FrontGesellschaftDie Post und ihr Service Public

Die Post und ihr Service Public

Offenbar will das Post-Management seine Poststellen im ganzen Land zu Gemischtwaren-Läden umfunktionieren. Es will sich damit wohl neue Einnahmen sichern, attraktiv bleiben oder es werden. Ob es der Post auch gelingt? Dazu eine persönliche Erfahrung.

Es ist nach fünf Uhr am Abend. Ich möchte noch einen Einschreibebrief in unserer Post versenden lassen. Unsere Post in Flawil hat 2 Schalter. Beide sind besetzt. Bald werde ich – so hoffe ich – beim nächsten Wechsel an die Reihe kommen. Am Schalter vor mir lässt sich offensichtlich eine Kundin ausgiebig über ein Handy-Abonnement beraten. Am anderen Schalter wird ebenso intensiv verhandelt. Ich habe also Zeit, nehme all die Artikel wahr, welche die Post in den Regalen im Warteraum anbietet. Ich verfolge die aktuellen Nachrichten auf dem grossen Bildschirm, versuche meine Wartezeit sinnvoll zu überbrücken.

Irgendwann merke ich, dass ich sicher schon bald eine Viertelstunde staune, und eben warte. Die Beratung zum Handy-Abo und verschiedenen Möglichkeiten, welche die Post anbietet, zieht sich offensichtlich in die Länge. Am anderen Schalter wird ebenso weiter debattiert. In der Zwischenzeit warten weitere Personen hinter mir. Die meisten haben Postsendungen in der Hand, welche sie noch vor Feierabend aufgegeben wollen. Die wartende Person hinter mir macht sich bemerkbar, ich drehe mich um, wir schauen uns, fast zufällig, in die Augen. Wir beide lächeln, weil wir offenbar die gleichen Gedanken haben. Wie hat’s die Post mit dem Service Public? Wir beginnen ein Gespräch, unterhalten uns über den Grundauftrag der Post und finden es amüsant, wie die Schlange der wartenden Personen immer länger wird. Ich schaue wieder auf den Bildschirm vor mir, staune, lese das Zitat vom obersten Chef der Post, wie er sein Unternehmen präsentiert: «Die Post steht auf einem soliden finanziellen Fundament». Ich blicke zur wartenden Person hinter mir und wieder lächeln wir uns gegenseitig an. Wir haben verstanden. Ist dem auch so?

Inzwischen ist die Schlange der Wartenden noch viel länger geworden. Einige Personen warten bereits ausserhalb des Postgebäudes. Endlich, nach fast einer halben Stunde, wird ein Schalter doch noch frei, und ich kann meinen eingeschriebenen Brief loswerden. Irgendwie bin ich sogar etwas stolz darüber, dass ich meinen Brief doch noch eingeschrieben vor Schalterschluss aufgeben konnte. Ich gehe an den in der Schlange wartenden Personen vorbei. Alle machen eher einen mürrischen Eindruck an diesem Abend.

Die Situation lässt mich nicht so schnell wieder los. Ist die Post auf dem richtigen Weg? Einerseits schliesst sie in kleineren Gemeinden Poststellen um Poststelle, auf der anderen Seite bietet sie immer mehr Beratungsdienstleistungen an, die in den verbleibenden Stellen zu Warteschlangen führen. Ja, die Post entwickelt sich immer mehr zu einem Gemischtwarenladen, um zum gewünschten «finanziellen Fundament» zu kommen. Einerseits verständlich, aber: Wie hat’s die Post in Zukunft mit dem Service Public? Denkt sie auch an die Kunden, die vor dem Feierabend noch schnell ihre Post fortbringen wollen?

1 Kommentar

  1. Das liebe Volk verlangt von der Post lauter Dinge, die sich widersprechen und nicht miteinander erfüllt werden können:
    – Viel Service Public, für den die Post aber nicht den Preis verlangen darf, den er tatsächlich kostet.
    – Poststellen bis in kleinste Dörfer, möglichst auch noch mit Öffnungszeiten wie in den Städten, die aber kaum mehr genutzt werden.
    – eine Postfinance (die früher mit ihren Gewinnen andere Postbereiche quersubventioniert hat), die ihre Bankdienstleistungen möglichst gratis erbringen soll, archaische, nicht kostendeckende Dienstleistungen wie Einzahlungen am Schalter nicht abschaffen darf, ansonsten aufgrund der Marktentwicklungen kein Geld mehr verdienen kann, der aber unser super Parlament andere Bankgeschäfte nicht erlaubt (mal dahingestellt, ob sie das auch könnte; im Markt wartet niemand auf sie)
    – usw. usf.
    Man könnte das alles natürlich aus Steuergeldern bezahlen, was aber auch niemand will.
    Althergebrachtes Postgeschäft wie z.B. die Briefpost nimmt jedes Jahr dramatisch ab, aber die Infrastruktur mit ihren fixen Kosten braucht es gleichwohl. Da müssen irgendwann die Tarife dramatisch (um Franken je Brief, nicht um Rappen) erhöht werden oder man muss diesen Geschäftszweig einstellen. Logisch, dass die Post verzweifelt versucht, Kosten zu sparen, wo es nur geht und sich neue Ertragsquellen („Gemischtwarenladen“) zu erschliessen, wenn man sie denn lässt. Dem lieben Volk gefällt das nicht, aber einen Fünfliber oder noch mehr für einen gewöhnlichen B-Post Brief bezahlen will es auch nicht.
    Die Post kann die an sie gerichteten Erwartungen in Summe nicht erfüllen.
    Ich möchte nicht Postchef sein, auch für ein 10x höheren Lohn als den von Herrn Cirillo nicht.

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