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Kriegselend in der Kunst

Die Ausstellung «Kunst und Krieg» im Kunst Museum Winterthur zeigt Meisterwerke von der Renaissance bis zur Moderne – Von Dürer bis zu Virtual Reality.

Krieg gehört zu den ältesten Phänomenen menschlicher Konfliktbewältigung. Der Überfall auf die Ukraine zeigt dies in trauriger Aktualität. Obwohl Kunstschaffende lange Zeit bei ihren mächtigen Auftraggebern gute Verdienstmöglichkeiten in der Darstellung von Helden und heroischen Schlachten fanden, zeigt diese Ausstellung keine gloriosen Historienbilder, sondern druckgraphische Zyklen und Malereien, die von der Betroffenheit ihrer Schöpfer zeugen.

Frans Masereel, En France / Juin 1940, 1942, Tusch auf Papier, Rollbild. Kunst Museum Winterthur. Foto: rv

Ein Werk, das die Besucherin besonders bewegt hat, stammt vom belgischen Graphiker und Maler Frans Masereel (1889-1972), der als Pazifist mit seiner Kunst gegen den Krieg ankämpfte. Im Juni 1940 musste er nach Südfrankreich fliehen. Seine Erfahrungen, der Einmarsch der Wehrmacht in Paris und die Flucht der Bevölkerung, stellt er auf einer beinahe sechs Meter langen Papierrolle als Tuschzeichnung dar. Dieses eindrückliche, filmartige Panorama ist seit vierzig Jahren erstmals wieder zu sehen. Zusammen mit sieben weiteren Papierrollen gehört es zum Nachlass von Olga und Georg Reinhart, die mit Masereel eng befreundet waren und denen das Werk gewidmet ist.

Albrecht Dürer, Die apokalyptischen Reiter (3. Figur), 1511, Holzschnitt, Kunstmuseum St. Gallen.

Der Rundgang beginnt mit Holzschnitten aus der Apokalypse des Johannes von Albrecht Dürer (1471-1528). Nach seinem Italienaufenthalt arbeitete er zwei Jahre lang an dieser fünfzehnteiligen Folge und gab sie 1498 als Buch im Eigenverlag heraus, ohne Auftrag. Die relativ grossen, ganzseitigen Holzschnitte waren damals neu, ebenso der phantastische Realismus, der auf Naturstudien und italienischen Vorbildern beruht. Es sind die ersten Katastrophendarstellungen, die damals grossen Anklang fanden.

Mit der brutalen Wirklichkeit des Krieges setzt sich während des Dreissigjährigen Krieges erstmals der lothringische Kupferstecher Jacques Callot (1592-1635) auseinander. Nicht in repräsentativen Gemälden, sondern in kleinformatigen druckgraphischen Serien, die ein genaues Hinschauen erfordern.

Jacques Callot, L’estrapade, aus: «Les misères et les malheurs de la guerre», Nr. 11, 1633. Kunst Museum Winterthur

Die Folge von achtzehn Radierungen Misères de la Guerre realisierte Callot 1633, ohne Auftrag. Noch nie zuvor wurde das Leid der Zivilbevölkerung und die schrecklichen Auswüchse derart in Szene gesetzt. Er schuf diese Bilder erst am Ende seines Lebens, nachdem er lange Zeit im Dienst mächtiger Feldherren gestanden hatte. Doch zeigen sie nicht deren Sicht, sondern jene der Opfer: Schrecken und Gewalt. Dieser neue Blick auf den Krieg verweist auf die nachfolgenden Künstler wie Goya oder Picasso.

Francisco José de Goya, Welcher Mut!, aus: «Los Desastres de la Guerra», Blatt 07, 1810-1814. Kunst Museum Winterthur. Auffallend in dieser Serie sind die kämpfenden Frauen.

Los Desastres de la guerra markieren einen Wendepunkt im Werk von Francisco de Goya (1746-1828). Sie gehören zu den berühmtesten Kriegsdarstellungen und bestehen aus insgesamt 82 Aquatinta-Radierungen, von denen eine Auswahl zu sehen ist. Sie schildern die drastischen Auswirkungen des Krieges zwischen der Armee Napoleons und der aufständischen spanischen Bevölkerung (1807-1814). Während dieses Unabhängigkeitskrieges hielt sich Goya in Saragossa auf und wurde unmittelbar mit den Folgen der brutalen Kämpfe konfrontiert.

Francisco José de Goya, Gegen das allgemeine Wohl, aus: «Los Desastres de la Guerra», Nr. 71, 1810-1814. Kunst Museum Winterthur. Goyas späte Blätter zeigen zunehmend surrealistische Darstellungen.

