FrontKulturFotografische Zeitreise durch das Seeland

Fotografische Zeitreise durch das Seeland

Mit seinen Fotos aus dem Seeland sensibilisiert der Fotograf Tomas Wüthrich die Besucherinnen und Besucher für eine Landschaft, die grossen Veränderungen ausgesetzt war und noch immer sehr verwundbar ist. Eine Ausstellung im Museum Murten.

Das Seeland, das den Neuenburger-, Murten- und Bielersee umfasst, ist ein geschichtsträchtiges Territorium. Lange Zeit bestand es aus zwei verschiedenen Gebieten: den Pfahlbausiedlungen an den Seeufern, die seit der Urgeschichte belegt sind. Das Gebiet zwischen den Seen war dagegen feucht sowie überschwemmungsgefährdet und eignete sich lange Zeit kaum als Siedlungsgebiet.

Das «Grosse Moos», Quelle von Ängsten aber auch von Faszination, hat die Fantasie von Schriftstellern und Künstlern beflügelt und zweimal in den letzten 150 Jahren die Initiierung eines Grossprojekts ausgelöst: die grossen Juragewässerkorrekturen (1868-1891 und 1962-1973). Diese hydraulischen Verbesserungen verwandelten ein ungesundes Terrain in den grössten Gemüsegarten der Schweiz. In weniger als 150 Jahren hat sich das Image des Seelands verbessert. Und die Leiden von einst scheinen heute der Vergangenheit anzugehören.

Jurameer 2022. © Foto Tomas Wüthrich

Der Fotograf Tomas Wüthrich nimmt uns in einer Ausstellung und in einem Buch mit auf eine fiktive Reise durch die Zeit des Seelandes, vom prähistorischen Meer bis zu jenem aus Plastikfolien. Er will die Besucherinnen und Besucher für die Veränderung der Landschaft sowie für den Verlust der Biodiversität sensibilisieren. Das Seeland ist noch heute eine fragile, sich ständig verändernde Region, wo bedeutende natürliche Ressourcen und intensive sozioökonomische Aktivitäten nebeneinander existieren.

Zahlreiche Widersprüche beschäftigen den Fotografen. «Denn egal, wie imposant das Seeland aussieht, es geht ihm nicht so gut», sagt er im Gespräch mit dem «Bund». Betrachtet man die Fotos, fällt auf, dass der Horizont fehlt. Die Bilder haben kaum Raumtiefe, und die Sujets nehmen den Bildraum vollständig ein. Stammen die Aufnahmen aus einer fernen, utopischen Welt, vom Mond oder gar vom Mars? Wurden sie am Computerbildschirm verfremdet? Sind sie real oder fiktiv?

Seeland 2022. © Foto Tomas Wüthrich

Einige Fotos zeigen Vorgänge und Zustände, wie sie vor Jahrtausenden herrschten: Wolken, Wasserflächen, Mikroben, Algen, Blütenstaub. Andere Aufnahmen geben die Moderne, die mit Plastikfolien abgedeckten Felder, die Grossfelderwirtschaft wieder. Die Sujets sind einfach, natürlich, nie aufdringlich. Naturfarben dominieren. Einige leuchten, andere wirken düster. Zentrale Themen der Fotografie werden gestreift: Zeit, Vergänglichkeit, Ort, Spuren. Die Bildlegenden beschränken sich meistens auf ein Wort. Sie spielen mit Themen aus Mythologie, Filmgenres, Japanologie, Mystik, den Wissenschaften.

La Source 2022. © Foto Tomas Wüthrich

Die Fotoarbeiten von Tomas Wüthrich stellen auch die Frage nach der Zukunft des Seelandes. Werden wir uns auf die Einsichten der Pioniere der Juragewässerkorrekturen abzustützen? Was ist morgen?  Werden uns die lokal erzeugten Landwirtschaftsprodukte auch in Zukunft ernähren? Was passiert, wenn der Klimawandel, der Wassermangel zunehmen? Steht dem Seeland eine weitere, einschneidende Veränderung bevor? Raum und Zeit bieten nur beschränkt Chancen für Korrekturen von Fehlentwicklungen.

