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Will Eisner: Urvater des illustrierten Romans

William Erwin Eisner war ein US-amerikanischer Comic-Zeichner. Dem Urvater der «Graphic Novel» (illustrierter Roman) widmet das Cartoonmuseum Basel eine Ausstellung.

Eisner (1917 – 2005) wuchs in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in New York auf. Er hatte jüdische Eltern. Die Mutter kam aus Rumänien und der Vater aus Österreich. Dieser arbeitete als Bühnenbildmaler beim jüdischen Theater. Der Sohn trug durch das Verkaufen von Zeitungen zum Familienunterhalt bei. Seinen ersten Comic, der die Armut in der Bronx thematisierte, veröffentlichte Will 1933 in einer Schülerzeitung. Er besuchte die «Art Students League of New York». Aufgrund finanzieller Probleme der Familie musste er die Schule mit 19 Jahren verlassen.

Illustrierte Alltagsgeschichten aus dem Wohnblock (1983).

Ab 1936 zeichnete der junge Eisner für die Zeitschrift «Wow! What a Magazine» die Comics «Captain Scott Dalton», «The Flame», und «Harry Karry». Diese Werke hängen am Anfang der Basler Ausstellung. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jerry Iger gründete er das Studio «Eisner & Iger», um selbst Comics zu produzieren und zu verkaufen. Für das Studio arbeiteten auch Bob Kane, Mort Meskin und Jack Kirby. 1939 erhielten die Zeichner den Auftrag für ein 16-seitiges Comic-Heft, das als Zeitungsbeilage vertrieben wurde. Die erste Ausgabe erschien 1940 und erhielt neben anderen Comics auch die erste Folge von Eisners eigener Reihe «The Spirit». Dann trennte er sich von Iger, um sich hauptsächlich der Weiterentwicklung von «The Spirit» zu widmen.

The Spirit und die kleinen Leute

Ein Grossteil der Ausstellung ist einer Comic-Serie gewidmet: «The Spirit» wurde von 1940 bis 1952 als achtseitiger Beitrag mit anderen Serien in einer sonntäglichen Comicbeilage veröffentlicht. Die Figur war vordergründig ein Gangsterjäger mit Maske, doch für den Zeichner stand nicht der Held im Vordergrund. Viel lieber erzählte er die Geschichte der kleinen Leute, den Verlierern der Gesellschaft. Mit Hilfe der Zeichnungen nutzte der Künstler die Chance, mit Illustrationen ein erwachsenes Publikum zu fesseln. Er machte aus dem Comic ein eigenständiges künstlerisches Medium, den illustrierten Roman, eine Form von Storytelling in Buchform.

Thema: Die kleinen Leute: Verlierer der Gesellschaft (1940-1952).

Eisner war stark vom Film beeinflusst und experimentierte mit zahlreichen gestalterischen Mitteln wie Schatten und ungewöhnlichen Blickwinkeln. Da er sich nicht auf ein Genre festlegen wollte, ist «The Spirit» gleichzeitig Kriminalroman, Liebesgeschichte, Mystery, Horror, Drama und Komödie, weist jedoch auch deutliche Parallelen zu «Robin Hood», «Dick Tracy» und «Batman» auf. Die Serie setzte sich wegen der grafischen und erzählerischen Qualität deutlich von anderen Publikationen dieser Zeit ab. In den USA wurde die grafische Innovation sehr populär und erschloss den professionellen Zeichnern und Herausgebern neue Publika.

Instruktions-Comics für die Armee

Nach der Einstellung der Serie arbeitete Eisner ab 1942 bis in die 60er Jahre als Illustrator für die «United States Army» und das Arbeitsministerium. In der Ausstellung wird deutlich, dass der Künstler ein Einkommen erzielen musste, um zu überleben. Ziel dieser Armee- Zeichnungen war eine erzieherische: Eisner sollte den Soldaten in Korea (50er Jahre) und Vietnam (60er Jahre) einen verantwortungsbewussten, sparsamen Umgang mit dem anvertrauten Material, einen sachgerechten Gebrauch und die richtige Pflege und Wartung der Waffen beibringen. Untersuchungen ergaben, dass die Eisners Instruktions-Comics bei den Lesern grössere Lernerfolge hatten als die gewöhnlich trockenen Beschreibungen.

Die Erfindung der «Graphic Novel»

Menschliches Verhalten aus dem Blickwinkel des Wurms (1981).

Die Bewegung der Underground-Comics befreite das Medium Ende der 60er Jahre aus dem restriktiven Griff seiner Kritiker. Eisner nutzte seinen ebenso frischen wie freien Geist und veröffentlichte 1978 im Alter von 61 Jahren die Serie «Ein Vertrag mit Gott». Die Publikation wurde zur ersten modernen «Graphic Novel» der Geschichte: keine Helden, kein spezielles Genre, kein Slapstick, stattdessen Erzählungen über ganz normale Menschen. Der Comic war, so wird in der Ausstellung klar, endlich zu Literatur geworden, zu grafischer Literatur.

