FrontLebensartRémy Wirz, Fährimann mit Hang zum Seelsorger

Rémy Wirz, Fährimann mit Hang zum Seelsorger

An Silvester steuert der Fährimann Rémy Wirz die «Ueli-Fähre» ein letztes Mal über den «Bach». Seniorweb hat ihn besucht und erfährt: Ein Fährimann hat viel zu erzählen. Er wird fehlen.

Die St. Johann-Fähre – auch «Ueli-Fähre» genannt – liegt am Steg, der Rhein ist ruhig und stockdunkel wie die Nacht. Ein paar Meter oberhalb steuern vereinzelte Gäste den Gastro-Tempel «roots» an; Küchenchef Pascal Steffen hat sich vor Kurzem den grandiosen zweiten Michelin-Stern erkocht.

Wir treffen uns mit Rémy Wirz (65) auf der Fähre. Wirz, Fährimann seit 18 ½ Jahren, hat sein Schiff dank einem Gasofen wohlig beheizt. Auf dem langen Holztisch breitet er diverse Esswaren und Getränke aus. Wir wollen uns mit ihm über seinen Beruf, sein Befinden und seine Gedanken unterhalten – im Wissen, dass er an Silvester seine letzte Fahrt als Fährimaa bestreiten wird.

«Beruflicher Sans-Papier»

Damals in den 1960er Jahren, als er noch die Schulbank gedrückt hat, habe er Tierarzt oder Psychiater werden wollen. Doch Rémy verpasst einen Schulabschluss («Ich bin ein beruflicher Sans-Papier») und macht stattdessen viel anderes: Er verdingt sich drei Jahre im Landdienst, macht eine therapeutische Ausbildung und jobt bei den PTT. Er ist ein Dutzend Jahre therapeutisch tätig und führt in Deutschland 15 Jahre lang eine Zimmerei/Schreinerei. Er heuert zwischendurch in Freiburg, Berlin und Hamburg als Türsteher an und lebt vier Jahre in einem Ashram, einem klosterähnlichen Meditationszentrum. Kurz: Sein Lebenslauf könnte abenteuerlicher kaum sein.

Fährimann Rémy Wirz auf seiner Ueli-Fähre. (Fotos: Robert Bösiger)

Bis er am 1. Juli 2004 als frischgebackener Pächter auf der «Ueli-Fähre» steht. Zuvor hat er das Fährifahren beim Fährimaa Walter Zimmerli und als gelegentlicher Ablöser auf diversen Basler Fähren gelernt.

Basler mit Oberbaselbieter Wurzeln

Unterbrochen von gelegentlichem Funkkontakt mit anderen Schiffern, erzählt uns Rémy, dass seine Wurzeln im Oberbaselbiet liegen. Dass seine Heimatorte in Basel und Rothenfluh liegen, er aber noch nie in Rothenfluh gewesen sei. «Mein Herz ist zerrissen», sinniert er. Stark beeinflusst habe ihn sein Grossvater Eduard Wirz-Bürgin (1891 – 1970). Dazu sollte man wissen: Eduard Wirz war Lehrer und Lokalhistoriker, Journalist und Schriftsteller. Er besuchte die Bezirksschule Böckten, wurde ab 1919 Lehrer in Riehen und schrieb sich in seiner Freizeit für die «Basellandschaftliche Zeitung», die «Basler Nachrichten» und – vor allem – für die «Volksstimme» jeden Dienstag die «Inlandumschau». Und die Grossmutter war übrigens eine der sieben Töchter von Schneidermeister Bürgin in Sissach (Schneideratelier Emil Bürgin).

Sein Grossvater sei ihm als bester Freund sehr nahe gewesen, erinnert sich Rémy. Weil dieser Rössli-Stumpen geraucht habe, rauche er selber auch so gerne, allerdings die Selbergedrehten.

Dienen und helfen

Die St. Johann-Fähre ist und bleibt eben eine Quartierfähre zwischen dem St. Johann- und dem Matthäusquartier. Doch Rémy beklagt sich nicht. Ganz im Gegenteil: «Das Geldverdienen steht für mich nicht im Vordergrund, sondern mein Dienst an den Fährigästen und der Stadt Basel.» Und: «Auf einer Fähre wird man nicht reich, aber reich an Erfahrung.» (vgl. Interview). Er könne dafür sich selbst sein. Zudem «habe ich die allerbesten Fahrgäste überhaupt».

