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«Willkommen zurück in meinem Leben»

Mit der Uraufführung des Stücks «Alles ohne mich» von Rainer Berg zeigt das Berner Mundarttheater Matte eine berührende Komödie mit Tiefgang und Überraschungen. Was will ich mit 60 noch erleben?

Vordergründig erzählt das Theaterstück die Geschichte eines alternden Radiomoderators, der am 60. Geburtstag aus seinem bisherigen Leben ausbricht. Im Restaurant flieht Erland (Fredi Stettler) vor den feiernden Gästen in den Personalraum und trifft dort – scheinbar zufällig – auf die Serviertochter Ava (Monika Balsiger), die dabei ist, Rotweinflecken von ihrer Bluse zu entfernen. Mit ihr beginnt er eine Diskussion über seine Sinnkrise. Im Lauf des Gesprächs stellen die beiden fest, dass sie sich von einer früheren Begegnung offenbar kennen. Mehrere Indizien sprechen dafür.

Ava und Erland im klinisch sauberen Personalraum.

Dreissig Jahre zuvor waren sie sich in einem Landgasthof – ebenso zufällig – schon einmal begegnet, hatten sich gegenseitig elektrisiert und die Nacht zusammen auf einer Autowolldecke verbracht. Wahrheit oder Fantasie? Mit 60 erlebt Erland ein emotionales Flashback, macht Ava erneut den Hof, während diese ihren ehemaligen Liebhaber anfänglich ablehnt. Doch dann kehrt die Stimmung. Die Serviceangestellte holt eine Flasche Champagner sowie zwei Gläser und lädt Erland ein, auf einer im Personalraum ausgebreiteten Decke Platz zu nehmen. Dieser zeigt sich von der Charmeoffensive irritiert, lässt sich aber dann doch auf das Spiel ein.

Ava weiss genau, was sie will.

«Willkommen zurück in meinem Leben», sagt Ava zu ihrem Gegenüber und konfrontiert ihn mit der Behauptung, dass er der Vater ihrer vor gut 29 Jahren geborenen Tochter Lara sei. Und es kommt noch besser: Lara hat einen neunjährigen Sohn, mit dem Erland kurz zuvor –  via Avas Handy – heimlich telefoniert hat. Das emotionale Erdbeben ist perfekt: Der alternde Radiomoderator sieht sich plötzlich in der Rolle des Grossvaters, der sich für sein Grosskind verantwortlich fühlt. Und Ava präsentiert ihm die Rechnung: 100 000 Franken für dreissig entgangene Jahre.

Auf der Suche nach einem neuen Leben ist Erland orientierungslos.

Das kann nicht gut gehen: Erland streitet alles ab. Die Begegnung vor dreissig Jahren habe nie stattgefunden, er sei nicht Laras Vater. Innert Sekunden wird aus dem Retro-Flirt ein heftiger Streit mit bösen Worten und gegenseitigen  Anschuldigungen. Als Lisa, Erlands Ehefrau (Sibylle Wenger), auftaucht, beichtet der Jubilar ihr das amouröse Abenteuer und die angebliche Existenz einer Tochter. Die ebenso korrekte wie reiche Gattin kann und will die überraschenden Nachrichten nicht verstehen. Auch sie ist zwischen Wahrheit und Fantasie hin- und hergerissen. Soweit die Geschichte.

Was hinterlasse ich?

Hintergründig geht es in dem Dreipersonenstück (Regie: Markus Maria Enggist) um mehr als Sex, um mehr als ein uneheliches Kind, Verwechslungen und Gefühlsturbulenzen. Thema ist der Umgang mit dem eigenen Alter. Wieviel Zeit bleibt mir noch? Was will ich mit 60 noch erleben? Was hätte ich mir noch gewünscht? Habe ich etwas verpasst? Was hinterlasse ich, wenn ich einmal tot bin?

Radiomoderator Erland hat alles erreicht und erlebt, was er sich erträumte. Mit 60 fühlt er sich müde und gelangweilt zugleich. Sein Lebenstrott scheint ihm nicht mehr lebenswert. Beruflich hat der Abstieg begonnen, privat ist die Ehe mit Lisa ausgetrocknet, unerotisch, langweiliger Alltag. Er würde gerne ausbrechen, wieder einmal ein Risiko eingehen, so wie damals mit 30 im Landgasthof. Die erneute Begegnung mit Ava eröffnet diese Gelegenheit.

Erlands Gattin Lisa versucht die alte Ordnung zu erhalten.

Doch die selbstbestimmte Serviceangestellte hat andere Bedürfnisse: Sie sucht Wahrheit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit. Ava verstrickt ihren Liebhaber in ein Gespräch über Erwartungen, Vertrauen, Enttäuschungen, die Vergänglichkeit des Lebens. Einsam im Personalraum herumirrend, realisiert Erland, dass sein Körper alt und unattraktiv geworden ist. «Als junger Mensch geht man schlafen, kaum ist man wieder wach, ist es auch schon vorbei», lautet seine bittere Erkenntnis.

Als Zuschauerin / Zuschauer ist man nie ganz sicher, ob die Behauptungen stimmen oder ob sie Fantasie sind. Gleich geht es Erland und Ava. Die beiden Figuren bewegen sich mit ihren jeweiligen Wahrnehmungen in einer gemeinsamen Fantasiewelt. Vielleicht ist diese Welt aber Realität. Wenn ein Mensch durch Erzählung in einem anderen Menschen eine Erinnerung hervorruft und diese Erinnerung zu einem Bild in den Köpfen beider wird, kann dieses als gemeinsame Realität verstanden werden.

Die grosse Liebe: Tatsache oder Realität?

Autor Rainer Berg spielt in seinem Stück «Alles ohne mich» mit eben diesem Effekt. Nur dass es hier nicht «bloss» um die Realitätsvorspiegelung für die Zuschauenden im Saal geht. An diesem Theaterabend entstehen Stimmungen, in denen die verschiedensten Erinnerungen im Raum herumschwirren. Persönliches vermischt sich mit Erzähltem, Erlebtem und Erdachtem. Ein witzig inszeniertes und hervorragend gespieltes «Puzzle der Menschlichkeit».

In Erinnerung bleibt, was wir im «Theater Matte» wahrnehmen. Ob es die absolute Realität oder Fantasie ist, bleibt auch am Schluss offen.

Titelbild: Erland telefoniert mit seinem angeblichen Enkel, beobachtet von Ava im Hintergrund. Alle Fotos © Rolf Veraguth

Theater Matte

Aufführungen noch bis am 27. November 2022

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