Seniorweb Logo
Stiftung für digitale Lebensart
StartseiteMagazinKulturZeugnisse eines gequälten Künstlers

Zeugnisse eines gequälten Künstlers

Im open art museum St. Gallen wird eine Annäherung an Peter Wirz und sein Werk ermöglicht. Wer war dieser wegen «Debilität» und «Psychopathie» entmündigte und kastrierte Künstler, Hilfsarbeiter und Gärtnergehilfe?

Das Museum im Lagerhaus heisst neu open art museum und steht nach wie vor unter der Leitung von Monika Jagfeld. Damit wird nicht mehr der Ort (Lagerhaus), sondern die Haltung (open) akzentuiert. Das open art museum stellt sich auf seiner Website so vor: Das open art museum «widmet sich der Kunst aus Grenzbereichen», «öffnet Kunstgrenzen», «überrascht», «inspiriert», «hinterfragt bestehende Denkmuster», «setzt Emotionen frei», «lädt ein zum offenen Austausch», «fördert Diversität in der Kunst und im Kunstbetrieb».

All dies ist dem open art museum mit der ersten Ausstellung «Peter Wirz: Kontinent Wirziana» vom 30.3. 2023 – 20. 8. 2023 vollauf gelungen. Denn Peter Wirz ist ein Aussenseiter, ein Ausgestossener, der in wechselnden Lebensverhältnissen sich immer künstlerisch ausdrücken will und muss, wie er in seiner «Selbstanzeige» schreibt: «Peter Paul Wirz, geb. 10. März 1915 in Zürich. Ist nicht gottfeindlich oder gleichgültig im allg. Gottesdienst. Aber das Zeichnen und Sammeln ist ihm wichtiger. D.h. er hat den grösseren Drang zu dem.»

Lebenslauf (vgl. Zeittafel von Andres Müry: Wirziana)

Der Sohn des später bekannten Ethnologen Paul Wirz wird 1915 kurz nach seiner Geburt wegen einer angeborenen Syphilis behandelt und von den Eltern, die noch in Peters  Geburtsjahr zu einer Forschungsreise nach Neuguinea aufbrechen, zunächst beim Bruder der Mutter in einem Pfarrhaus in Goldach zurückgelassen. Ab 1919 wächst er bei seinen pietistisch orientierten Tanten Margrit und Marie Wirz in Basel auf und durchläuft da mit einigen Schwierigkeiten die Primarschule und die erste Sek. Seine Mutter, Elisabeth Wirz, Cousine des Vaters, stirbt 1929 in einem Bootsunfall (Suizid?) Vater und Sohn retten sich ans Ufer. Der Vater reist kurz darauf mit seiner zweiten Frau wieder nach Neuguinea, der Sohn wird ins Landeserziehungsheim Schloss Kefikon gesteckt, macht dort die zweite und dritte Sek. und einen Gärtnerkurs ohne Abschluss. Er entdeckt dort sein Interesse am Zeichnen. Im März 1931 wird er aus dem Grafikervorkurs in der Basler Kunstgewerbeschule ausgeschlossen, ebenso aus zwei Handwerkerlehren (Tapezierer, Schreiner), landet 1932 in Stuttgart als Knecht, wird nach drei Wochen zurückgeschickt und im selben Jahr in den Erlenhof bei Reinach (BL) gesteckt, in ein Erziehungsheim für verwahrloste und kriminelle Jugendliche. Sein Vater baut 1934 einen Holzbungalow bei Reinach, wo er bei seinen Heimataufenthalten mit seiner dritten Ehefrau und seinem Sohn Dadi (geb. 1931) aus zweiter Ehe wohnt. Für Peter folgen Arbeitsaufenthalte bei Gärtner Arnold und bei Bauern im Baselbiet. Im Dezember 1938 wird Peter entmündigt, nachdem die Psychiatrische Poliklinik bei ihm Debilität schweren Grades und Psychopathie diagnostiziert hatte. Während des Krieges arbeitet Peter als Knecht, Gärtner und zwischenzeitlich als HD-Soldat. Nachdem er 1943 mehrfach beim Onanieren an Sätteln fremder Velos beobachtet wurde, kam er in psychiatrische Behandlung, wohnte ab Sommer 1944 im Basler Jugendheim, arbeitete dort als Hilfsgärtner und zeichnete intensiv. Nach dem Ausbruch einer Psychose wird in einem Gutachten 1949 festgehalten: Psychopathie, Defektschizophrenie, Fetischismus mit analgeruchserotischem Einschlag. Im November 1949 kommt er in die psychiatrische Anstalt Friedmatt, zeichnet und arbeitet dort (Kleben von Papiersäcken). Im Mai 1950 wird er aus der Friedmatt als gebesserter schizoider Psychopath entlassen und mit seiner Einwilligung am 25. Mai im Bürgerspital Basel kastriert. Danach arbeitet er im Arbeitslager Milchsuppe als Hilfsarbeiter und Gärtnergehilfe und wohnt in externen Mietzimmern, die er wegen Streitigkeiten öfters wechseln muss. In den 50er und 60er Jahren schafft er ein Werk mit rund 700 Zeichnungen. Sein Vater stirbt 1955 in Neuguinea, mit dem Peter Wirz schon 1950 in seiner Klagelitanei abgerechnet hatte: «ein Vater» an dem ich null und nichts habe und so einen sollte ich noch ehren, also ist dies nicht alles schon genug Kreuz». 1973 zieht er ins neu erbaute Wohnheim der Milchsuppe, wo er bis zwei Jahre vor seinem Tod wohnen bleibt. Er arbeitet in den letzten Lebensjahren kaum mehr künstlerisch. Möglicherweise hemmt die zunehmende Behandlung mit Psychopharmaka seine Kreativität. Am 27. März 2000 stirbt Peter Wirz, 85, im Basler Kantonsspital an einem Schlaganfall.