«Ein Vertrag mit Gott» ist ein Meilenstein in der Geschichte der Comic-Bewegung. Schauplatz ist ein Mietshaus in der Bronx, während der Grossen Depression in den 30er Jahren. Eisner erzählt in vier abgeschlossenen Geschichten von den unterschiedlichen Bewohnerinnen sowie Bewohnern und deren Schicksalen.

Rabbi Hersh: Ein vom Schicksal gezeichneter Vater (1978).

Am berühmtesten ist die Titelgeschichte: Rabbiner Frimme Hersh kehrt im strömenden Regen von der Beerdigung seiner Tochter Rachele heim. Er hat immer gottgefällig gelebt. Ausserdem ist er den Progromen in Osteuropa entronnen und hat Rachele als Findelkind grossgezogen. Deren Tod trifft ihn schwer.

Der bis zu diesem Zeitpunkt gottesfürchtige Rabbi ist nicht bereit, Gott zu verzeihen. Er verliert den Glauben an den Allmächtigen und hängt seine Kippa an den Nagel, wird Immobilienspekulant. Als er ein beträchtliches Vermögen angehäuft hat, kehrt er zum Rat seiner Synagoge zurück und bittet die Ältesten, ihm einen neuen, wasserdichten Vertrag mit Gott zu geben. Als er den Vertrag in seinen Händen hält und ein neues Leben beginnen will, trifft ihn der Schlag, und er sackt tot zusammen.

Ironie der Geschichte? Mit der illustrierten Erzählung wollte Eisner einen Bereich der jüdisch-amerikanischen Geschichte thematisieren, der seiner Meinung nach zu wenig dokumentiert war, und gleichzeitig zeigen, dass Comics zu einer Zeit, in der sie als künstlerisches Medium wenig Beachtung fanden, zu einem reifen literarischen Ausdruck fähig waren. Im Vorwort erklärte er sein Ziel, die Übertreibung in seiner Karikatur in realistischen Grenzen zu halten. Ausserdem verarbeitete er mit dem Werk den Tod seiner eigenen Tochter Alice, die 16-jährig an Leukämie gestorben war.

Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen

Erst im Alter von 60 Jahren merkte Eisner, dass er beim Publikum populär war: Massenweise kauften Comic-Begeisterte seine «Graphic Novels» auf Flohmärkten zusammen. Eine Einladung an die erste Comic-Konferenz 1971 in San Diego führte ihm vor Augen, dass er gar als VIP verehrt wurde. Ein Treffen mit dem Verleger Denis Kitchen leitete Eisners zweite Schaffensphase ein. Kitchen legte die «Spirit»-Folgen neu auf und Eisner, nun finanziell stabil, besann sich darauf, was er wirklich wollte: In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens zeichnete er jedes Jahr eine grosse «Graphic Novel», unterrichtet bis ins hohe Alter  an Schulen und setzt neue Massstäbe in seinem Genre.

In den 1980er und 1990er Jahren verarbeitete Eisner mehrere klassische Romane, darunter zum Beispiel Moby Dick, in Comics-Form. 2002 erschien Sundiata, die Geschichte eines westafrikanischen Königs. In «Das Komplott», seinem letzten Werk, verfolgte Eisner die Wirkungsgeschichte der Protokolle der Weisen von Zion, eines fiktionalen Textes, der vorgibt, eine jüdische Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft zu dokumentieren. Eisners Hauptanliegen war es, die Protokolle als antisemitisch motivierte Fälschung offenzulegen.

Zuerst Jude, dann Atheist und Humanist

Der Künstler: Aktiv bis ins hohe Alter.

Will Eisner kannte das jüdische Milieu aus seiner eigenen Familie. 1950 hatte er Ann Weingarten geheiratet, die ihrerseits aus einem deutsch-jüdischen Elternhaus stammte. Zusammen besuchten sie eine jüdische Reform-Synagoge in Manhattan. Trotz seiner jüdischen Herkunft verstand sich Eisner stets als Atheist und Humanist. Von Kindsbeinen an war er stets mit antijüdischen Anfeindungen konfrontiert gewesen. Gegen Ende seines Lebens brach die kulturelle Diskrepanz in ihm auf: Mit seiner letzten «Graphic Novel» positionierte sich der Künstler vehement gegen die von Dummheit und Ignoranz vergiftete Gesellschaft.

William Erwin Eisner starb am 3. Januar 2005 nach einer vierfachen Bypass-Operation in New York.

Titelbild: Selbstporträt: Will Eisner am Zeichnungstisch. Alle Abbildungen © Will Eisner Studio Inc.

Die Ausstellung Cartoonmuseum Basel dauert noch bis zum 18. Juni 2023

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Cartoonmuseum Basel

 

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