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Bittersüsse Nachmittage

Das bisher letzte Buch, das der Erfolgsautor Ferdinand von Schirach veröffentlicht hat, trägt den Titel «Nachmittage» – vielleicht die beste Zeit zum Plaudern.

Würden Sie ein Buch mit einem solchen Titel in die Hand nehmen, wenn Sie nicht wüssten, dass der Autor Ferdinand von Schirach heisst? Von diesem, Jurist, Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Schriftsteller, erwarten wir kriminalistische Spannung, aber auch Stoff, um über die Welt und den Menschen nachzudenken. Denn dieser Autor hat neben vielen anderen Erzählungen auch Theaterstücke geschrieben, die Anlass zu Diskussionen gaben, darunter das Stück «Gott».

Das vorliegende Buch enthält 26 Texte, kürzere und längere. Die längeren handeln vorwiegend von Begegnungen des Autors in den verschiedensten Weltgegenden. Als international erfolgreicher Schriftsteller reist der Autor nach Taipeh und Tokio, nach Marrakesch und New York, nach Paris oder Pamplona. Er hält sich stets an erstklassigen Orten auf. In Tokio steigt er in dem Hotel ab, wo der Film Lost in Translation gedreht wurde, weil er die Atmosphäre dort geniessen will. In Marrakesch gibt er sich als weltläufiger Kenner, geht nicht auf den Vorschlag seines Verlegers ein, den berühmte Platz Djemaa el Fna zu besuchen, sondern zieht sich lieber in den ruhigen Garten des Hotels La Mamounia zurück.

Überall trifft er auf Menschen, die ihm ihre Geschichte erzählen. Gerade in Marrakesch tritt ein Mann an seinen Tisch, den er Jahre früher in Berlin verteidigt hat. Dieser Mann, der damals freigesprochen wurde, erzählt ihm nun seine ganze Geschichte. Und was für ein schillerndes Leben dahinter verborgen war, das erfährt der Ich-Erzähler erst auf der Terrasse von La Mamounia.

Eigenes in Literatur verwandeln

Ferdinand von Schirach ist bekannt dafür, dass er in seinen erzählenden Werken autobiografisches Material benutzt. Inwieweit er jedoch alle Ereignisse selbst erlebt hat, bleibe dahingestellt. Autofiktionales Schreiben ist im 21. Jahrhundert weiter verbreitet denn je. Einem raffinierten Schriftsteller wie von Schirach ist durchaus zuzutrauen, dass er mit Fiktion und Autobiografie spielt. Zumindest kokettiert er verschiedentlich mit den Vorzügen, mit den «Schönen und Reichen» zu verkehren.

Keine tiefschürfenden Überlegungen bestimmen den Gang der Unterhaltungen. Es werden nicht die Fragen um Die Würde des Menschen oder Terror erörtert, sondern das erzählende Ich tauscht – zumeist im Gespräch mit anderen – Erlebnisse und Erfahrungen aus, notiert Beobachtungen und Einfälle aus seinem mittlerweile 59-jährigen Leben. Ein wenig kokett wirkt sein leicht ironisches Hadern mit seinem Alter. Er fühlt sich manchmal müde, hat keine Lust mehr auf eine Unterhaltung. Aber wenn es sich bei seinem Gegenüber um eine attraktive, intelligente Frau handelt, ist er hellwach.

Ein Spiel mit Unerwartetem

Die längeren Erzählungen entbehren nicht der Spannung, sind weder banal noch langfädig. Allerdings musste ich an einigen Stellen an gewisse teure Hochglanzmagazine denken, in denen solche Geschichten wohl abgedruckt werden könnten.

Zwischen diese Erzählungen von ungefähr zwanzig Seiten sind kurze Texte eingeschoben. Was an sich keine schlechte Idee ist: Prägnante Beobachtungen können zu weiterem Nachsinnen anregen. Hier präsentiert der Autor oft seine gepflegte klassische Bildung, spricht von Thomas Mann, Anselm Kiefer und Ingeborg Bachmann, von Pontius Pilatus oder berichtet von der Tänzerin Isadora Duncan und dem russischen Dichter Sergej Jessenin, die beide einen schrecklichen Tod erlitten. Da denkt die Leserin: Bescheidenes Schweigen wäre an dieser Stelle weiser gewesen.

Ferdinand von Schirach Foto: Paulus Ponizak / wikimedia.org.

Anschliessend an das grelle Aperçu über Isadora Duncan folgt eine der gelungensten Geschichten. Eine Berufskollegin erzählt dem Autor von einer exklusiven grünen Uhr, einer Einzelanfertigung, ein Geschenk eines berühmten Klienten. Eines Tages sieht sie diese Uhr am Arm eines jungen Filmstars. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Im letzten Text findet Schirach zu einem sanft-traurigen Ton. Während er eine Figur von Alberto Giacometti betrachtet, wofür er extra von Berlin nach Duisburg ins Museum gefahren ist, sieht er nicht nur die Schönheit von Giacomettis Modell, sondern erinnert sich an seine eigene Geliebte, – nur Sie nennt er sie. Die Ehrlichkeit in seiner Trauer, sie verloren zu haben, überzeugt.

Es bleibt das Fazit: Nachmittage sind alles andere als langweilige Lesestunden.

Ferdinand von Schirach: Nachmittage. Luchterhand Verlag 2022. 176 Seiten.
ISBN: 978-3-630-87723-5

Titelbild: In Wien Kaffee trinken Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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