Ein Liebes-Trio

In einer marokkanischen Altstadt schneidern Halim und seine Frau Mina kostbare Kaftane, bis der neue Lehrling Youssef beim Meister unterdrückte Gefühle weckt, was auch die Ehefrau wahrnimmt und neue Beziehungen entstehen. Maryam Touzani schuf mit «Le Bleu du Caftan» ein wunderbares, zukunftsweisendes Melodrama.

Mit ihrem vielfach preisgekrönten Debütfilm «Adam» hat sich die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani international einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Spielfilm «Le Bleu du Caftan» erzählt sie von einer verbotenen Leidenschaft unter Männern und gleichzeitig einer tiefen Liebe eines Ehepaares, überwindet damit ein Tabu und entführt uns in die sinnliche Welt einer Kaftanschneiderei, all dies von einem grossartigen Team in Szene gesetzt.

Wie es zum Film kam

Aus einem Interview mit der Regisseurin: «Während der Suche nach «Adam», meinem ersten Spielfilm, begegnet ich in der Medina von Salé einem Mann, der einen Friseursalon für Damen betrieb. Er hatte den Charakter von Halim (Saleh Bakri) in meinem neuen Film stark inspiriert. Ich fühlte etwas von der Ordnung des Unausgesprochenen und dem Leid des Unterdrückten in seinem konservativen Umfeld. Weil er mich tief berührt hatte, habe ich viel Zeit mit ihm verbracht. Eines Tages nahm diese Geschichte dann Gestalt an und ich musste sie erzählen. Aus dem Friseur wurde ein «Maalem», ein Kaftanschneidermeister.

Ein alter Kaftan meiner Mutter hat mich immer fasziniert. Schon als kleines Mädchen habe ich ihn schön gefunden und wünschte, dass ich ihn einmal tragen werde. Jahre vergingen, eines Tages trug ich ihn und erkannte, wie wertvolle solche Kleidungsstücke sind, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und ihre Geschichten erzählen. Die Handwerker, die sie in monatelanger Arbeit schaffen, hinterlassen darin Spuren ihrer Seele. So hat mein Kaftan einen Platz im Film erhalten.

Für die Handwerksberufe, die allmählich verschwinden, verspürte ich schon immer eine grosse Liebe. Denn in deren Tradition gibt es eine Schönheit, die sagt, wer wir sind und was unsere DNA ist. Ich glaube, das ist eine Tradition, die bewahrt werden muss, derweil andere es verdienen, abgeschafft zu werden. Es berührt mich tief, wie die Kaftanschneider verschwinden, weil unsere schnelllebige Gesellschaft diese Arbeit nicht mehr wertschätzt. Wo ich kann, bleibe ich stehen, nehme mir Zeit, beobachte sie. Diese Arbeit inspirierte mich.»


Der Lehrling und der Meister

Das Liebes-Trio

In den Mittelpunkt von «Le Bleu du Caftan» stellte die Regisseurin eine starke Frau, die versucht, ihren Mann, der unter gesellschaftlich-moralischen Verboten leidet, zu unterstützen und damit in ihrer Partnerschaft dominiert. An ihrer Seite wirkt Halim (Saleh Bakri) gelegentlich zurückhaltend, fast zerbrechlich, weil seine Art zu lieben verboten ist. Mit Leib und Seele stürzt er sich deshalb in die Arbeit als Kaftanschneider. Wenn er arbeitet, heilen seine Wunden, lebt er mit seinen zauberhaften Kleidern auf. Seine Paarbeziehung wandelt sich im Laufe der Zeit. Mina (Lubna Azabal) ist für Halim Ehefrau und Mutter. Beide definieren ihre Liebe immer wieder neu. So, als der Lehrling Youssef (Ayoub Missioui) in ihren Betrieb und ihr Leben tritt. Dieser weckt Halims Eros und Minas Eifersucht. Bald wird er zum dritten Familienmitglied. Zwischen ihnen entwickelt sich Neues. Denn es geht um ihre Liebe, die das ist, was sie bereit sind, für die Liebe zu tun. Mina sieht, dass ihr Mann glücklich ist, wenn es ihm gelingt, sich selbst liebend zu akzeptieren. Dies wird möglich, obwohl oder gerade weil Mina tief religiös ist. Lieben bedeutet für sie mehr als Sex. Und so werden Mina, Halim und Youssef ein Liebes-Trio – das in der ganzen Tiefe ihrer gelebten Lebensform als Anregung zu neuem Denken und Handeln dienen kann.

