StartseiteMagazinKulturFranz Gertsch: Die Kunst der Variationen

Franz Gertsch: Die Kunst der Variationen

Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf BE feiert sein zwanzigjähriges Bestehen und zeigt unter dem Titel «Kaleidoskop» eine vielseitige und vielfarbige Werkschau mit Gemälden und Holzschnitten des Berner Künstlers.

Der Begriff Kaleidoskop verweist in diesem Zusammenhang auf die lebendige Farbigkeit von Gertschs Werken, auf die vielseitige Abfolge von Motiven und Farben sowie auf die kaleidoskopartigen Sinneseindrücke beim Betrachten der Werke. Wir können bekannte, teilweise neu bearbeitete Werke aus den letzten zwanzig Jahren anschauen, dazu neue, hier erstmals in Burgdorf präsentierte Arbeiten. Daneben prominente Leihgaben anderer Museen, die in Burgdorf bereits länger nicht mehr zu sehen waren.

Einen fulminanten Start erlebte das Museums-Projekt: Von der Idee der Gründung einer Stiftung bis zur Verwirklichung von Sammlung und Museumsbau vergingen nur vier Jahre. Willy Michel, Burgdorfer Industrieller, hatte Franz Gertsch erst 1998 persönlich kennengelernt und war wohl sofort davon überzeugt, dass er als Mäzen diesen Künstler fördern und ausstellen wollte. Ein Grundstück stand gleichsam schon bereit, nur wenig entfernt von Burgdorfs Unterstadt, wo traditionell Handwerk und Kleingewerbe angesiedelt waren. Der Betonbau, geplant von einem Emmentaler Architekturbüro, fand zunächst nicht nur Zustimmung. Das Material versteckt sich nicht, wirkt aber nicht klotzig, was vielleicht auch mit der luftigen breiten Treppe zusammenhängt, die neben dem Gebäude sanft zum Eingang führt.

Foto mp

Über Jahrzehnte hinweg hat Franz Gertsch ein reiches Werk geschaffen, das seit den 1980er Jahren einer klaren Linie folgt: Er widmet sich bestimmten Motiven und gestaltet sie in Variationen. Das können Wechsel in der Technik – Malerei oder Holzschnitt – sein oder Variationen in der Farbwahl. Stets wird davon die Wirkung des Werks beeinflusst. Seine Motive seit Jahrzehnten sind Portraits, Naturdarstellungen, ein Landschaftsausschnitt oder eine Pflanze, berühmt geworden sind seine Darstellungen von Gräsern.

Franz Gertsch: Gräser VII, 2019, Eitempera auf ungrundierter Baumwolle; 240 x 340 cm; Besitz des Künstlers © Franz Gertsch

Charakteristisch für diesen Künstler sind die grossen Formate und die zugleich minutiös ausgestalteten Sujets. Da bleibt nichts im Ungefähren, ausser es wäre die Absicht des Malers. Faszinierend, wie ein Bild sich verändert, je nachdem, ob die Besucherin es aus der Ferne, direkt vor dem Bild stehend oder aus einem schrägen Blickwinkel betrachtet.

Franz Gertsch: Silvia III, 2004; Mischtechnik auf ungrundierter Baumwolle; 315 x 290 cm; Kunsthaus Zürich © Franz Gertsch

Während Gertsch in seinen früheren Jahren Menschen – zuweilen schräge Typen – aus der Pop- und Diskoszene darstellte, konzentriert er sich später auf Portraits, oft ist es eine seiner Töchter. Seit vielen Jahren zum ersten Mal zeigt diese Ausstellung die drei Silvia-Gemälde zusammen. Denn diese Werke sind inzwischen in verschiedene Orte gelangt: Während sich «Silvia I» (1998) im Besitz des Museum Franz Gertsch befindet und eine zentrale Rolle in seiner Gründungsgeschichte spielt, gehört «Silvia II» (2000) in die Sammlung des Museums Kurhaus Kleve in Deutschland und «Silvia III» (2003/04) in diejenige des Kunsthauses Zürich. Es sind ausdrucksstarke Bilder, sie zeigen eine durchaus eigenwillige junge Frau, die ihren Weg gehen will.

Auch die Werkgruppe «Guadeloupe» ist erstmals seit Jahren wieder in Gemälden und Holzschnitten im Museum präsent – seit 2014 befanden sich die Gemälde im Museum Folkwang, Essen / Nordrhein-Westfalen als Dauerleihgabe. Neben tropischen Pflanzen nimmt der Akt «Maria» einen zentralen Platz ein. Das Gesicht in warmem Licht, heiter und entspannt, auf dem Körper liegen einige leichte Schatten. Auf Hals und Dekolleté liegt ein Tuch in Falten. – Das überrascht. In früheren Epochen wären Brüste und Hüften damit verhüllt worden, aber eine solche Konvention gilt nicht mehr.

Franz Gertsch: Maria (Guadeloupe), 2012; Eitempera auf ungrundierter Baumwolle; 250 x 380 cm; Besitz des Künstlers © Franz Gertsch

Von der Vielfalt der Motive Gräser, Pestwurz, Waldweg und Jahreszeiten-Darstellungen sind die Gräser in dieser Schau nur in wenigen Bildern vertreten, dafür in einem besonders markanten: Gras vor einem tiefroten Hintergrund. Das Rot wirkt warm und doch signalisiert es ein «Halt» – und das Gras, so gross es dargestellt ist, strahlt etwas Zerbrechliches aus.

Franz Gertsch widmet sich stets gleichmässig den beiden Techniken Malerei und Holzschnitt, und zwar entscheidet er sich für Darstellungen in Lokalfarbigkeit, dann wieder für Monochromie, oder er malt den Waldweg in echtem Ultramarinblau – ein faszinierendes Bild.

Franz Gertsch: Meer II, 2022; Eitempera auf ungrundierter Baumwolle; 180 x 260 cm; Besitz des Künstlers © Franz Gertsch

Ein Raum ist dem Thema «Meer» gewidmet: Franz Gertsch greift für seine Werke stets auf fotografische Vorlagen zurück. Hier sind es Fotos, die in den 1970er Jahren in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer entstanden sind. Seit 2013 schuf er weitere Gemälde und Holzschnitte zu diesem Thema. Der Holzschnitt «Meer» (2020/21) und das Gemälde «Meer II» (2021/22) sind in dieser Ausstellung erstmals ausgestellt. – Es darf nicht unerwähnt bleiben: Franz Gertsch wurde 1930 geboren, sein hohes Alter scheint seinem Schaffen keine Grenzen zu setzen. Die Ausstellung wurde kuratiert von Anna Wesle in Zusammenarbeit mit dem Künstler.

Kaleidoskop. 20 Jahre Museum Franz Gertsch in Burgdorf BE;  bis 5. März 2023

Titelbild: Franz Gertsch: Bromelia (Guadeloupe), 2012; Eitempera auf ungrundierter Baumwolle; 250 x 370 cm; Besitz des Künstlers © Franz Gertsch

 

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