeinschaft von Malerinnen, Musikern, Näherinnen und so weiter. Jedem stand die Tür offen. Es herrschte eine besondere Atmosphäre, die es mir erlaubte, als Künstler zu wachsen. Als ich jünger war, begann ich mit traditionellem Tanz, bevor ich in ihrem winzigen Studio Tonaufnahme und Videoschnitt lernte. So bin ich auf den Geschmack gekommen.

Basieren die Figuren des Films auf realen Personen? Ja, Samnang, der junge Protagonist, ist mein Alter Ego, doch umgekehrt: Er beobachtet, was vor sich geht, bleibt aber nicht passiv. Er stellt Fragen und versucht, sich Gehör zu verschaffen. Der Vater im Film ist wie meiner. Sein Zeh entzündet sich aufgrund von Diabetes, was meinem Vater im wirklichen Leben auch passiert ist. Wie viele Kambodschaner vertraute er den Ärzten nicht und wandte stur Naturheilmittel aus Honig und Tamarinde an, bis er schliesslich zur Amputation gezwungen war. Was die Mutter betrifft, so ist sie der meinen ebenfalls ähnlich.

In Ihren jüngsten Filmen geht es um die kambodschanische Jugend, die die Mehrheit der Bevölkerung des Landes ausmacht. Wie ist Ihr Eindruck von ihr? Kambodschanerinnen und Kambodschaner haben eine beschauliche, manchmal allzu entspannte Seite an sich. Die Generation meiner Eltern ist erschöpft. Sie konzentriert sich auf Arbeit und Sicherheit und trägt das Trauma des Krieges mit sich. Die jüngere Generation ist dynamischer und leidenschaftlicher, sie hat Träume für die Zukunft. Als ich hier aufwuchs, wurde ich nicht ermutigt, meine Gefühle auszudrücken oder über mein Privatleben und meine Zukunft zu sprechen. Das ist eine Frage der Tradition und der Kultur. Auch politisch sollen wir unsere Meinung nicht äussern. Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einem Land, das im Halbschlaf ist, weil es sich so langsam bewegt. Indem ich junge Menschen darstelle, hoffe ich, ein jüngeres Publikum anzusprechen und ihm Sehnsüchte, Ambitionen und Hoffnungen zu vermitteln, es zu ermutigen, sich zu öffnen und die eigene Kritikfähigkeit zu entwickeln.


Flirten von Scooter zu Scooter

Zum Kapitel «Monsun»

Beobachten Sie Veränderungen in Phnom Penh? Die Stadt befindet sich im Wandel. Alte Gebäude verschwinden und nehmen grosse Teile unserer Vergangenheit mit sich, während überall Eigentumswohnungen, Einkaufszentren und moderne, klimatisierte Geschäfte entstehen. Die chinesische Präsenz nimmt spürbar zu. Was sich jedoch am meisten verändert hat, ist der Rhythmus der Stadt. Die Einwohnerinnen sind gestresster, weil es schwieriger wird, das gewohnte Tempo zu halten. Dennoch bleibt ihre Mentalität die gleiche. Ich betrachte mich als Zeuge dieser Veränderungen, die teilweise auf die Globalisierung zurückzuführen sind. Dank neuer Technologien ist heute alles schneller geworden. Es ist eine interessante Zeit für einen Filmemacher: Diese Veränderungen zu dokumentieren und daran teilzuhaben, ist eine Chance, Bewusstsein und Erinnerungen für die nächsten Generationen zu schaffen.

Der Zeh des Vaters steht stellvertretend für die soziale Situation im White Building: ein allmählicher Prozess des Verfalls und der Agonie. Ja, denn die Baufälligkeit des Gebäudes war sehr real. Bei starkem Regen drang das Wasser in unsere Wohnung ein, sodass wir manchmal unter Regenschirmen schliefen. Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten Angst, dass ihnen das ganze Gebäude eines Tages auf den Kopf fallen würde. Der Vater spielt die Rolle des «Dorfchefs» in völliger Symbiose mit seiner Gemeinde. Doch allmählich wenden sich die Nachbarinnen gegen ihn, es entstehen Risse, kleine Dinge werden zu grossen Angelegenheiten und die Fäulnis setzt ein. Der Vater steht für die gebrochene Generation, die Opfer der Roten Khmer, die ihre Wunden an uns weitergegeben hat. Wenn jeder Einzelne kaputt ist, wie können sie dann gemeinsam etwas aufbauen? Für die Politiker ist es einfach, Angst zu schüren und zu drohen. Unbewusst sind wir heute immer noch traumatisiert, und unsere Gesellschaft leidet weiter an der Krankheit der Angst.

Der Vater mit seiner Diabeteszehe

Ausblick

Das Kapitel «Segnungen» erzählt das Leben Samnangs und seiner Kollegen, der Mädchen, die sie anhimmeln und dem Erwachen ihrer Sexualität. «Geisterhaus» handelt mehrheitlich von der älteren Generation, ihren Riten und Tradition, mit dem typischen Satz des Vaters: «Warten wir ab». «Monsun» verweist auf eine mögliche Zukunft im ewigen «Panta rhei» der Menschheitsgeschichte, was ich nicht verraten will.

«White Building» geht in meinen Augen weit über das Weisse Gebäude, über Phnom Penh und Kambodscha hinaus, umfasst Auseinandersetzungen, die zum Wesen des Menschseins gehörten: sich entwickeln und die Zukunft gestalten wollen, mit Musik, Tanz und Liebe; aber auch das Verhindern dieser Entwicklung durch Aberglauben, Riten und Religionen. Und diese allgemeingültige Message gibt uns verdankenswerterweise ein 1987 geborener Filmemacher aus einem Filmentwicklungsland.

Titelbild: Das White Building steht symbolisch für vieles.

Regie: Kavich Neang, Produktion: 2021, Länge: 90 min, Verleih: Stream bei filmingo

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