StartseiteMagazinKulturValie Export: weltberühmt und radikal

Valie Export: weltberühmt und radikal

Die feministische Künstlerin hat in den 60er Jahren ein bigottes Publikum schockiert, heute trifft sie eine verunsicherte Gesellschaft ins Mark.

Wer ist Valie Export? Damals, als sie den bürgerlichen Namen in einer Emanzipationsgeste ablehnte und sich frei nach der SMART EXPORT, einer beliebten Zigarettenmarke, VALIE EXPORT (als Label gewollt versal) nannte, ging es ihr darum, Autonomie und Unabhängigkeit in einer männerdominierten Gesellschaft – die Kunstszene ist mitgemeint – zu unterstreichen.

Ausstellungsplakate vor dem Fotomuseum. © Fotomuseum Winterthur/Conradin Frei

Die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur zeigt ihre frühen Performances auf Fotos oder  Videos dokumentiert: Nämlich das Tapp und Tastkino und Aus der Mappe der Hundigkeit jeweils gemeinsam mit dem unlängst verstorbenen Aktionskünstler Peter Weibel, sowie Aktionshose-Genitalpanik. Nach der Aktion mit der im Schritt ausgeschnittenen Hose im Kinosaal wurde später ein Maschinengewehr zur Präzisierung der Aussage beigefügt und eine Plakatserie erstellt, die eine ganze Ausstellungswand belegt.

Valie Export macht zwar auch Aktionskunst, aber mit dem anarchistisch-chaotischen Wiener Aktionismus hat ihre Arbeit nur am Rande Gemeinsamkeiten. Ihr Anliegen sind bis heute präzis formulierte Konzepte, die genau nach ihrer Regie umgesetzt werden, denn es ging und geht ihr um Klarheit in ihren feministischen und gesellschaftspolitischen Aussagen.

Installationsansicht im KUB. Foto: © Markus Tretter

Das gilt auch für eine ihrer jüngsten Arbeiten: In der grossen Halle des Kunstmuseums KUB in Bregenz hat Valie Export (*1940) mit Orgelpfeifen eine verstörende Tonskulptur aufgebaut: Riesige Orgelpfeifen hängen von der Decke, kleinere an den Wänden. Sie erinnern an Bomben und Granaten, es gibt eine Art Riesen-Holztisch, gebaut aus den Kästen der gedeckten Register. Weitere Orgelpfeifen sind zusammengebaut und als Bündel so gerichtet, dass eine andere Assoziation als Stalinorgel – eine besonders tödliche Waffe im zweiten Weltkrieg – gar nicht denkbar ist.

Installationsansicht im KUB. Foto: © Markus Tretter

Der Sound dieser Tonskulptur ist zugleich der Titel des Werks: Oh Lord, Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb on Me, eine Komposition von Charles Mingus von 1961: «Der Song wurde damals für die Angst vor der Atombombe während des Kalten Krieges geschrieben, und jetzt springt er direkt in die jetzige Angst, » sagt die Künstlerin.

An dieser Orgelpfeife klebt noch ein Stück Partitur. Installationsansicht, Foto: © Markus Tretter

Die Orgelpfeifen sind keine Klangkörper aus einem Kirchenraum mehr, die eine Botschaft des Friedens zum Klingen bringen könnten, sondern Geschosse, die Tod und Zerstörung bringen. Die hier als Bedrohung zusammengebauten Pfeifen stammen aus der Wallfahrtskirche Sieben Schmerzen Mariae am Pöstlingberg in Linz, wo Valie Export geboren ist. Doch einer Orgelpfeife mit ihren Lippen bleibt die menschliche Singstimme inhärent. So schwingt doch noch Versöhnliches mit.

