Was wir glauben

Spiritualität online, Gott-ähnliche Algorithmen, digitale Dreifaltigkeit, Putins Propaganda, ökonomische Glaubenssätze, vertrauensvolle Wissenschaft, gezielte Desinformation und Verschwörungstheorien: Das Dossier im neuen UZH Magazin beleuchtet, weshalb wir an Dinge glauben oder nicht.

Die Digitalisierung verändert nicht nur, wie wir uns informieren und wie wir kommunizieren, sondern auch, wie und was wir glauben. Unsere Lebensentwürfe und Weltbilder werden pluraler und individueller. Damit verlieren vormals einflussreiche Institutionen wie die traditionellen Medien, die Wissenschaft oder die Kirche einen Teil ihrer Deutungsmacht. Diese wird konkurrenziert von einer Vielzahl alternativer Welterklärungen, die dank Internet und Social Media ein globales Publikum erreichen können. Das ist einerseits eine Befreiung von Zwängen und Konventionen, andererseits erschwert diese Vielstimmigkeit die Orientierung.

Allmächtige Algorithmen

Im Dossier des neuen UZH Magazins wird auf dem Hintergrund der Forschung an der Universität Zürich beleuchtet, wie sich Glaube und Spiritualität verändern und welche Rolle dabei die (neuen) Medien spielen. Dabei spielen absolute Wahrheiten, wie sie Religionen zuweilen vermitteln, immer weniger eine Rolle. Das bedeutet etwa, dass viele sich von den spirituellen Angeboten jenen zuwenden, die ihnen gerade guttun, sagt die Theologin Sabrina Müller vom Universitären Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)».

Statt an den lieben Gott glauben manche Menschen mittlerweile an die Allmacht von Algorithmen. Diese spielen in unserem Alltag eine immer wichtigere Rolle.  Indem sie uns bestimmte Informationen anbieten und andere vorenthalten, beeinflussen sie, wie wir die Welt wahrnehmen. Mit dem Göttlichen gemeinsam haben Algorithmen, dass ihr Tun und Lassen zuweilen unergründlich ist – manchmal wissen nicht einmal ihre Schöpfer genau, was sie treiben und weshalb. Die neue Macht der Algorithmen, Daten und Plattformen und die damit verbundenen Heilserwartungen bezeichnet der Kommunikationswissenschaftler Michael Latzer als die «digitale Dreifaltigkeit».

Verdrehte Realität

Trotz modernster Technologien genügen weit einfachere Mittel, um Weltbilder von Menschen zu beeinflussen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Putins Russland. Die russische Staatspropaganda manipuliert die Bürgerinnen und Bürger mit Gegenerzählungen zum Krieg in der Ukraine. Wie die Slawistin Sylvia Sasse mit ihrer Forschung zeigt, wird dabei die Realität so verdreht, dass die Menschen nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Sie werden vom Staat und von den staatlich kontrollierten Medien manipuliert und mürbe gemacht, die damit ihre Macht festigen, sagt Sasse.

Desinformationen in die Welt zu setzen, ist dank Internet und Social Media ein Kinderspiel geworden. Erstaunlicherweise finden auf diesem Weg auch obskure Verschwörungstheorien ein (leicht-)gläubiges Publikum. Gegen das allgegenwärtige Virus der Desinformation helfen Wachsamkeit und kritisches Denken. Wir sollten versuchen, uns gegen Fake News zu immunisieren, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Sabrina Kessler. Sie gibt dazu ganz konkrete Tipps, wie etwa die Quelle der Informationen zu checken und «langsamer» zu denken.

Titelbild: Auf den Wellen des Vertrauens: Das aktuelle UZH Magazin beleuchtet, was Menschen glauben – und was nicht. (Bild: Gefe)

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