Rémy Wirz ist nicht nur Fährimaa, sondern auch so etwas wie ein Therapeut oder Seelsorger. Denn es kommt oft vor, dass ihm die Leute buchstäblich ihr Herz ausschütten. Diese Vertrautheit bereitet auch ihm Freude, zeigt ihm, dass er von seinen Fährifreunden respektiert und geliebt wird.

Selbstverständlich hat auch ein Fährimaa viel zu erzählen. Zum Beispiel davon, wie er an einem Januartag anno 1980 eine ertrinkende Frau aus den kalten Fluten des Rheins gerettet hat. Damals war er gerade auf Ablöse auf der Klingentalfähre. Rémy berichtet: «Plötzlich habe ich aus allen Richtungen Sirenen gehört und gesehen, wie viel Volk in den Rhein hinabgeschaut hat. Dann habe ich den Punkt gesehen unter der Brücke, der immer wieder aufgetaucht und dann wieder verschwunden ist. Da wusste ich, dass jemand um sein Leben kämpft.» Rémy springt kurzentschlossen ins Wasser, schwimmt zur Person hin, bekommt sie zu fassen, kann sie letztlich retten. «Ich habe mich in einem völlig anderen Zustand befunden», erinnert er sich.

Zum Ruhestand gezwungen

Besonders stolz ist Rémy, dass seine Fähre während den 18 ½ Jahren komplett unfallfrei geblieben ist. Bloss er selber sei einmal verunfallt, als er bei Hochwasser bei einem Landemanöver einmal durch einen Schwengelschlag heftig verletzt wurde. «Da habe ich wahnsinnig Glück gehabt», sinniert er. Aber bei ihm auf der Ueli-Fähre habe stets gegolten: Sicherheit vor Pünklichkeit.

Handkehrum bezeichnet sich Wirz als Chaoten, vor allem, was das Administrative anbelange. So sei es tatsächlich vorgekommen, dass er hie und da unpünklich auf der Fähre erschienen sei oder etwas vergessen habe. Dies hätten ihm seine Gäste – er bezeichnet sie als seine Fährifreunde – aber nie wirklich nachgetragen.

Etwas, was auf seiner Fähre auch immer Gesetz war: alle Menschen sind gleich wichtig. Auch dann, wenn sich zuweilen Prominenz (etwa Lionel Ritchie mit Moritz Suter) oder ein wichtiger Politiker (Regierungspräsiden Beat Jans) oder Wirtschaftsmann (Jacques Herzog) auf die Fähre verirren. Wirz: «Die geniessen es, dass ich alle gleich behandle».

Auf die Frage nach seiner Zukunft berichtet uns der Fährimaa mit dem markanten Bart davon, dass ihn der Stiftungsrat quasi in den Ruhestand abgeschoben hat. Dies, obwohl er sehr gerne unter einem neuen Pächter ab 2023 zumindest weiterhin und temporär als Ablöser hätte arbeiten wollen. Wir spüren: Es schmerzt ihn sehr, so behandelt zu werden, obwohl er sich handkehrum in den vergangenen Wochen und Monaten mit dem Umstand auch etwas hat anfreunden können. Denn er hat sich zur Aufgabe gemacht, sich fortan auf die Pflege seiner betagten und kranken Mutter (89) zu fokussieren, mit der er im selben Haus lebt. Ein Fährimaa ist eben dazu da, da zu sein für andere Menschen.

Bei unserem Besuch auf der Ueli-Fähre sind wir berührt und beeindruckt von der aussergewöhnlichen Sozialkompetenz und Liebenswürdigkeit von Rémy Wirz, aber auch davon, wie offen und ehrlich er uns Red’ und Antwort steht (vgl. Interview). Gleichzeitig können wir auch gemeinsam lachen. Zum Beispiel, wenn er auf unsere Frage, ob er nicht ein Fährimaa-Lied kenne, schmunzelnd singt: «Und wett emol ein nid zahle, denn schloot er gar kei Krach. Er packt en halt am Chraage und tunggt en rasch in Bach… – dr Fäährimaa, dr Fäährimaa…»

Lieber Rémy, eine gute Fahrt im 2023!


Ueli-Fähre

Das erste Gesuch für eine Fährverbindung vom unteren Kleinbasel zum St. Johann-Quartier wird 1870 eingereicht. Ihr Zweck: Das von Deutschland importierte Vieh soll nicht mehr via Mittlere Rheinbrücke zum Schlachthaus geführt werden müssen. Doch erst 1895 kann die sogenannte «Schlachthausfähre» ihren Betrieb aufnehmen. Es sind die Industriebetriebe einerseits, die sich an beiden Rheinufern angesiedelt haben, und die Anwohner andererseits, die eine Fährverbindung gefordert haben, um einfacher an ihre Arbeitsplätze zu kommen. Doch bereits 1934 wird die Fähre wieder stillgelegt; die Einweihung der Dreirosenbrücke hat sie überflüssig gemacht.