Blick auf die Plakaten aus der Serie «Aktionshose-Genitalpanik». © Fotomuseum Winterthur/Conradin Frei

Valie Export hat auch bei der Ausstellung in Winterthur, kuratiert von Walter Moser, mitgewirkt. Zeitgleich mit den Selbstinszenierungen – auch schmerzhafte (z.B. das bei einer Performance vom Tätowierer gestochene Strumpfband) sind zu sehen – hat sie die Werkgruppe Körperkonfigurationen geschaffen: Monumentale Bauten der Wiener Stadtarchitektur werden mit der weiblichen Figur in Beziehung gesetzt, also wiederum eine Kritik an Machtstrukturen. Einige dieser Fotografien hat sie grafisch bearbeitet, sinnstiftende Abstraktionen. In anderen Selbstinszenierungen zeigt sich die Künstlerin nackt. Dabei gehe es weder um ein sexualisiertes Bild noch um ihre Person, ist zu erfahren. Was sie anstrebt, ist eine politisch-feministische Aussage jenseits jeder Individualisierung.

In der Serie Nachstellungen greift sie die Kunstgeschichte auf, indem sie berühmte Figuren von Botticelli über Cranach bis Schongauer nachstellt: Die Körpersprache von Madonnen und anderer ikonografisch bekannter Figuren versetzt sie mit einem Modell ins Hier und Heute, damit gelingt es ihr, die sanfte Haltung zu dekonstruieren. Beispielsweise sitzt das Model der gebärenden Madonna von Michelangelo im Hausfrauenlook breitbeinig auf einer Waschmaschine, aus der orangerote Unterwäsche ins schwarzweisse Bild fliesst.

Experimente mit Foto im Foto, im Foto. © Fotomuseum Winterthur/Conradin Frei

In der Schau sind Fotografien, Videos und weitere Arbeiten zu sehen, die zwischen 1968 und 2007 entstanden sind. Wie sie mit dem Medium der Fotografie umgeht, ist wegweisend. Sie arbeitet mit dem Bild im Bild, beispielsweise bei ihren Studien mit einer Leiter, oder in der dreiteiligen Arbeit Aus dem humanoiden Skizzenbuch der Natur: Eine schwarzweiss-Fotografie ihrer Füsse im Sand wird nochmals farbig aufgenommen, wobei sie die Füsse neben die fotografierten Füsse stellt. Dann legt sie dieses Bild auf einen Teppich setzt die Füsse erneut aufs Bild und bringt so die Natur in den Innenraum. Ebenso untersucht sie den Blickwinkel des Fotografierenden. In der Serie Glasplatte mit Schuss steht die Künstlerin in einer amorphen Landschaft und hält eine Glasplatte mit Einschussloch vor ihren Körper – mal vors Auge, mal vor die Brust undsofort, wobei der Schatten des Fotografen im Glas sichtbar ist: Ein Foto schiessen wird wörtlich genommen, auch hier werden Machtverhältnisse sichtbar. Als Medienkünstlerin – so versteht sie sich – geht es nicht um die ästhetische Kunstfotografie, sondern darum, die technischen Möglichkeiten des Mediums auszuloten.

Mehrteilige Videoarbeit. © Fotomuseum Winterthur/Conradin Frei

Mit den beiden Ausstellungen in Bregenz und Winterthur gibt’s die Chance, Valie Exports Werk von frühen Performances Ende der 1960er Jahre bis zu einer ihrer neuesten Arbeiten zu studieren. Zur Fotoausstellung ist ein umfassender Katalog erschienen, denn sie wird später auch in Wien gezeigt, zur Tonskulptur im KUB ist eine Broschüre erhältlich. Aber aufgepasst, Ostermontag ist dort Schluss.

Titelbild: Valie Export vor der Arbeit «Sehtext: Fingergedicht». Foto: © Urs Tillmanns

KUB: bis 10. April
Fotomuseum Winterthur: bis 29. Mai

Hier finden Sie mehr Informationen zum Besuch der Tonskulptur im Kunsthaus BregenzHier geht es zur Valie-Export-Ausstellung im Fotomuseum Winterthur.
Zur Ausstellung VALIE EXPORT – Die Fotografien ist eine umfangreiche Publikation erschienen. Die Schau wird nach Winterthur in der Wiener Albertina und später in Berlin gezeigt. Der Band ist im Fotomuseum und im Buchhandel erhältlich.

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