FrontKolumnenDie Torheit regiert

Die Torheit regiert

Ein Historiker berichtet von einer Niederlage und ein Narr mahnt zur Vorsicht. Einem Hinweis auf ein neues Buch in der NZZ von Wolfgang Will*, der das Werk des Historikers Xenophon würdigt, entnehme ich, wie sich im Jahre 401 v. Chr. Kyros und Artaxerxes um die Macht in Persien gestritten hatten. Kyros der jüngere plante gegen seinen Bruder einen Aufstand und bestellte ein griechisches Söldnerheer. Ein Heer von zehntausend Mann marschierte nach Babylon, wo es zur Schlacht kam und es eine herbe Niederlage erlitt. Xenophon belege «die uralte Erfahrung, dass es sehr viel leichter ist, in ein Land einzufallen, als wieder unbeschadet aus ihm herauszufinden».

Auch Narren erinnern an ähnliche Erfahrungen. Als Herzog Leopold im Jahr 1315 ins Schwyzerland ziehen wollte, mahnte der Hofnarr Hanskuony von Stockach: «Herzog, bedenket nicht, wie ihr ins Land der Schwyzer einfällt, bedenket vielmehr, wie ihr wieder hinausfindet.» Das Heer, das in Zug abmarschierte, gelangte dann nur bis Morgarten; und der Narr sitzt noch heute mit erhobenem Arm auf dem Dorfbrunnen in der Hauptgasse von Stockach. Als Narrenfigur mahnt er die Bürger vor der Torheit der Regierenden.

Napoleon versuchte, Russland zu erobern, und zog, geschlagen, über die Beresina zurück. Hitler, in seinem Grössenwahn, glaubte dem gleichen Schicksal trotzen zu können. Welch eine Dummheit oder Torheit! Die Amerikaner versauerten in Vietnam und in Afghanistan. Moskau hat vergessen, dass die Verteidiger einer Heimat, trotz massiver Unterlegenheit, zehnmal mehr Kampfeswillen aufbringen als ein Aggressor. Wo Kriegsherren die Bodenhaftung verlieren, herrscht Blindheit, Erasmus von Rotterdam nennt dies Torheit. Im vergnüglichen Werk «Lob der Torheit» tritt sie an Stelle des Verfassers auf. Sie soll hier einen aktuellen Auftritt erhalten:

Schau Wladimir in den Spiegel und dir strahlt das Gesicht Alexanders des Grossen oder dasjenige von Zar Peter des Grossen entgegen! Lasse dich mehr von Schminke und Schein als von der Wirklichkeit und Wahrheit fesseln. Ich bin deine Torheit und du bist mein Zar. Du darfst lügen und schönreden, aber schaue darauf, dass dem Pöbel deine Worte mehr gelten als den Schaden, den du in der Ukraine angerichtet hast. Traue mir, der Torheit, zu, dass ich die Worte, die auf deiner Zunge brennen, gewissenhaft dem Volk verkünde. Vergiss, ich bin kein Hofnarr. So will ich verhindern, dass du dir gegenüber skeptisch wirst.

Die Rolle des Mahners übernahm dann Sebastian Brant mit seinem Werk «Das Narrenschiff». Er warnt vor Hochmut und Überheblichkeit: «Der macht ein Feuer auf strohernem Dach, / wer auf der Welt Ruhm setzt sein Sach’ / und alles tut um zeitlich Ehr’; / dem wird zuletzt nichts andres mehr, / als dass sein Wahn ihn hat betrogen, / wie einer baut den Regenbogen …». So sitzen alle im Narrenschiff, das uns vorhält, was wir aus eitlen Gründen falsch machen. Die mahnenden Gedichte weisen auf den richtigen Weg. Einer wie Sebastian Brant würde jener unvergesslichen Szene, in der Putin die höchsten Figuren seines Kabinetts um den langen Tisch versammelte und von ihnen zur geplanten Spezialoperation gegen die Ukraine absolute Loyalität verlangte, mehrere Gedichte widmen. War da im Kreis der Hofschranzen wirklich kein Hofnarr dabei?

*Wolfgang Will. Der Zug der 10’00. NZZ, 16. September.

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