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Zu Besuch bei Laura Weidacher

«Eine Frau, die die Künste liebt» – Auf dem Weg zu Laura Weidacher fragte ich mich, ob meine frühere Seniorweb-Kollegin sich mit dieser Charakteristik identifizieren könne.

Da wir uns schon lange kennen, findet das folgende Gespräch in der vertrauten Form des «Du» statt. Ich wollte Laura auch nicht gleich auf ein Motto festlegen und fragte zunächst einmal:

Welche Bedeutung hat Kunst in deinem Leben? Gibt es eine Kunstform, die dir mehr am Herzen liegt als andere?

Laura Weidacher: Jede Kunst findet ihre eigene Ausdrucksform. Prosa drückt Gedanken klar aus, dahinter kann ich mich nicht verstecken, auch nicht hinter der Poesie, in der ich mich persönlich allerdings zurücknehme. Klassische dreidimensionale Formen, Plastik oder Skulpturen, liegen mir nicht, deshalb habe ich sie nie ausprobiert. Meine Welt, in der ich mich am besten ausdrücken kann, sind Performances. – Alle Vorlieben sind mir erhalten geblieben, sie begleiten mich im Leben und reichern sich im Laufe der Jahre an.

Also könnte ich sagen, dass du die Künste in ihrer Vielfalt liebst. Angefangen hast du mit dem Gesang, wie kam es dazu?

Ich konnte gar nicht anders, als Kind und junges Mädchen habe ich nur gesungen. Eigentlich hätte ich Schauspielerin werden wollen. Ich bekam aber ein Stipendium für Gesang und Violine – für beide Fächer gleichzeitig. Das brachte mich in einen Konflikt: Sollte ich das Gymnasium fortsetzen, die Chance am Konservatorium wahrnehmen oder mich auf die Schauspielerei verlegen.

Ich wurde Opernsängerin, in der Musik und Text zusammenfliessen. Dass die Entscheidung damals richtig war, erkannte ich daran, dass ich am Ende meiner Ausbildung am Zürcher Opernstudio mit seinem ausgezeichneten Ruf sofort ein Engagement im ersten Fach an die damals neu eröffnete Oper in St. Gallen bekam. Hosenrollen waren mein Schwerpunkt-Fach.

Morgennebel über den Weiden im Clos-du-Doubs bei Epauvillers «aus meinem geliebten Jura, die Hügel so weit und so grün – keine einengenden Bergmassive, aus denen ich von Tirol her geflohen bin!», sagt Laura Weidacher.

Ein paar Jahre später erhielt ich ein Angebot für die Komische Oper in Berlin – ein Traumangebot – und ich lehnte es aus familiären Gründen ab. Zu jener Zeit galt in der Schweiz noch das alte Eherecht. Ich hätte meine kleine Tochter ohne Einwilligung des Vaters nicht nach Berlin mitnehmen können. Es war die schmerzhafteste Entscheidung meines Lebens. Das habe ich sehr lang betrauert – und jahrelang nicht mehr gesungen. Neun Jahre hatte ich mich mit Leib und Seele dem Gesang gewidmet.

Du hattest im Leben auch viel Glück . . .

Ja, mein erstes Engagement hatte ich schon erwähnt. Zuvor hatte ich schon im Internationalen Opernstudio Zürich Glück gehabt. Da die Ausbildungskosten so hoch waren, dass ich sie unmöglich hätte bezahlen können, bat ich um ein Stipendium. Das ginge nicht, wurde mir beschieden, ein Stipendium könne statutengemäss nur an Schweizerinnen oder Schweizer vergeben werden, ich jedoch war damals noch Österreicherin. Also musste ich mich zurückziehen. Zwei Tage später bekam ich vom Opernstudio die Nachricht, dass sie ihre Statuten geändert hätten, nun könne ich das Stipendium erhalten. – Und seitdem sind auch angehende ausländische Sängerinnen oder Sänger berechtigt, eine finanzielle Unterstützung zu beantragen. Es freut mich heute noch, dass ich durch meine hartnäckige Bitte den Weg dafür bahnen konnte.

Dann hast du dich aufs Schreiben verlegt und andere Kunstformen ausprobiert.

Ich musste unbedingt etwas Neues beginnen, sonst wäre ich – im übertragenen Sinne – geplatzt. Dass ich mich künstlerisch betätigte, war meinem Mann recht, er war selbst Künstler. Nur zu Hause musste ich bleiben, nicht ins Ausland gehen. Wir sind dann, wie viele Künstler, die sich keine teuren Ateliers leisten konnten, in ein altes Bauernhaus im Aargau gezogen. Dort fing ich an zu schreiben. – Bei einem Wettbewerb der Zeitschrift Turicum gewann ich zu meiner grössten Überraschung schweizweit den 1. Preis.