Das Paar, ausnahmsweise im Ausgang

Krankheit als Chance

Mina erkrankt an Brustkrebs. Da stellt sich die Frage, ob ihre Krankheit als eine Folge oder ein Symbol für die Abwesenheit von Sexualität in ihrem Leben zu deuten ist? Denn sie durchlebt eine lange sexuelle Einsamkeit. Wirkt sich Halims Abstinenz ihr gegenüber so aus? Der Film gibt keine erkennbaren Gründe für diese Annahme. Sie lässt sich eine Brust entfernen und kämpft weiter, ist nicht passiv, sondern entscheidet, sich nicht mehr weiter behandeln zu lassen, sondern dem Leben seinen Lauf zu lassen. Es gibt Dinge, die über uns entscheiden. Sie nimmt ihre Krankheit als Schicksal, vielleicht sogar als Chance. Sie ist sehr religiös, hat einen tiefen Glauben, der ihre Liebe nochmals neu belebt, eine Spiritualität, die sich auszahlt. Aus religiöser Sicht ist Homosexualität eine Sünde. Dem steht entgegen, dass sie Halim sehr liebt, und ihr Glaube sagt ihr, dass Liebe mehr ist als Sex. Daraus schöpft sie die Kraft, dafür zu sorgen, dass ihr Mann so leben und lieben kann, wie er will und muss.

Eine belastende Beziehung

Ein Film des Unausgesprochenen

Der Friseur, der Touzani einst inspiriert hat, lebte mit Unausgesprochenem. Und so ist auch der Film um Unausgesprochenes herum inszeniert: mit Blicken, Schweigen, Gesten, Bewegungen, Tönen und Musik. Alles ist liebevoll, wunderbar und sinnlich. Die Regisseurin hatte bereits bei «Adam» mit der Kamerafrau Virginie Surdej gearbeitet. Entstanden ist beide Mal ein sinnlicher Film, ein Film, der Sinn macht. Wenn Halim die Stoffe berührt, wollte die Kamerafrau, dass die Zuschauer diese Stoffe in ihren Händen spüren. Auch die Zusammenarbeit mit Rafika Benmaimoun, dem Kostümbildner, unterstützt das Sichtbare und Hörbare, das Unausgesprochene. Mit ihm wurde zum Voraus intensiv über die Farben und Texturen der Kleider diskutiert.

Der in Israel geborene palästinensischer Schauspieler Saleh Bakri beeindruckt in der Rolle als Halim, in der Stille wartend, beobachtend, handelnd. Der Darsteller fällt durch seine Schauspielkunst und seine Sensibilität auf. Als er angefragt wurde und das Drehbuch gelesen hatte, verliebte er sich gleich in Halims Charakter. Er verstand, wer dieser Mann ist und was seine Tränen bedeuteten. – Der junge Ayoub Missioui, der von aussen als Lehrling Youssef zum Paar stösst, spielt eine zurückhaltende, doch wichtige Rolle, der die Entwicklung der Handlung vorantreibt. – Die belgisch-marokkanisch-spanische Schauspielerin Lubna Azabal fällt auf durch ihre überzeugende Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit. Denn Mina lebt mit der unausgesprochenen Homosexualität ihres Mannes, welche sie akzeptiert, weil sie ihn liebt. Das bedeutet ihre Stärke, aber auch ihr Leid. Sie verkörpert Mina auf aussergewöhnliche Weise. Bereits bei «Adam» hat sie mit der Regisseurin zusammengearbeitet. Als Mina im Film in dem Zustand war, bald sterben zu müssen, hörte sie, dass ihr eigener Vater ernsthaft erkrankt sei und bald sterben werde; am letzten Drehtag verstarb er. Zuvor hatte Lubna gehungert, um Mina so realistisch wie möglich zu verkörpern, den Tod im eigenen Körper spürend.

Mina und Halim in der Werkstatt

Liebe braucht Freiheit

«Le Bleu du Caftan» in Marokko zu drehen, war für Maryam Touzani zweifellos ein mutiges Unternehmen. Denn die alles umfassende, wenn auch zurückhaltend gezeigte These, homosexuelle Liebe als verbotenen Tatbestand darzustellen, verlangt Mut. Homosexualität wird in Marokko mit dem Artikel 489 des Strafgesetzbuches bestraft, was 6 Monate bis 3 Jahre Gefängnis bedeuten kann. Denn diese Form des Lebens ist nicht nur ein Tabu, sondern gilt als Verbrechen. Doch auch grossen Respekt ist der Filmemacherin zu zollen, denn es gibt nichts Schöneres als Liebe zwischen zwei Menschen, und dies zeigt sie berührend und überzeugend.

Vielleicht kann ein Film wie dieser, mit solcher Schönheit und cineastischer Intelligenz, doch einmal etwas verändern oder wenigstens Diskussionen anregen für Veränderungen. Deshalb scheint es mir wichtig, Geschichten wie diese von Halim, Mina und Youssef zu erzählen. Denn «Le Bleu du Caftan» ist ein Film über die Freiheit, zu sein, wer man ist, zu lieben, wen man will, als Mann, Frau und dem Dazwischen.

Titelbilc: Youssef, Mina, Halim (v.l.)

Regie: Maryam Touzani, Produktion: 2022, Länge: 118 min, Verleih: Filmcoopi

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