Werke:

Viele der Werke von Peter Wirz sind verschollen, von den pietistischen Tanten verbrannt oder aus Unachtsamkeit und Unwissenheit bei den vielen Zimmerwechseln entsorgt worden. Dadi Wirz konnte rund 700 Farbstiftzeichnungen retten.

Dadi Wirz an der Vernissage vom 29.3.23 (Foto bs) 

Dadi Wirz hat schon als Kind die künstlerische Seite seines 16 Jahre älteren Halbbruders Peter Wirz bewundert, wenn er am Sonntag, wenn die Familie nicht gerade im Ausland war, zum Mittagessen kam und danach zeichnete. Bei der Übersiedlung von Peter Wirz 1973 in das Wohnheim der Milchsuppe wurde ein Teil seines Hausrats bei seiner Stiefmutter gelagert, darunter Hunderte von Büchern, die ihn nicht interessierten, sondern die er nur dazu benutzte, um seine Zeichnungen dort zu verstecken. Dadi Wirz, selbst Künstler und Kunstlehrer in den USA, entdeckte diese Zeichnungen eines Tages mit grosser Freude. 1979 kommt Dadi Wirz definitiv aus den USA zurück und nimmt mit Peter engeren Kontakt auf. 1982 lässt Dadi Wirz Zeichnungen seines Halbbruders bei der Collection de l’Art Brut in Lausanne begutachten, schlägt aber eine Übernahme der Sammlung durch das Museum aus. Dadi in einem Gespräch an der Vernissage: «Ich bin begeistert, dass ich Peters Halbbruder sein darf, den ich für einen der bedeutendsten Art Brut-Künstler halte.»

Peter Wirz, Jetzt donnert er los! (Selbstporträt), 1950er Jahre ©Sammlung Dadi Wirz.

Peter Wirz erläutert die Zeichnung mit folgenden Worten: «Ein Mann, welcher ‹es satt› hat. Im Mund hält er ein Rohr (bildhaft dargestellt). Die Schimpfworte wuchten wie ein Sprühregen aus dem ‹Kanonenrohr›, ebenso die Funken.» Vielleicht sind es auch Schreie aus der Klagelitaneivon Peter Wirz aus dem Jahre 1950: «Kein Freund, keine Freundin, keine Frau»…oder… «überhaupt in allem, in allen Schwierigkeiten allein»… oder… «kein Verdienst nur Taschengeld»… oder… «Bin ich der komplete Dubel u. Schafseckel, man siehts ja in allem»… oder… «Alle stärker als ich und mir überlegen»… oder… «Es ist mir nur schon das ein Kreuz, dass ich mir selbst im Weg bin und es um mich herum auch menscheln muss statt götteln.»

