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Mit Schamröte im Gesicht

«Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.» Wem ist dieser Satz nicht geläufig, immer würdig zitiert im Rütli-Schwur in Friedrich Schillers Schauspiel «Wilhelm Tell». Wir wissen nicht, ob die alten Eidgenossen der Urschweiz ihn tatsächlich in dieser oder in einer ähnlichen Art geschworen haben. Wir wissen aber, dass General Henri Guisan am 25. Juli 1940, als Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, sämtliche höheren Offiziere ab dem Grad Major zum Rapport auf die Rütliwiese befohlen und sie eingeschworen hat zum Widerstand gegen die Achsenmächte Deutschland und Italien, gegen das Nazi-Regime Hitlers, gegen Mussolinis Ständeregime Italiens, aggressive Unrechtsregime in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

In Luzern sind die 650 Offiziere eingeschifft und auf den Raddampfern des Vierwaldstättersees, eng zusammengepfercht, auf die Wiese vis-a-vis Brunnens befördert worden. „Wie konnte er nur“, fragten wir uns, als nachfolgende Generation? Welch leicht erkennbares Ziel gaben die Schiffe ab, wie schnell wäre die ganze damalige Führungsetage der Schweizer Armee zu vernichten gewesen.

Ein ähnliches Gefühl erfasste mich, als ich am Montag US-Präsident Joe Biden in den TV-Nachrichtensendungen sah, wie er eine Ehrenkompanie im Herzen Kiews abschritt, wie er Wolodymyr Selenskyj, den Kriegspräsidenten des überfallenen Landes, in die Arme schloss, während die Sirenen Fliegeralarm auslösten. Welch leicht erfassbares Ziel haben sie abgegeben. Wohl zum „Schutz“ haben die USA Moskau darüber kurzfristig ins Bild gesetzt.

Symbolik überall. Erinnerungen werden wach. Es war in der Unteroffiziersschule in Luzern, in der kalten Betonkaserne auf der Allmend. Es war ein trüber, kalter Februarmorgen, wir waren versammelt in einem Speisesaal kurz nach dem Morgenessen, es war dunkel draussen, kurz vor 7 Uhr. Ein schummriges Licht tauchte uns ein in eine anonyme Ansammlung, noch den Schlaf in den Augen, das karge Morgenessen im Bauch. Alle schnellten auf: Ein Oberstleutnant, ein eleganter, schneidiger Generalstabs-Offizier in einer eng sitzenden Uniform erschien. Er hatte uns in einer der wenigen Theoriestunden einzuführen, in das, was uns in einem Verteidigungsfall abverlangt würde: Töten. Ja, wir hätten im Ernstfall die Schweiz zu verteidigen, die Freiheit, die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit, unsere Familien, mit Leib und Seele. Er legte los und zitierte, wie konnte es anders sein, den Rütlischwur. Letztlich würde sich die Bereitschaft, töten zu wollen und zu können, im Schützengraben entscheiden: es ginge dort darum, den Kameraden zu schützen, ihm das Überleben zu sichern, im gegenseitigen Interesse. Es gehe um die Kameradschaft. Und ganz entscheidend um die Moral, um die bestmögliche Ausbildung, weshalb wir auch hier seien. Wir sind erschlagen. Es werden keine Fragen gestellt. Mit hängenden Köpfen verliessen wir den Saal, zogen in unseren Unterkünften im Eiltempo das grüne Ausbildungstenü an. Wir hatten uns in den nächsten Wochen die „bestmögliche Ausbildung“ anzueignen, das Handwerk des Soldaten, letztlich das Töten zu erlernen.

Über 58 Jahre später: Jeden Tag sehe ich, sehen wir in TV-Reportagen ukrainische Soldaten in den Schützengräben, die das tun, von dem wir alle verschont blieben: Töten. Sie verteidigen die Ukraine, ihr Land. Stellen sich den brutalen Angriffen der russischen Armee Putins entgegen. Tun das, zu dem wir damals ausgebildet wurden.

Ich frage mich: Wo steht die Schweiz heute mit ihrer immerwährenden bewaffneten Neutralität? Wie weit kann sie bei diesem eklatanten Völkerrechtsverbrechen neutral bleiben? Bei den staatlichen Finanzhilfen steht sie jedenfalls auch nicht besonders gut da. Nach vorliegenden Statistiken liegt die offizielle Schweiz mit rund 240 Millionen Euro auf Rang 32 von 40 erfassten Ländern. Die USA dagegen sind mit rund 73 Milliarden Franken klar Nummer eins. Die EU-Länder bringen es zusammen, einschliesslich der EU-Hilfen, auf knapp 55 Milliarden Euro. Bei den militärischen Hilfen tut sich die Schweiz besonders schwer. Die Parteien im Parlament ranken, streiten gar zeitraubend um Lösungen. Und wo sich jetzt eine kleine Lösung abzeichnet, von FDP und SP erarbeitet, wie die ins Ausland geliefert Waffen doch in die Ukraine weitergereicht werden könnten, stemmt sich der Bundesrat dagegen.

Für die Ukrainer gilt «lieber (statt eher) sterben, als in Knechtschaft leben». Die alten Eidgenossen hätten sie verstanden. Die heute politisch verantwortlichen Eidgenossen bangen – in ihrer Mehrheit – um die Rechtssicherheit bei der Neutralität, bei indirekten Waffenlieferungen, bei den gigantischen Vermögen der russischen Oligarchen, indem sie diese Rechte auf die gleiche Ebene wie das Völkerrecht stellen, letztlich wie das Töten. Schamröte steigt mir ins Gesicht.

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4 Kommentare

    • Danke für diesen Link! Ohne Berücksichtigung des geschichtlichen Hintergrundes kann man m.E. das Thema Neutralität nicht diskutieren.

  1. 1.Damals ging es um ein paar hundert Menschen, heute um Millionen
    2. damals gab es keine Atombombe
    3. die Regierungen in Russland und der Ukraine sind sich sehr ähnlich, auch hier bitte keine Vergleiche mit den damaligen Verhältnissen!

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