Auch Goya realisierte seine Serie ohne Auftrag, zwischen 1810-1814. Als spanischer Hofmaler lebte er mitten im Machtgefüge, gleichzeitig war er ein Maler des Volkes, spanischer Patriot und sympathisierte mit den Ideen der französischen Revolution. Nachdem er 1792 schwer erkrankt war, gehörlos wurde, zog er sich zusehends aus dem höfischen Umfeld zurück und schuf Druckgraphiken, die er auf dem freien Markt zu verkaufen versuchte. Seine Radierungen Los Desastres de la Guerra sind eine Anklage gegen den Krieg, die er vor der Inquisition verstecken musste; die erste Auflage erschien erst lange nach seinem Tod 1863. Um der politischen Verfolgung zu entgehen, lebte er ab 1824 in Bordeaux, wo er vier Jahre später starb.

Félix Vallotton, 1914, paysage de ruines et d’incendies, 1915, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bern. Städte und Häuser in Flammen, ohne Menschen, ein distanzierter Blick auf die Folgen des Krieges.

Der schweizerisch-französische Maler Félix Vallotton (1865-1925) setzte sich künstlerisch mit den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auseinander. Für die Mobilisierung 1914 war er mit 49 Jahren zu alt, trotzdem wollte er seinen Beitrag leisten und malte im Sommer 1915 das grossformatige Gemälde 1914, paysage de ruines et d’incendies. Seine apokalyptische Landschaft schuf er aus der Fantasie. Nicht das menschliche Elend steht im Zentrum, sondern brennende Häuser, während Scheinwerfer den Himmel absuchen.

Gerhard Richter, Bomber, 1963, Öl auf Leinwand. Städtische Galerie Wolfsburg © Gerhard Richter 2022

Die Schau präsentiert auch Lithographien von Käthe Kollwitz (1867-1945), die ein Leben lang darunter litt, ihren Sohn Peter, der an der Front gefallen war, nicht vom Kriegsdienst abgehalten zu haben. Zudem eine Serie von Hinterglasbildern von Gerhard Richter (*1932) sowie Bomber, ein grossformatiges Ölgemälde, das Richter 1963 nach einer fotografischen Vorlage herstellte. Er malte provokativ amerikanische Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihre Bomben auf Deutschland abwarfen. Das Thema Krieg nutzte er als Mittel, um sein Publikum herauszufordern.

Harun Farocki, Ernste Spiele I: Watson ist hin, 2010, Video. Harun Farocki GbR

Der deutsche Experimentalfilmer Harun Farocki (1944-2014) setzt sich kritisch mit dem Krieg auseinander. In einer späten Arbeit, der vierteiligen Serie Ernste Spiele (2009/2010), die in der Ausstellung vollständig zu sehen ist, thematisiert er, wie das Virtuelle – Videospiele und Virtual Reality – Einzug in die moderne Kriegsführung hält. Dazu filmte er auf Stützpunkten des amerikanischen Militärs Soldaten bei der Ausbildung sowie Veteranen bei der Aufarbeitung des erlebten Krieges. Er wertet nicht, sondern fordert kritisches Hinsehen, nicht nur auf den Krieg, sondern auch auf Bilder und auf die Wirklichkeit.

Titelbild: Francisco José de Goya, Tampoco, aus: «Los Desastres de la Guerra», Blatt 36, 1810-1814. Kunst Museum Winterthur
Bilder: Vom Kunst Museum Winterthur zur Verfügung gestellt sowie rv

Bis 12. Februar 2023
Kunst und Krieg. Von Goya bis Richter. Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten

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1 Kommentar

  1. Sehr eindrücklich, Ihr Beitrag zum Thema Kriegselend in der Kunst. Besonders berührt hat mich die Radierung Nr. 11, der Baum der Gehenkten von Jacques Callot. Krieg war, ist und bleibt ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Meine Hoffnung wäre, dass wir angesichts des nahen Ukrainekrieges lernen genauer hinzuschauen, und die längst überfälligen und menschenverachtenden Mechanismen und Denkweisen hinsichtlich Krieg und Gewalt in unserer Gesellschaft und weltweit ändern und endlich aus unserem Leben verbannen könnten.

    Ich habe mir beim Lesen Ihres Beitrages über die Ausstellung «Kunst und Krieg» im Kunstmuseum Winterthur und die darüber geführten Diskussionen, überlegt, dass Ihr Beitrag gut in die TV-Sendung Kulturplatz, mit Eva Wannenmacher von SRF1, passen würde. Allerdings weiss ich nicht, ob etwas Ähnliches schon mal gesendet wurde. Auf jeden Fall würde ich mir diese Sendung für ein breiteres Publikum wünschen.

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