StartseiteMagazinGesellschaftKlimakrise mit Kunst und Kultur überwinden?

Klimakrise mit Kunst und Kultur überwinden?

«Wie wäre es, wenn Kulturschaffende und Kulturinstitutionen ihr einzigartiges Potential und ihre gesellschaftlichen Verflechtungen für Klimaschutz, mehr soziale Gerechtigkeit und «das gute Leben» auf globaler Ebene einsetzen würden?»

Dieses Zitat stammt aus dem Editorial der Zeitschrift «Ökologisches Wirtschaften» (S. 4), welche ihre jüngste Ausgabe dem Thema «Kultur und Nachhaltigkeit» gewidmet hat. Was können Kulturschaffende gegen die Klimakrise unternehmen?

Es ist klar, dass wir auf einem begrenzten Planeten nicht weiterhin der Überzeugung anhängen können, dass eine Erhöhung des materiellen Wohlstands automatisch mit einer Erhöhung des individuellen, gesellschaftlichen und globalen Wohlergehens einhergeht. Was nützt es, wenn immer mehr produziert und konsumiert wird und dabei die Umweltschäden zunehmen, Luft und Wasser verschmutzter werden, Dürren und Überflutungen sich abwechseln und zukünftige Generationen auf einem ausgeplünderten und die Gesundheit beeinträchtigenden Planeten leben müssen. Aber wie können wir uns vom Wachstumsparadigma verabschieden? Die Reichtümer sind unterschiedlich verteilt: «Die reichsten 10% der Menschen verdienen mehr als die Hälfte des globalen Einkommens, die ärmste Hälfte der Bevölkerung hingegen nur 8,5%; beim Wohlstand schneidet sie noch schlechter ab: Ihr gehört nur 2%, während die reichsten 10% über drei Viertel an Kapital und Ressourcen verfügen (Chancel 2022).» (S. 19) Verzicht mag für die Habenden edel sein, für Habenichtse ist sie eine Utopie. Eine vernünftige Reduktion des nationalen und globalen Grabens zwischen Arm und Reich ist deswegen unabdingbar, und darauf können Kulturschaffende in all ihren Kommunikationsformen immer wieder hinweisen.

Wohlbefinden ohne Wachstum?

Johannes Klement macht sich unter dem sperrigen Titel «Wie sollen wir leben? Postwachstum und nachhaltige Entwicklung im Kontext der hedonistischen Ethik» (S. 35-40) Gedanken zur Frage, wie wir Wohlbefinden in einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft definieren wollen. Ein schwieriges Unterfangen, denn einerseits versuchen Hedonisten in ihrem Handeln Lust zu erhöhen und Unlust zu vermeiden; anderseits ist das hedonistische Paradoxon zu berücksichtigen, welches besagt, dass das zunehmende Streben nach Lust die Gefahr erhöht, dass man Unlust oder Frust erntet. Deswegen schlägt Lukrez (99-53 v. Chr.) einen gemässigten Hedonismus vor: «Nach Lukrez sind Gier, Überfluss, Kriegsführung und die Seefahrt die Übel, in denen der Mensch seine grenzenlosen Begierden auslebt. Dies gilt es gemäss der hedonistischen Ethik zu überwinden» (S. 36) mit vernünftiger Überwindung von Ängsten und Begierden und einer guten Portion Selbstgenügsamkeit. Klement dazu: «In der ursprünglichen Definition bezeichnet Lust ein entspanntes, angenehmes, moderates Leben mit wenig Stress, Freude an der Arbeit, genügend Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, aber nicht zu viel, Wertschätzung der Natur und vor allem der Freude an Freund/innen mit ähnlichen Interessen» (S. 38)

Die vermüllte Erde auf dem Bildschirm mit Scheinlösungen umsorgen (Bild aus Pixabay)

Nachhaltigkeitsökonomen der Gegenwart haben das quantitative Konzept des Bruttoinlandprodukts (BIP) längst verabschiedet zugunsten anderer Indikatoren, die sich beispielsweise an den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der UNO oder am Konzept der Gross National Happiness (GNH) orientieren.

Nachhaltiger Hedonismus?

Klement plädiert für lustvolles, hedonistisches Leben, das Lebenszufriedenheit für alle ermöglicht. Deswegen muss das Luststreben objektiv und subjektiv gut sein: objektiv in dem Sinne, dass ökologische und planetare Indikatoren berücksichtigt werden und einer unökologischen Überflussgesellschaft für wenige eine Absage erteilt wird; subjektiv in dem Sinne, dass eine ganzheitliche Lebenszufriedenheit angestrebt wird mit materiellen, emotionalen, sozialen und geistigen Dimensionen, die allesamt zum subjektiven Wohlbefinden beitragen. Wachstum muss also neu verstanden werden als Wachstum von Wohlbefinden ohne Wachstum, oder besser einer Reduktion der Umweltbelastung.

Zeitschrift «Ökologisches Wirtschaften»

Der hier besprochene Text von Klement ist nur einer von vielen Texten in deutscher oder englischer Sprache zum Thema «Kultur und Nachhaltigkeit», welche Möglichkeiten von Kulturinstitutionen, Kunst- und Kulturschaffenden im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft aufzeigen. Das Inhaltsverzeichnis ist zugänglich auf https://www.oekologisches-wirtschaften.de/index.php/oew

Einige Artikel dieser Nummer sind jetzt schon einsehbar, alle sind nach einem Jahr Sperrfrist auch für Nichtabonnenten unter der oben angegebenen Adresse zugänglich, ebenso alle Artikel der Zeitschrift aus früheren Jahren. Diese wissenschaftliche Zeitschrift gibt für Interessierte brauchbare, utopische, hinkende, problematische, punktuelle, visionäre Anregungen hin zu einer sozial-ökologischen Wirtschaft.

Titelbild: Die mit einem roten Tuch “geschützte” Erde zerfliesst, wenn der Mensch seine Interessen gegen die Natur durchsetzen will. (Foto aus Pixabay)

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