FrontKulturSchnitzlers «Reigen» ohne Wollust

Schnitzlers «Reigen» ohne Wollust

Zehn Autoren haben Schnitzlers «Reigen» neu geschrieben. Die Regisseurin Yana Ross bringt das damalige Sex-Skandalstück als buntes Szenen-Sammelsurium auf die Zürcher Pfauenbühne.  

Arthur Schnitzlers «Reigen» wurde 1920 in Berlin und Wien aufgeführt und sorgte für einen gewaltigen Theaterskandal. Im Stück werden zehn unterschiedliche Paare vorgeführt, die über Lust und Begehren reden und dabei ein erschütterndes Bild der Moral in der damaligen Gesellschaft zeichnen. Bis 1982 verhängte der Autor ein Aufführungsverbot. Seither gehört es zum Klassiker vieler Theaterhäuser.

Unbehagen unserer Zeit

An der Zürcher Premiere ist in diesem an den diesjährigen Salzburger Festspielen von Yana Ross neu inszenierten Skandalstück vom Original nicht mehr viel vorhanden. Im Auftrag der Regisseurin haben zehn bekannte Autorinnen und Autoren (darunter Lukas Bärfuss) Schnitzlers «Reigen» neu geschrieben, um «neue Debatten über die Strukturen hinter dem Sex» zu ermöglichen. Thematisiert werden aktuelle Tabus wie Entfremdung, Vergewaltigung, Internet-Stalking, Homophobie, Raubtierkapitalismus, Russlands Krieg gegen die Ukraine. Geboten wird eine vielstimmige Inszenierung, die das Unbehagen in unsere Zeit repräsentiert, dramaturgisch aber in vielerlei Hinsicht schwächelt. Zu unterschiedlich sind die Texte, um daraus eine stringente Aufführung mit Skandalcharakter zu gestalten.

Tanzeinlagen zur Überbrückung: im Vordergrund Michael Neuenschwander

Der Ort ist eine Art Nobel-Restaurant früherer Jahre mit festlich gedeckten Tischen, an der Bühnenrückwand eine schräg gehängte Spiegelrückwand, die dem Zuschauer alles doppelt zeigt. Eine über der Bühne hängende Paneele wird als Projektionsfläche für Videos genutzt, die meist zur Überbrückung der einzelnen Szenen bespielt wird. Eindrücklich haften bleibt die gänzlich auf Russisch eingespielte Video-Szene eines jungen Mannes (Valentin Novopolsky), der in Moskau lebt und per Skype seiner Mutter (Inga Mashkarina) mitteilt, dass er sein Land, das einen Krieg ohne Rücksicht führt, bald verlassen wird, um seinem Sohn ein Aufwachsen in Freiheit zu ermöglichen. Frau und Kind sind schon weg, er wird folgen. Grossartig, wie der russische Autor Mikhail Durnenkov das Nicht-Verstehen zwischen den Generationen aktuell am Ukraine-Krieg thematisiert und die beiden Schauspieler dies ergreifend realitätsnah präsentieren.

Alptraumhaft und makaber

Nicht minder eindrücklich ist jene alptraumhafte Szene, in der eine Hausfrau und Mutter (grandios gespielt von Lena Schwarz) am Rande eines Nervenzusammenbruchs all ihre Lieben niedermetzeln möchte und darauf zur Nachbarin (eine kinderlose Karrierefrau) am Nebentisch flüchtet. Makaber wirkt jene pervertierte Szene, in der ein lesbisches Liebespaar (Sibylle Canonica und Tabita Johannes) sich gegenseitig mit Messer und Gabel ein Stück Fleisch aus dem Leib schneidet. Überhaupt wird an diesem zweistündigen Abend viel mit dem Tischgedeck hantiert und reichlich Theatersekt in Plastikgläser eingeschenkt. Entlarvend für den Zustand unserer Gesellschaft, die noch zum Schein den Anstand wahrt, ist die Anfangsepisode, in der ein Soldat rebelliert und alle Tischgäste mit Sprudel übergiesst, bevor er Gaston Glock ein Schlaflied singt und seine Dienstwaffe in seinen Hintern steckt. Lukas Bärfuss demaskiert in seinem etwas wirren Beitrag auf jämmerliche Art einen skrupellosen Rohstoffhändler (Michael Neuenschwander).

Sibylle Canonica und Tabita Johannes: Geschlechterkampf unter Lesben mit Messer und Gabel. Fotos: Lucie Jansch  

Der Abend ist mit einem grossen Ensemble besetzt, die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler mühen sich redlich ab, den einzelnen Episoden Kontur zu verleihen. Doch insgesamt gibt es wenig Lichtblicke in diesem mühevoll zusammengebauten Szenen-Sammelsurium. Entsprechend fiel der Zürcher Premierenapplaus eher bescheiden aus.

Weitere Spieldaten: 23., 24., 30. September, 2., 4., 5., 13., 15., 16., 24., 30. Oktober

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