Als das Gelände der alten Stadtgärtnerei und des Schlachthofareals im Zuge der Stadtentwicklung in den St. Johanns-Park umgewandelt wird, erhält die Idee einer Fährverbindung neuen Auftrieb. 1989 ist es soweit: der Betrieb wird wieder aufgenommen, auch dank dem tatkräftigen Engagement des Künstlers Jean Tinguely, dem absoluten Lieblingskünstler von Rémy Wirz.


«Auf der Fähri sind alle Menschen gleich wichtig»

Rémy Wirz, kann man den Beruf Fährimaa lernen?

Rémy Wirz: Nein. Man muss eine Prüfung ablegen, vergleichbar einer Autoprüfung. Theorie muss man für sich alleine büffeln, und die praktische Prüfung erfolgt bei der Rheinpolizei.

Wir sprechen also eher von einer Berufung?

Genau. Das Handwerk erlernst du auf einer Fähre. Mit Walter Zimmerli, dem Vater des jetzigen Klingental-Fährimann (der Ende 2022 vom Stiftungsrat auch in Pension geschickt wird) hatte ich einen ausgezeichneten «Lehrmeister».

Wie wirst du entlöhnt?

Einen fixen Lohn gibt es nicht. Der Lohn ist das, was abends in der Kasse bleibt. Auf der Ueli-Fähre ist dies kein Geschäft. Aber das Geldverdienen steht für mich auch nicht im Vordergrund, sondern mein Dienst an den Fähripassagieren und der Stadt.

Was macht die Faszination aus, Fährimaa zu sein?

Ich kann mich selber sein.

Ist Fährimaa sogar dein Traumberuf – im Vergleich zu dem, was du vorher gemacht hast?

Definitiv! Keine Arbeit, die ich je gemacht habe, kommt an den Fährimaa heran. Jetzt sind es 18 ½ Jahre, und ich liebe meinen Beruf noch immer.

Wie lange dauert die Überfahrt?

Je nachdem. Wenn mich jemand nervt (was selten vorkommt), dann fahre ich schneller. Im Extremfall kann ich in zwei Minuten drüben sein. Normalerweise fahre ich gemächlicher, dann benötigen wir 8-10 Minuten.

Könntest du nach deiner jahrelangen Erfahrung nun deine Gäste grob in verschiedene Kategorien unterteilen?

Da tue ich mich schwer damit… Trotzdem: es sind zunächst die wenigen Touristen. Dann die Besucher (die in Basel jemanden besuchen), gefolgt von den Familien mit Kindern, die an diesem oder anderem Rheinufer wohnen, viertens die Stammkunden, will heissen meine Fährifreunde oder die Fährifans. Und fünftens die Lausbuben, ich nenne sie Quartiergangster.

Wie sicher ist der Fährimaa? Man könnte dich ja auch bedrohen oder ausrauben…?

Ach, das kann mich nicht beeindrucken. Ich denke, da hilft mir mein Ruf, ein grundanständiger, megalieber Mensch zu sein, der aber auch gut mit brenzligen Situationen umgehen kann. Ich habe schon eine Massenschlägerei mit rund 30 Leuten gestoppt an einem 31. Juli. Ich denke, ich habe ein grosses Quantum an Zivilcourage – dafür habe ich grosse Probleme damit, die Post aus dem Briefkasten zu nehmen und zu öffnen.

Irgendwo haben wir gelesen, du könntest dich zuweilen ziemlich aufregen. Stimmts? Wenn ja, worüber denn?

Das kann vorkommen. Zu Beginn des Corona-Lockdowns hat sich Christoph Blocher geäussert, man solle doch nicht soviel Rücksicht nehmen auf die Alten und die Kranken. Damals habe ich sein Verhalten als unmenschlich und zutiefst uneidgenössisch bezeichnet. 

Bei «20 Minuten» hattest du mal die Gelegenheit, frei von der Leber zu sprechen – unter dem Titel «Liebe Basler, liebe Schweizer». Worum gings da?

