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Peter Knapp, ein Meister der Modefotografie

Peter Knapps Ideen für Layout und Typografie sowie seine dynamischen Fotografien machten die Zeitschrift Elle ab den 1960er-Jahren zu einem Leitmedium der Modebranche.

Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur präsentiert eine Auswahl aus einer rund 700 Fotografien umfassenden Schenkung von Peter Knapp. Die Ausstellung würdigt das Werk dieses herausragenden Schweizer Gestalters und lässt die Stimmung einer Epoche und den damaligen Wandel der Gesellschaft aufleben.

Vor dem Spiegel: Bei diesem Bild lässt der Fotograf das Model selbst auf den Auslöser drücken – und fotografiert als Beobachter mit, 1962-1963.

«Modefotografie wird gemacht, um gedruckt zu werden. Dahinter steht immer ein Auftrag, es handelt sich um angewandte Kunst. Eine Modefotografie für die Zeitschrift Vogue weist eine andere Haltung auf als eine für Elle. Eine Aufnahme für einen Modedesigner ist etwas anderes als ein Bild für die Werbung. Wenn ein Fotograf diesen Unterschied nicht merkt, macht er einen Fehler. Es geht um eine spezifische soziale Information.»


The Sunday Times Magazin 02.03.1969. “1969 gab die Nasa Bilder frei, die von Satelliten aus mit sehr guten Kameras aufgenommen worden waren. Ich benutzte sie sofort, um die Models durch das All fliegen zu lassen. Es war ein beeindruckendes neues Erlebnis. Frei im Raum ist die Erde, frei im Raum ist die Mode, frei im Raum sind die Frauen,»

Mit diesem Credo wird Peter Knapp, 1931 in Bäretswil im Zürcher Oberland geboren, in den 1960er- und 70er-Jahren zu einer einflussreichen Figur der internationalen Modewelt. Nach seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Zürich hat er insbesondere als Art Director der in Paris erscheinenden Zeitschrift Elle grossen Erfolg: In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der sich nicht zuletzt in der Mode spiegelt, findet er die passenden Bilder für die Befreiung des Körpers und der Gedanken.


Nicole de Lamargé in Elle, Mr 1056, 17.03.1966

Elle , unter der Chefredakteurin Hélène Lazareff ein Leitmedium der Emanzipation, trägt wesentlich zu einer lebensfrohen Demokratisierung weiblicher Kleidung bei: Prêt-à-porter statt Hautecouture, Minijupe statt Korsett, Funktionalität statt steifer Eleganz, selbstbewusste Frauen auf den Strassen statt Mannequins im Studio. Sowohl die Layouts wie auch die Fotografien von Peter Knapp vermitteln dieses neue Körper- und Lebensgefühl, in dem sich viele Frauen der sechziger Jahre wiedererkennen.

Dieselbe kreative Freiheit und spielerische Lust, mit der Knapp im Lauf der Jahrzehnte unzählige eigene Kunstprojekte, Filme und Ausstellungen realisiert, prägen auch seine Arbeiten im Bereich der angewandten Fotografie. «Was mich antreibt: Ideen in Bilder zu übersetzen. Ich möchte meine Gedanken visualisieren, meine Fantasien und Geschichten bildlich ausdrücken. Jene prends pas de photos, je les fais.»


Elle, Nr. 1066, 26.05.1966

Sein Rüstzeug holt sich Peter Knapp ab 1947 an der Zürcher Kunstgewerbeschule, die sich vor allem an den Gestaltungsideen des Bauhauses orientiert: Form und Funktion sollten aufeinander abgestimmt sein, auf geometrischen Grundsätzen beruhen und überflüssige Verzierungen vermeiden. Auch das Allrounder-Prinzip ist hoch im Kurs. Die Verbindung von Typografie, Fotografie, Malerei, Bildhauerei, Drucktechniken und Layout prägt Peter Knapp ebenso nachhaltig wie die Suche nach reduzierten, einfachen Formen.

1951 zieht der frisch diplomierte Künstler und Gestalter nach Paris, um sich weiterzubilden und freischaffend Aufträge zu realisieren. Sein Stil und sein Talent fallen auf, denn was man in jenen Jahren in Frankreich an Grafik zu sehen bekommt, ist «démodé».


