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Rückblick auf das 18. Zürich Film Festival …

… und ein Vorschlag für eine andere Art, Filme zu konsumieren: sich mit Filmen für das Leben kundig machen.

Dieses Jahr bin ich am Zürich Film Festival ZFF nur spontan und sporadisch ins Kino gegangen, ohne Studium der Informationen, wenn ich ein Zeitfenster fand und mich disponibel fühlte. Nicht dass ich das zur Regel machten möchte, doch kann ich es nach meiner Erfahrung durchaus empfehlen: Auch so lohnt sich ein ZFF-Besuch!

Schliesslich habe ich am achtzehnten ZFF gerade achtzehn Filme gesehen, von denen ich hier sechs, die mich besonders beeindruckt haben, kurz vorstelle. Das Erlebnis, das ich hatte, wurde für mich zum Ansatz, über einen etwas anderen Zugang zum Filme-Sehen zu sinnieren, was mir – und ich hoffe, auch Ihnen – etwas bringt.

Eine kurze Tour d’horizon durch das Programm

«A Provincial Hospital» von Ilian Metev, Ivan Chertov und Zlatina Teneva: Es ist Sommer 2020, und im Krankenhaus einer bulgarischen Kleinstadt herrscht Ausnahmezustand. Der exzentrische wie charmante Dr. Popov und sein Team eilen durch schlecht beleuchtete Korridore und besuchen provisorisch ausgerüstete Patientenzimmer. Trotz fehlenden Mitteln und der Ungewissheit über das Ausmass der Corona-Pandemie setzt sich das Spitalpersonal für jeden Einzelnen ein. Der Dokumentarfilm führt mit präziser Kamera durch den eindrucksvollen Alltagswahnsinn von Ärzten, Personal und Patienten und begleitet sie durch Momente der Angst und Hoffnung. – Für mich eine Hommage an die Institution Spital und an alle Menschen, die sich auch in Ausnahmesituationen ihren Humor nicht nehmen lassen.

«Retour à Séoul» von Davy Chou: Aus einer Laune heraus reist die eigensinnige Freddie von Frankreich nach Südkorea. Vor 25 Jahren wurde sie in diesem Land geboren, doch aufgewachsen ist sie bei französischen Adoptiveltern. Ohne konkreten Plan und ohne ein Wort Koreanisch zu sprechen, folgt sie dem Impuls, sich auf die Suche nach ihren biologischen Eltern zu machen. Die Begegnung mit ihrem leiblichen Vater führt ihr jedoch bald vor Augen, dass sie in komplett verschiedenen Welten leben. Die Anziehungskraft der Metropole, neue Bekanntschaften und die nie erloschene Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer koreanischen Mutter bringen überraschende Wendungen in Freddies Leben. – Eine Reise zu den Wurzeln, zu meinen und allen Wurzeln.

«Nostalgia» von Mario Martone: Um seine Mutter zu besuchen, kehrt Felice nach 40 Jahren in seine Heimatstadt Neapel zurück. Sein Leben als erfolgreicher Unternehmer in Kairo hat ihn von seiner Vergangenheit entfernt, doch während er durch die Gassen des Sanità-Viertels schlendert, wird er von Erinnerungen heimgesucht. Felices Jugendfreund Oreste, mit dem er früher in kleinkriminelle Aktivitäten verwickelt war, ist heute ein gefürchteter Mafia-Pate. Obwohl Felice mehrfach gewarnt wird, sucht er den Kontakt zu seinem ehemals besten Freund. Der Regisseur besticht mit einer doppelten Charakterstudie: des Expats, der zurückkehrt, und der Stadt Neapel mit ihren Sonnen- und Schattenseiten. – Ein atmosphärischer Thriller, der mitten in mein Herz traf.

«Holidays» von Antoine Cattin: Nirgends gibt es so viele öffentliche Feiertage wie in Russland. Der Schweizer Filmemacher nimmt die Feste und Paraden als Gelegenheit, uns durch die Stadt St. Petersburg und in die Seele eines schwer durchschaubaren Landes zu führen. Dabei lernen wir den kasachischen Einwanderer Dshus kennen, der sich von Job zu Job hangelt, begleiten die xenophobe Tramführerin Dina bei ihren Kundgebungen, freuen uns mit der wohlhabenden Hausverwalterin Anna über Blumen am Frauentag und staunen über den pfiffigen Nikita, der die Dächer der Stadt erklimmt. Anhand seiner vier Protagonisten entwirft der hervorragend montierte Film das Stimmungsbild eines Landes voller Gegensätze, wo exzessiv gefeiert wird, aber der nächste Krieg wie ein Damoklesschwert über den Menschen schwebt. – Aktueller als hier kann Russland einen kaum treffen.