Das war auch während Corona. Es ging um den Turbo-Hyper-Konsum-Kapitalismus. Es ist doch so: Früher hiess es «Cognito ergo sum – ich denke, also bin ich». In den 1960er Jahren wurde dieser Spruch mit den Hippies und den Kuttlebutzer zu «Coito ergo sum». Und heute sind wir bei «Consumo ergo sum» – der Kaufsucht. Vor Jahren und Jahrzehnten war die Wirtschaft ein ganz wichtiger Teil der Gesellschaft. Heute hingegen ist die Gesellschaft ein immer unwichtiger Teil der Wirtschaft. Das ist krank, ungesund und macht uns kaputt – den Planeten und die Menschen. Und wir Milliarden wunderbarer Wesen sind nicht fähig, damit aufzuhören und Gegensteuer zu geben. Auch, weil wir immer die anderen dafür verantwortlich machen. So zeigen wir zum Beispiel auf die Kapitalisten, obwohl es die Menschheit im Ganzen ist, die schuld ist.

«Verzell du das em Fährimaa…» Weisst du, woher diese Redewendung stammt, die man zuweilen zu jemandem sagt, der einem eine unglaubliche, abstruse Geschichte auftischt?

Da gibt es ganz verschiedene Erklärungen und Geschichten. Eine ist: Fährimänner waren früher meist brotlose Künstler, und die Fähren wurden sogar vom damaligen Künstlerverein betrieben. Damals entstand auch das Bild des ständig alkoholisierten Fährimaa mit dem Stumpen im Mundwinkel. Ich denke, dieser Spruch kommt von da. Es könnte aber auch daherkommen, dass dem Fährimaa Vieles erzählt wird, Dinge, die man loswerden möchte. Wichtig ist dabei nicht, dass sich der Fährimaa in Jahren noch daran erinnern mag, was jemand zu ihm sagt. Viel wichtiger ist, dass ein Mensch in dem betreffenden Moment jemand hat, der ihm zuhört. Deshalb ist für mich Freundlichkeit so wichtig – Freundlichkeit als situative, momentane und bedingungslose Freundschaft.

Hat sich in den bald zwei Jahrzehnten etwas bei den Fahrgästen verändert?

Zu Beginn meiner Tätigkeit war etwa jeder dritte Fahrgast unzufrieden, hat über irgendwen geschimpft und gejammert. Heute sind es alles gute Leute, die die Fähre besteigen. Seit bekannt ist, dass ich aufhöre als Fährimaa, kamen zahlreiche Leute zu mir, die mir sagten, sie seien immer nur wegen mir gekommen. Da hat sich in diesen Jahren eine fast innige Freundschaft entwickelt. Und zwar mit den unterschiedlichsten Menschen.

Und du, hast du dich verändert in diesen 18 ½ Jahren?

Sicher. Heute bin ich einfach nur glücklich und dankbar!

Rémy, wieso hörst du Ende des Jahres auf mit deiner Berufung?

Mein Plan war es, die Pacht abzugeben an meinen besten Freund und Ablöser auf dieser Fähre, Stephan Weisskopf. Er war meiner Überzeugung nach der mit Abstand beste Kandidat. Er wollte es auch und ich hätte die Rolle als Ablöser übernehmen können. Das hätte mir, der Fähre und den Fahrgästen gut getan. Leider hat der Stiftungsrat dies anders gesehen; er hat den Nachfolger sogar schon bestimmt, bevor mir gekündet wurde. Es ist zwar ein Freund von mir, den ich seinerzeit ausgebildet habe, der sich mit mir aber völlig überworfen hat. Er will mich auch nicht als Ablöser fahren lassen.

Das tut weh, oder?

Ja, extrem!

Heisst das, dass du am 31. Dezember zur letzten Überfahrt ablegen wirst?

Ja, danach packe ich meine Habseligkeiten zusammen und verlasse die Fähre. Es ist traurig, so aufzuhören. Ich glaube aber, für meinen Nachfolger ist die Situation ebenfalls schwierig. Dennoch wünsche ich ihm alles Gute und dass er sein Glück findet.

Wie sehen nun deine Pläne für die Zukunft aus?

Ich werde mich mehr um meine Mutter kümmern, mit der ich zusammenlebe. Sie ist 89 Jahre alt und pflegebedürftig.

Sag mal, gibt es einen typischen Fährimaa-Spruch?

Es hat vermutlich jeder Fährimaa seine eigenen Sprüche. Bei mir ist es so: Wenn es einem Fahrgast gefallen hat und er sagt, er werde sicher wieder kommen, so entgegne ich zuweilen scherzhaft: Ja, das habe ich befürchtet…

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel