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Deutsch, neu interpretiert

Wenn man sich bereits bei der Lektüre von professionell verfassten Texten fragen muss, ob die deutsche Sprache wohl klammheimlich überarbeitet wurde, muss sich niemand wundern, wenn auch im privaten Bereich sprachlich wild um sich geschlagen wird.

Da wird vermeldet, dass eine Baugrube Absichtlich geflutet worden ist. Wird ja schon seit Längerem praktiziert: Nein, nicht das Füllen von Baugruben mit Wasser, aber dass alles gross geschrieben wird, was wichtig ist. «Herzlich Willkommen!», «Zu verkaufen», «Besser Hören mit XXX». Die Pointe zur «Absichtlich» gefluteten Baugrube ist allerdings, dass dort ein Medienhaus entsteht, in dem geschrieben, kommentiert, erläutert werden wird. Wenn dann das Produkt in unseren Briefkästen liegt, können wir uns über Druck- und andere Fehler Ärgern oder Zumindest wundern. Da kommen Tolle zeiten auf uns zu!

Zur Mode. Ein Mantel wird liebevoll beschrieben: Er hat eine weisse Bestickung. Nein, keine Applikation, auch keine Stickerei. Nun, wenn etwas bestickt ist, ist das keine Bestickung, ein genähtes Kleid keine Benähung, ein Pullover keine Verstrickung. Ein Schrank ist ja schliesslich auch nicht eine Vernagelung, nur weil er von Nägeln zusammengehalten wird.

«Sole à la meunière», steht auf der Speisekarte. Also nach Art der Müllerin. Deshalb hat der Gastrokritiker auch sehr frei übersetzt: Eine mehlierte Seezunge mit Nussbutter. Ist ganz einfach. Man wendet den Fisch in viel, viel Mehl, brät ihn dann in der Pfanne und fertig ist das mehlierte Gericht. Stimmt leider nicht. Meliert kommt vom französischen meler, was vermischen, vermengen bedeutet. Etwas Mehl braucht es beim Rezept zwar, aber es sollte sich mit dem Fisch und der Butter innig vermählen. Nein, nicht vermehlen.

Titel können ganz schön irreführend sein: «Gelähmter durfte endlich gehen», heisst es gross auf der Frontseite. Man stutzt. Sollte das nicht heissen: Kann endlich wieder gehen? Wäre doch eine Schlagzeile wert. Aber der Text klärt auf: Es wird von einem «behördlich genehmigten Suizid» berichtet. Das ginge doch auch mit einem etwas pietätvolleren Titel.

Andere Schlagzeile: «In W. macht sich ein neues Quartier hoch.» Ist doch logisch. Breit machen kann sich etwas, klein machen auch. Weshalb denn nicht hoch oder tief machen? Neues Deutsch braucht das Land.

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3 Kommentare

  1. Immer wieder erstaunlich, was für Beispiele der unkorrekten deutschen Sprache Sie finden.
    Etwas verunsichert bin ich ja manchmal schon, zumal ich auch gerne schreibe und bei spontanen Texten schon mal das eine oder andere Wort oder die Satzstellung nicht astrein daher kommt.
    Ich liebe eine lebendige Sprache und mische oft alte und moderne Ausdrücke und wundere mich oft, besonders beim Schreiben, woher diese Wortschöpfungen mir zufliegen. Das Schöne im Alter ist, man kann aus dem Vollen schöpfen, obwohl sicher auch Wissen verloren geht. Aber manchmal braucht es nur ein Gedanke und die Geschichten sind wieder da. Dafür ist seniorweb.ch ein gutes und hilfreiches Beispiel.
    Worüber ich bei Publikationen immer wieder erstaunt bin, ist die oft fehlende Rechtschreibung, also über Fehler, die wir eigentlich schon in der Primarschule nicht mehr machen sollten. Ich glaube, die Menschen lesen einfach zu wenig. Die Sprache ist heutzutage oft visualisiert und Text wird im Internet meistens verkürzt wiedergegeben. Eigentlich schade, denn z.B. Bücher können uns mithilfe der Sprache in unsere ureigene Vorstellungswelt eintauchen lassen.
    Nicht vergessen sollten wir bei diesem Thema die rund 800‘000 Erwachsenen in unserem Land, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind oder grosse Mühe damit haben. Das Schweizer Fernsehen SRF hat darüber eine Sendung gemacht. Hier der Link für Interessierte
    https://www.srf.ch/news/schweiz/funktionaler-analphabetismus-es-ist-nie-zu-spaet-wenn-erwachsene-lesen-lernen

  2. Eigentlich gilt der Duden als Leitfaden. Zwar nicht immer einfach, aber immerhin. Jetzt wird es noch nicht einfacher, weil Institutionen, Verwaltungen oder Unternehmungen hingehen und vorschreiben, was richtig ist. Wenn also ein Student oder eine Studentin eine Arbeit gemäss den Regeln des Duden abgibt, wird das von gewissen Universitäten nicht mehr akzeptiert, was nichts anderes als Sprachdiktatur ist oder einen Beitrag zur weiteren Verluderung der deutschen Sprache darstellt. Auch das genderen, besser gesagt tschänderen – einen deutschen Ausdruck gibt es ja dafür nicht – leistet hier seinen Beitrag dazu.

  3. Der Beitrag hat mir sehr gefallen. Was mich seit einiger Zeit masslos ärgert ist die häufige Verwendung des Ausdrucks „junges Mädchen“. Dieser Pleonasmus wird bei Knaben/Buben nämlich nicht verwendet. Meines Erachtens ist eine weibliche Person, in diesem Zusammenhang, eine junge Frau oder ein Mädchen.
    Den Vogel abgeschossen hat einmal ein Zeitungsartikel, in dem es um Prostitution ging, die jungen Frauen wurden als „junge Mädchen“ bezeichnet, und das im Titel…
    Ich vermute, dass diese Unart dem ausufernden Gebrauch von Anglizismen zu verdanken ist, wo Frauen jeglichen Alters als „girls“ bezeichnet/angesprochen werden.

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