«La ligne» von Ursula Meier: Die Beziehung zwischen der 35-jährigen Margaret und ihrer labilen Mutter Christina ist seit jeher von Konflikten geprägt. Als eine weitere Auseinandersetzung eskaliert und Margaret handgreiflich wird, erwirkt Christina einen gerichtlichen Beschluss: Margaret darf sich dem Haus der Familie nicht mehr als auf 200 Meter nähern, eine von ihrer zwölfjährigen Schwester Marion ausgezogene Linie markiert die Grenze. Doch das Kontaktverbot verstärkt bei der Täterin den Wunsch nach familiärer Nähe, so tritt sie jeden Tag an die vermeintlich unüberwindbare Linie heran. In ihrer im Niemandsland eines Walliser Vororts angesiedelten Geschichte lotet die Schweizer Regisseurin mit eindringlichen Bildern und treffsicherer Tonalität eine explosive Mutter-Tochter-Beziehung aus. – Ein Drama, das an die Grenzen des Erträglichen geht.

«Honk for Jesus. Save Your Soul» von Adamma Ebo: «Hupe für Jesus. Rette deine Seele» lautet das Mantra des protzigen Pastorenpaares, das seine baptistische Megakirche nach einem Skandal wieder ins rechte Licht Gottes rücken will. Zehntausende Mitglieder zählte die scheinheilige Gemeinde, in der sich Pastor Lee-Curtis’ Frau Trinitie als stolze First Lady inszenierte. Nun setzen die beiden alles daran, die leeren Kirchenbänke wieder zu füllen. Eine bitterböse Satire auf evangelikale Freikirchen, die in den USA mit den Verheissungen der Celebrity-Culture um neue Schäfchen buhlen. Mit den irrwitzigen Figuren mokiert sich der Film über religiöse Heuchler. – Das Lachen bleibt einem im Hals stecken.

Vorschlag für eine andere Art, Filme zu konsumieren

Einen Film besprechen bedeutet im Allgemeinen, eine Filmkritik machen, heisst, kritisch sein. Und zu «Kritik» steht im Wörterbuch, es sei die Kunst des Entscheidens, des Beurteilens, Kriterien seien Prüfsteine. Zu «kritisch» heisst es: trennen, scheiden, streng prüfen, tadeln, wissenschaftlich erläutern, beanstanden, bemängeln, urteilen. Wo aber, so frage ich mich, ist der Werte-Urmeter für dieses Tun begraben?

Stehen hier im Hintergrund nicht Experten, deren Identität unbekannt, deren Kriterien intransparent sind? Ist darin nicht vielleicht unterschwellig das Bedürfnis verborgen, etwas ad acta legen zu dürfen, es zu beenden, zu erledigen, was belastet, bedrängt, beunruhigt, verunsichert? Oder steckt dahinter vielleicht sogar die Absicht, sich als kleiner Filmkritiker aufspielen zu können?

Sich mit Filmen für das Leben kundig machen

Der Umgang mit Filmen kann auch anders ablaufen, was ich erst heute, in meinen alten Tagen, am Zürich Film Festival, bei einer Veranstaltung über das Alter im Film und meiner letzten Moderation einer Filmdiskussion entdeckt habe – und hier vorsichtig und zögernd vorzustellen versuche. Wie also? Wir könnten offen und vorurteilslos Inhalt, Form und Gehalt des Films, wie wir sie erfahren, auf uns einwirken lassen, möglichst viele Details wahrnehmen, für wahr nehmen und auf uns einwirken lassen. Sie befragen und hinterfragen, nicht antworten, urteilen, beurteilen, verurteilen: kritisieren. Und dann fragen: Was bringt mir der Film? Was kann ich damit anfangen? Was nehme ich mit? Was gefällt mir? Was missfällt mir? Mit allen Sinnen, mit Kopf und Herz all das Neue und Fremde, das der Film transportiert, aufnehmen und in das Bekannte und Vertraute bei mir einbauen. Dies kann, erstens, in Form eines intra-personalen Dialogs geschehen.

Damit bleibt die Unsicherheit, das Noch-nicht-Verstehen des Neuen: Die Neugier und Offenheit, jene Ur-Qualität des menschlichen Lebens und hält uns in der Schwebe. Wie so oft bei Fragen zu wirklich wesentlichen Themen hilft uns auch hier Martin Buber weiter. Nach ihm könnte man sagen: Um das Es, also den Film, zu verstehen, brauchen wir das Du, einen Menschen. Nötig ist demnach für dieses andere Film-Sehen, zweitens, ein inter-personaler Dialog. Beides zusammen: «Die Welt der Erfahrung gehört dem Grundwort Ich-Es. Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung.»

Was ich hier über den Umgang mit Film beschreibe, ist in seiner Konsequenz auch für mich neu. Ich weiss auch nicht, ob ich selbst meine These, «Mit Filmen für das Leben kundig machen», schon wirklich verstehe. – Dass dieser Ansatz analog wohl auch für den Umgang mit Theater, Literatur, der bildenden Kunst, der Musik und dem Ballett zutreffen könnte, ist offensichtlich.

PS: Das 19. ZFF übrigens findet vom 28. September bis 8. Oktober 2023 statt.

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