Zur Person

Tomas Wüthrich, 1972 in Kerzers geboren, zeigt seit rund zwanzig Jahren seine Fotografien als Einzel- oder Gruppenausstellung in Kulturinstitutionen in Freiburg, Bern und Zürich. Die Eltern hatten einen Bauernhof in Kerzers. Dort wuchs Wüthrich auf. Noch heute erzählt er schaudernd vom Schulweg nach Müntschemier auf der geraden Strasse durch die weite Ebene. Er selber fühlte sich winzig, war auf dem Mofa unterwegs, wenn sich die riesigen Lastwagen voll Gemüse oder Dünger näherten. Für Wüthrich war das Seeland stets Heimat und Herausforderung.

Mehr Informationen über den Künstler: https://tomaswuethrich.ch/

Ausstellung im Museum Murten. Foto Peter Schibli

Zahlreiche Seelandfotos von Tomas Wüthrich sind derzeit im Museum Murten, Ryf 4 in Murten zu sehen. Die Ausstellung dauert noch bis 25. September 2022. Museum Murten | Musée de Morat

Bildband

Gleichzeitig zur Ausstellung hat Tomas Wüthrich einen Bildband herausgegeben: Seeland. Editions Faim de Siècle, 2022. 48 Seiten. ISBN 978-2-940707-14-0

Titelbild. Tomas Wüthrich in der Ausstellung: «Egal, wie imposant das Seeland aussieht, es geht ihm nicht so gut.» Foto Peter Schibli

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1 Kommentar

  1. Es stimmt, das Seeland ist im Umbruch, wie vieles andere auch im 21. Jahrhundert.
    Ich lebe als ehemalige Stadtbernerin seit 22 Jahren im Seeland, inmitten der Natur und doch nur 10 Minuten mit dem öV von der multikultigen Stadt Biel entfernt. Die Pfahlbauten der ersten Siedler*innen liegen am See in nächster Nähe, wie auch die Anbaugebiete der Bauern. Dazu gibt es Wald und den See und natürlich die sehr präsenten Jurahöhen. Das alles prägt diese wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaft, die mich während Jahren für sie eingenommen hat.

    Doch vieles ändert sich, und nicht nur zum Guten, wie ich finde. Der Massentourismus hat auch an den stillen Orten Einzug gehalten. Man muss froh sein, wenn man im Wald als Spaziergänger*in nicht von den immer zahlreicher werdenden (E)Bikern über den Haufen gefahren wird oder an den einst als Geheimtipp unter Einheimischen gegoltenen Badeplätzen, kaum noch einen freien Platz an der Sonne ergattern kann, da mittlerweile die Badefreudigen von weither kommen und natürlich auch bis in die Nacht bleiben und chillen wollen.
    Zudem werden zu viele neue Einfamilienhäuser, luxuriöse Eigentumswohnungen, teure Seniorenresidenzen und Ferienhäuser für Reiche gebaut und kaum sozialverträgliche Wohnungen für die weniger betuchten Bürger*innen, leider auch kaum bezahlbare Wohnungen für Rentner*innen mit oder ohne Dienstleistungen.

    Der Bäcker und andere Lädeli, die die Menschen bis anhin mit Grundnahrungsmitteln versorgten, verschwinden aus den Gemeinden und man muss mit dem öV, viele mit ihren Autos, ins nächstgelegene Einkaufszentrum. Gerade für Senioren und Seniorinnen ist das ein Problem geworden, nicht nur finanziell, sondern auch menschlich; der besonders im Alter so wichtige und ungezwungene Alltagsschwatz und zwischenmenschliche Austausch vor Ort geht weitgehend verloren. Und wenn einige Gemeinden sich kaum um die Bedürfnisse der älteren Generation kümmern, macht mich das nachdenklich und wütend zugleich.
    Trotz alldem, das Seeland hat kulturell und landschaftlich viel zu bieten und ist sicher immer einen Ausflug wert.

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