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Weinbau in Wandbildern

Im Winzerdorf Twann am Bielersee vollendete Daniela de Maddalena vor kurzem das letzte von vier grossen Wandbildern, in denen sie Szenen aus dem Weinbau darstellt.

Zuerst wollten einige rührige Bürgerinnen und Bürger in Twann ihr malerisches Dorf vor dem Staub des Vergänglichen bewahren. Sie reparierten einen Brunnen, so dass er wieder benutzbar wurde, sie machten eine alte Schusterwerkstatt neu sichtbar und dachten darüber nach, wie ihr Heimatort noch ansehnlicher werden könnte. Ein «Upgrade an Attraktivität» sollte es werden, so formuliert es die Kunstkritikerin Annelise Zwez, seit Generationen in Twann verwurzelt. Von ihr kam vor fünf Jahren der entscheidende Impuls: Vier grosse Wandgemälde sollen den Charakter des Dorfes als einen seit jeher dem Rebbau verpflichteten Ort abbilden.

Annelise Zwez kannte auch die für diesen Auftrag geeignete Person: die Bieler Künstlerin Daniela de Maddalena. Mit deren Zustimmung war das Projekt geboren und erhielt den Namen: «Das Weinjahr in vier Wandbildern im Dorfkern von Twann».

Auf dem Gerüst: links Annelise Zwez, rechts Daniela de Maddalena (Foto ZVg)

Gemälde oder Kunstwerke im öffentlichen Raum zu integrieren, erfordert viele Schritte. Zunächst mussten die geeigneten Fassaden, an denen die Gemälde entstehen sollten, ausgewählt werden – selbstverständlich mussten die Besitzer der Liegenschaften ihr Einverständnis geben. Die Verhandlungen mit der Gemeinde waren wohl nicht in einem Gespräch beendet, entnehme ich den Erklärungen von Annelise Zwez. Die benötigten Baubewilligungen waren das Wichtigste. «Ein Abenteuer war das Markieren der exakten Grösse auf der Fassade für das Baugesuch», erzählt Frau Zwez, «für ein Bild in luftiger Höhe musste eine Hebebühne organisiert werden, damit Mitglieder des Teams mit Meterstab, Wasserwaage und Klebestreifen – solche, die auf einer Fassade auch tatsächlich kleben! – die Grösse, die Winkel, die Waagrechten und Senkrechten festlegen konnten.»

Hier war eine Hebebühne notwendig (Foto mp)

Noch einmal die Worte von Annelise Zwez: «Und dann das Gerüst!  – Es braucht einiges bis Daniela de Maddalena sich sitzend oder stehend oder kletternd auf einem Gerüst sicher fühlt!» Bevor die Künstlerin selbst aufs Gerüst stieg, hatte sie ebenfalls alle Vorbereitungen zu treffen.

Wie entsteht ein solches Wandbild? Klar war, dass die Arbeiten im Rebberg und im Keller entsprechend der Jahreszeiten dargestellt werden sollten. Für die Künstlerin war auch klar, dass sie aufgrund von eigenen Fotografien arbeiten wollte. Wie eine Malerin bei einem solchen fotorealistischen Gemälde vorgeht, erklärt wiederum die Kunstkritikerin Annelise Zwez: «Aus der Fotografie musste zwingend eine künstlerische Dimension entwachsen. Es sollten zugleich gute Bilder im Sinne der Tradition der Malerei sein, Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund in Einklang bringen; die für die Malerei so wichtigen Diagonalen berücksichtigen, mit dem Licht, mit den Farben spielen, Lebendigkeit evozieren, uns ins Bild hineinziehen.»

Wenn im Dorf Festbetrieb ist, kann man dieses Bild immer noch anschauen (Foto mp)

Weiter erklärt mir Frau Zwez: «Daniela de Maddalena war es stets ein Anliegen, dass die Basis die analoge, das heisst die dem realen Abbild verpflichtete Fotografie blieb und möglichst wenig am Computer verändert wurde.» Besser als die Kunstexpertin kann niemand verdeutlichen, was für die künstlerische Arbeit wichtig ist: «Die Malerei, die Auswahl, das Mischen der Keimfarben. Nächster Schritt: Wo beginnen, wo die wichtigsten Farben von Anfang an setzen – sie bestimmen die künftigen Beziehungen der Farbschattierungen und Formen. Wie das Blau des Himmels und das Grau des Felsens in einem Bild ins Gleichgewicht bringen, wie verhindern, dass das grüne Laubbild nicht eine grüne „Sauce“ wird, sondern ein lebendiges, vielfältiges Grün-Spiel. Wie das Tun im Vordergrund des Weinlese-Bildes und die Weite der Bielersee-Landschaft in eine nicht nur kompositorische, sondern auch malerische Balance bringen usw.»

Daniela de Maddalena: Rollbild «Kraniche», unten ein Teil der 1000 weissen Origami-Kraniche, die laut japanischer Tradition Glück verheissen (Foto mp)

Was daraus geworden ist, lässt sich am besten bei einem Spaziergang durch Twann erkunden.
Hier noch ein paar Worte zu Daniela de Maddalena. In der kleinen «Kulturinsel» im Engel Haus in Chly Twann wird dokumentiert, wie das Wandbild-Projekt entstanden ist. Daneben sind auch Arbeiten von Daniela de Maddalena zu sehen, die einen Einblick in die zahlreichen Werke dieser vielseitigen Künstlerin erlauben. Auf Einladung der internationalen Künstlergruppe Nine Dragon Heads hat sie an gemeinsamen Aktionen, Präsentationen und Expeditionen teilgenommen. Es sind neben dem Kranich (s. links), der auf eine japanische Überlieferung zurückgeht, Arbeiten aus der Mongolei, aus Xinjiang (früher: Sinkiang, Heimat der Uiguren) und aus Istanbul ausgestellt. Diese Künstlergruppe kann als eigentliches Netzwerk gelten, das sich mit künstlerischen Mitteln für einen neuen, umweltbewussten Geist und für Menschlichkeit einsetzt.

Die vier Wandbilder sind so lange zu bewundern, wie die Zeitläufte und äussere Umstände es zulassen.
Die kleine Ausstellung «An die Wand und um die Welt» im Engel Haus Twann ist nur bis 6. November 2022 geöffnet: Freitag 17 bis 20 Uhr, Samstag/Sonntag 12 bis 17 Uhr.

Weitere Informationen:
Daniela de Maddalena
Annelise Zwez

Titelbild: Wandbild «Im Winzerkeller» (Foto mp)

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