Kaum zu schreiben begonnen, schon so eine Ermutigung – das war wohl ein rechter Ansporn.

Dabei kam das Schreiben «tröpfchenweise». Mein erstes Gedicht Kent / Ohio entstand 1970 aus Wut und Protest über die blutige Unterdrückung eines Studentenprotestes in Ohio. Es war ein «komponierter Aufschrei». Ich zeigte es Hans-Jörg Schneider, der damals auch für die Basler Nachrichten schrieb. Diese druckten es sofort. Über ihn kam ich später zu meiner Tätigkeit als Musikjournalistin. Ich schrieb unter meinem verheirateten Namen Laura Buchli.

Es blieb nicht beim Schreiben im häuslichen Rahmen, nicht wahr?

Nein, die Künste wurden bei uns gepflegt. Wir feierten in unserem Haus viele Künstlerfeste. Ich begann, Texte in Bilder und Zeichnungen zu verwandeln, mit Öl- und Pastellkreide zu überschreiben, indem ich bestehende Texte mit anderen, fremden oder eigenen überlagerte, und damit Palimpseste zu schaffen. Ich übte damit die écriture automatique der Surrealisten, diese und die Dadaisten hatten mich schon immer fasziniert.

Nur die Bühne fehlte mir. So entwickelte ich meine Art der Performance – die erste für eines unserer Feste. Und es gefiel den Gästen. Ich sagte mir: «Jetzt habe ich mein Theater gefunden». Bis 1986 gestaltete ich solche Performances, danach war diese Form für mich erschöpft.

Spielplatz am Sorne-Ufer in Delémont (alle Fotos  © Laura Weidacher)

Warum? Hattest du die Lust verloren?

Ich wollte nicht stehenbleiben, mich weiterentwickeln. Kunst ist etwas, was man der Welt übergibt, ein «Kind», das ohne unseren Einfluss weitergeht.

Ist dir die schöpferische Kraft eigentlich in die Wiege gelegt worden?

Mein Vater war wichtig für mich, er war Musiker, Komponist und Lyriker. Er war Zithervirtuose und hat dazu gesungen. In Österreich, besonders in Tirol, ist er sehr bekannt. Ich wollte seinen Werdegang nicht einfach wiederholen, und erst recht nicht mit ihm konkurrieren. Die Performances waren aber meins, sie gehörten nicht zu meinem Vater.

Vor kurzem ist ein schmaler Gedichtband erschienen: «Inselland». Konzentrierte Beobachtungen umkreisen das Altwerden, den Abschied, den Herbst des Lebens im weitesten Sinne, als ob nach dem explodierenden Frühling und der sommerlichen Überfülle nun alles aufs Wesentliche zusammenschrumpft. – Wie entsteht ein Gedicht?

Plötzlich habe ich es im Kopf, vielleicht ist da ein Anlass, eine Freude oder wie 1970 eine Wut. Es geht immer um ein inneres Erleben, nicht um Äusserlichkeiten.

«Inselland» ist mein drittes Lyrikbüchlein, das erste, das in Österreich erschienen ist. Mit der Insel ist vordergründig zwar die Schweiz gemeint, aber mein Geburtsland Österreich ist auf seine Art ebenso eine «Insel». Wir leben auf einer Insel, strecken unsere Tentakel aus. Vielleicht schwankt die Insel, vielleicht wird sie untergehen und wir mit ihr. Ein Gedicht zu veröffentlichen, bedeutet, eine Hürde zu überspringen, denn es ist eine Art «Entblössung». Und die Vergänglichkeit schleicht sich immer wieder ein.

Was bedeutet Melancholie für dich, was Heiterkeit?

Die beiden empfinde ich nicht als echten Gegensatz. Aus Melancholie kann man zu Heiterkeit finden. Heiterkeit hat, im Gegensatz zu Spass, ihren Ursprung in der Tiefe, «im Bauch», sie wärmt den Kopf, wärmt das Denken. Melancholie kann auch aus dem Hinterhalt auftauchen, wie ein Loch auf dem Weg, das uns ins Stolpern und folglich zum Nachdenken bringt. Im Laufe des Lebens – mit der Erfahrung – lernen wir, Melancholie oder Trauer als Stufen zu innerer Heiterkeit zu begreifen.

Was hat Dich eigentlich zu Seniorweb geführt?

Das ist lange her, 2004. Ich wollte nach einer spannenden Reise eine Reportage über die irischen Aran Islands veröffentlichen. Das schien diversen Zeitungen zu lang. Seniorweb nahm meinen Bericht gerne an. Von da an brachte ich da, mit grossen Pausen, immer wieder Kulturberichte über Theater und Ausstellungen heraus.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Laura Weidacher, Inselland.  edition laurin bei innsbruck university press 2022.
ISBN 978-3-903539-17-4

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