Courrèges bonjour, Nr. 11, Winter 1981-1982

Schon nach kurzer Zeit bietet das renommierte französische Kaufhaus Galeries Lafayette dem erst 24jährigen Schweizer die Stelle des künstlerischen Leiters an. Er ändert die gesamte Typografie und ersetzt die Zeichnungen, die für Plakate und Anzeigen verwendet werden, durch Fotografie.

1959 wird Peter Knapp Art Director von Elle – die progressive Chefredakteurin Hélène Lazareff beauftragt ihn, das Erscheinungsbild radikal zu modernisieren. Elle sollte auf kultivierte, aber leicht zugängliche Weise neue Generationen von Frauen ansprechen und die Emanzipation vorantreiben.

Elle präsentiert Kleider, die der ausser Haus arbeitenden Frau entsprechen und im Alltag oder auf der Strasse getragen werden können. Tatsächlich ändert sich das Gesicht des Magazins in kürzester Zeit: Peter Knapp gibt der Fotografie und der Arbeit mit Fotografinnen und Fotografen einen hohen Stellenwert; er engagiert Models, die nicht als Haute-Couture-Mannequins, sondern vor allem als starke Persönlichkeiten beeindrucken; er verabschiedet sich von illustrativen Modezeichnungen; und er nutzt jede Doppelseite als ein Spielfeld, auf dem Bilder und Texte frei arrangiert werden dürfen.


Nicole de Lamargé, für Sunday Times- Magazine, 1966 Späterer Inkjet Print

Wenn die Fotografen, die sich Peter Knapp wünscht, nicht zur Verfügung stehen, stellt er sich selbst hinter die Kamera. Zentrales Element seiner Modefotografie ist die Bewegung: Die neue Freiheit des Denkens und des Körpers soll auch in einer visuellen Dynamik ihren Ausdruck finden.  Die Models, die Knapp festhält, wenn sie über die Strasse springen oder eine Treppe hocheilen, bewegen sich so natürlich und unbeschwert, dass ihnen die Leserinnen und Leser der Zeitschrift auf Augenhöhe begegnen.

Ab 1966 verwendet Peter Knapp einzelne Bilder aus den Aufzeichnungen einer 16mm-Filmkamera: Unschärfe, schnappschussartiger Bildausschnitt, Details und unbeabsichtigte Bewegungen tragen zu jener luftigen Dynamik bei, die dem Zeitgeist entsprechen.

Kreativ und erfinderisch sucht Knapp immer wieder nach neuen Ansätzen: Seine Experimente erinnern manchmal an die surrealistischen Werke von Erwin Blumenfeld oder Man Ray, dann wieder an die Bauhaus-Künstlerinnen und -Künstler, die mit Mehrfachbelichtungen operierten. Da er die Models selbst nicht zu sehr idealisieren will, arbeitet er unter anderem mit Close-ups, projiziert Stoffmuster auf den weiblichen Körper oder benutzt das Weitwinkel-Objektiv – auch dies eine Innovation für die Modefotografie.

Mit der Anordnung der Figuren im Raum oder der Betonung der Diagonalen gelingen ihm auffällige Bilder und Inszenierungen. Er fotografiert die Modelle in der Luft hängend und auf dem Boden liegend oder lässt sie auf Fahrradsättel steigen, die auf langen Stangen montiert sind. Die in der Höhe sitzenden Frauen werden einzeln von unten fotografiert, anschliessend freigestellt und auf eine schwarze Fläche geklebt, so dass sie tatsächlich abzuheben scheinen. Die Illusion fasziniert, weil sie keine eindeutige Perspektive aufweist und keinen Blick in die Tiefe zulässt.

Als ausgebildeter Typograf und Grafiker hat Knapp eine besondere Affinität zu den grafischen Formen und optischen Effekten, die in der Kunst der 1960er-Jahre eine bedeutende Rolle spielen und auch die Modedesigner beeinflussen. Die geometrischen Strukturen, die auf ihren Stoffen zu sehen sind, finden Eingang in seine Bildgestaltung.

1966, als Hélène Lazareff an Krebs erkrankt und ihren Posten aufgeben muss, tritt auch Peter Knapp von Elle zurück. Er wird freischaffender Fotograf für Zeitschriften wie Vogue, Stern oder Sunday Times Magazine sowie Art Director für die Kollektionen herausragender Modedesigner wie André Courrèges oder Ungaro.

Die Ausstellung, die bis 12. Februar 2023 dauert, wurde kuratiert von Peter Pfrunder, Direktor Fotostiftung Schweiz.

Fotos: Peter Knapp/Fotostiftung Schweiz und Josef Ritler

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