StartseiteMagazinGesellschaft«Ich weiss nicht mehr, wie Besuch geht»

«Ich weiss nicht mehr, wie Besuch geht»

Die Ostschweizer Fachhochschule startete ihre Ringvorlesung zum Thema «Einsamkeit  – ein individuelles Schicksal oder gesellschaftliches Versagen?» mit einer Podiumsdiskussion im Raum für Literatur in der Hauptpost St. Gallen.

Zum Thema «Einsamkeit» tauschten sich Bischof Markus Büchel, Stadträtin Sonja Lüthi, der Haus- und Amtsarzt Alfons Loher, Sarah Horsch, leitende Sozialarbeiterin der Psychiatrie St. Gallen, Claudia Schnetzler von der Dargebotenen Hand und Birgit Janka von der Pro Senectute St. Gallen untereinander und mit dem engagierten Publikum aus. Alle Podiumsteilnehmenden zeigten ihre intensive berufliche Verbindung zu einsamen Menschen auf. Es folgte ein multiperspektivischer Austausch. Die Diskussion leitete Steve Stiehler, Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule OST.

Einsamkeitsfallen

Einsamkeit als ungewolltes Alleinsein kann auftreten, wenn man aus dem sozialen Netz rausfällt wegen physischen oder psychischen Beeinträchtigungen, wegen Arbeitslosigkeit, Armut oder Ausgrenzung. Besonders gefährdet sind gesellschaftlich schlecht integrierte Jugendliche, ebenso Pensionierte und Menschen aus anderen Kulturen, wenn sie aus sprachlichen Gründen Kommunikationsschwierigkeiten haben.

Einsamkeit kann aber auch als individuell wahrgenommener Mangel an erfüllenden Beziehungen empfunden werden. So können Eheleute einsam sein oder Familienmitglieder, die sich über längere Zeit nicht verstanden fühlen. Arbeitskräfte können in einem Betrieb vereinsamen, wenn sie nicht wertgeschätzt, wie Luft behandelt oder gemobbt werden. Jugendliche können sich in Schule oder Freizeit ausgegrenzt fühlen. Freundschaften scheitern oder werden aus Zeitmangel kaum gepflegt. Zudem kann oberflächliche Geselligkeit das passende Gschpänli nicht ersetzen.

Alleinsein kann aber auch guttun. Gewisse Mussestunden können allein erholsamer sein. Für kreatives Schaffen oder spirituelle Erfahrungen muss man sich gelegentlich ausklinken aus dem sozialen Netz.

Worte aus der Podiumsdiskussion:

Bischof Büchel: «Es tut nicht gut, dass der Mensch allein sei.» (1. Mose 2:18)

Sonja Lüthi: Partizipative Altersstrategie! Integrative Jugendarbeit! Niederschwellige Angebote! Begegnungsorte im Quartier!

Birgit Janka:  «Ich weiss nicht mehr, wie Besuch geht.» (Zitat einer Klientin der Pro Senectute)

Alfons Loher: Ich wünsche in der ganzen Stadt Nachbarn, die füreinander feinfühlig da sind, wenn einer was braucht.

Sarah Horsch: Das soziale Netz muss so engmaschig sein, dass niemand rausfällt.

Claudia Schnetzer: Mögen Einsame den Mut haben, auf andere zuzugehen und mögen gut Integrierte den Mut haben, auf Einsame zuzugehen!

Wege aus der Einsamkeit

In einer Gesellschaft, wo viele Schmiede an ihrem persönlichem Glück rumhämmern und ihre Selbstverwirklichung suchen, wo mit digitaler Kommunikation Zeit gespart wird, wo man aneinander vorbeihetzt, wo narzisstische Versuchungen lauern und der Egokult seine Blüten treibt, gibt es viele Wege aus der Einsamkeit: Beziehungen pflegen, eine wohlwollende Haltung entwickeln, füreinander da sein, mit Verständnis und Empathie füreinander sorgen. Stimmen aus dem Publikum machten Mut mit attraktiven Beispielen von Freiwilligenarbeit und der Freude am gemeinsamen Engagement für eine gute Sache.

Hier geht es zur Website der Ringvorlesung und 
zum Flyer zur Ringvorlesung über Einsamkeit zum Ausdrucken

Titelbild: Auf dem Podium (v.l.) Markus Büchel, Sarah Horsch, Sonja Lüthi, Birgit Janka, Claudia Schnetzler, Alfons Loher (Foto bs)

 

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