Wie geht es dir?

Gesundheit ist das höchste Gut. An der Gesundheit hängt das Leben. Treffen wir nach längerer Zeit einen Bekannten, fragen wir oft: «Wie geht es dir?» Es kann auch heissen: «Geht es dir gut?» Darauf kann die Antwort lauten: «So viel ich weiss, ja oder schon!»

Die Frage, ob es jemandem gut gehe, löst oft die Schilderung einer langen Krankengeschichte aus. Sie fängt mit der Antwort an: «Es geht mir wieder besser», und die Höflichkeit gebietet zu fragen: «Was ist denn passiert?» Darauf folgt eine detaillierte, ausführliche Erzählung, die oft mit der Schlussfolgerung endet: «Ich hatte Glück im Unglück» oder «Ich weiss nicht, wie es weiter geht».

Niemand fragt: «Ist dir wohl?» Diese Frage wäre viel zu intim. Das Wohlsein hat eine umfassendere Dimension als die Gesundheit, setzt diese aber voraus. Mit der Frage «ist dir wohl» fragt man nach dem Selbstsein des Menschen in dem, was er seine Welt nennt. Ein Gespräch darüber würde weit über die einfache, medizinische Frage nach der Gesundheit hinausreichen.

Die Frage, ob es gut gehe, mit der Antwort: «Soviel ich weiss, ja», drückt eine Ahnung aus, dass ein gesundes, verborgenes und geheimnisvolles Leibgefühl vorhanden ist. In einer solchen Situation ist es dem Menschen wohl. Um dies zu beschreiben, bietet die Sprache das wunderbare Wort vom «Wohlsein» an. Es widerspiegelt ein Erfahrungswissen, das weit über den Zustand der medizinischen Gesundheit hinausweist.

Dieses Wohlgefühl besteht in der Erfahrung, sich eingebettet zu wissen in seinem nächsten Kreis. Der Mensch lebt in einer Harmonie mit sich selbst und ist zufrieden. Er hat ein geistiges Dach, das ihn schützt. In ihm waltet eine Heilkraft, die hilft, die ärztliche Kunst durch Selbstheilung zu vollenden. Fehlt die Heilkraft, sind die Erwartungen an die ärztliche Kunst und Wirkung von Medikamenten vielleicht zu hoch.

Die ärztliche Kunst kann zwar helfen, aber ohne Akzeptanz der Lebenssituation im Ganzen stellt sich das Wohlbefinden nicht ein. Jeder Mensch ist ein Philosoph, denn er beschäftigt sich mit seinem Leben und dem Tod. Horcht er auf sich und den Leib, erfährt er, ob er mit der Natur und ihrem Rhythmus von Schlafen und Wachen und von Sterben und Werden im Einklang steht.

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Gesundheit und Wohlbefinden. Nimmt jemand die Krankheit an, kann er sich trotzdem wohl fühlen. Meine jüngere Tochter ist an MS erkrankt, was ihr Leben sehr beschwerlich macht. Sie hat ihre Erkrankung als schicksalhaft akzeptiert. Sie weiss, dass sie zu ihrem Wohlbefinden viel beitragen muss und fühlt sich, trotz Unterstützung von treuen Helferinnen, mitverantwortlich, ihrem Leben einen guten Sinn zu geben. Sie ist im Umgang mit ihrer Erkrankung mein Vorbild, lässt mich immer wieder neu demütig und für meine robuste Gesundheit dankbar sein. Wie sollte ich aufbegehren, wenn mich ein Husten oder gar eine Grippe quält? Es gibt für mich nichts anderes, als Geduld aufzubringen, auf den Körper mit seiner Heilkraft zu vertrauen und Medikamente, die mir der Arzt empfiehlt, zu nehmen. Wenn sich die Gesundheit wieder einstellt, darf ich zurückfinden zu dem, was ich mein Wohlbefinden nenne.

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