Peter Wirz, Wirzianum, 1940er Jahre, ©Sammlung Dadi Wirz

Fünf Jahre, von 1944 bis zum Ausbruch einer Psychose im Jahre 1949, war Peter Wirz im Basler Jugendheim. Dazu Andres Müry: «Das Vircianum, wie Peter der Grossmutter das Jugendheim noch eben scheinbar launig vorgestellt hat, bleibt von der Psychose ebenfalls nicht unberührt: Auf einem Blatt wird es zum ruinenartigen Fragment einer Kirchenarchitektur mit einem Tötungsraum. Kein Psychiater bekommt diese Bilder der Angst je zu sehen. In den Tagen vor dem Auszug aus dem Jugendheim trägt Peter Wirz sie zusammen mit anderen Habseligkeiten hinauf in den Estrich. Die Erlaubnis dazu hat er nicht, er tut es heimlich.» (S. 61/62) und weiter ein Auszug aus dem Protokoll seines Wegzugs aus dem Jugendheim: «Herr Wirz wurde heute in die ‹Friedmatt› versetzt. Der Abschied im Jugendheim war tragisch. Er weinte und sagte, dass er die grösste Schande der Familie sei.» Sein Vater ist zu diesem Zeitpunkt wieder 14 000 Kilometer weit weg im Südosten Neuguineas und erlebt unter den Papuas unvergessliche Tage, wie er seiner Frau nach Reinach schreibt. (S. 62)

Peter Wirz, Die Anlage, 1950er Jahre, ©Sammlung Dadi Wirz

In der Zeichnung Die Anlage steht in der Sprechblase des vorne rechts leger auf einer Parkbank sitzenden und Zigaretten rauchenden Mannes der Satz «Jetzt kann mir alles am Arsch lecken». Andres Müry dazu «In der Realität fehlt ihm offenbar die Gelassenheit, die sein Selbstbildnis auf dem Blatt Die Anlage zeigt.» (S. 72) Im Gespräch an der Vernissage erläuterte mir Andres Müry, ein Neffe von Peter Wirz, den Hintergrund der Zeichnung. Peter Wirz sei kein Anstaltskünstler gewesen, er sei nur ein halbes Jahr in der Klinik Friedmatt gewesen, wo seine Kastration mit folgendem Deal vorbereitet worden sei: Entweder Sie sind mit der «Operation» einverstanden oder Sie kommen lebenslang in eine geschlossene Anstalt. Oder es wurde ihm erzählt, dass er beim Einverständnis für die «Operation» nicht mehr unter den Gedanken an Mädchen leiden müsse. Am Feierabend sei Peter oft in die Basler Parks gegangen und habe mit Frauen Kontakt aufnehmen wollen, was ihm immer kläglich misslang. Stattdessen wurde er in den Parks von Jugendlichen provoziert und gehänselt. Die in Die Anlage in der Sprechblase betonte Gelassenheit und Nonchalance sei ein Schutzversuch eines letztlich gequälten, einsamen Menschen, dem es vielleicht nur noch in seinem Kontinent Wirziana halbwegs wohl ist.

Titelbild: Peter Wirz, ohne Titel (Selbstporträt), 1950er Jahre, ©Sammlung Dadi Wirz

Buch: Müry, Andres: Wirziana. Die andere Welt des Peter Wirz. Vexer Verlag 2020, 260 S. ISBN: 978-3-907112-16-8

Neben der Ausstellung über den «Kontinent Wirziana» mit 79 Werken von Peter Wirz und einer Zeichnung von Dadi Wirz werden vom 30. März bis 20. August 2023 147 Ausstellungsobjekte von 26 Künstlerinnen und Künstlern aus islamisch geprägten Ländern gezeigt unter dem Titel «Outsider Art unter dem Halbmond», siehe unter https://openartmuseum.ch

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Jahresbeitrag von nur CHF 50.
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Gratis Hotelcard für 1 Jahr (50% Rabatt auf eine grosse Auswahl an Hotels in der Schweiz)

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein